Standpunkt Vielleicht nur zwölf Jahre bis zur Klimakatastrophe

Einerseits ist der Klimawandel die komplexeste globale Herausforderung in der Geschichte der Menschheit. Andererseits ist es ganz einfach: Eine Weltwirtschaft mit niedrigerem Treibhausgasausstoß hilft den Klimawandel zu bekämpfen und macht uns dabei glücklicher, gesünder und reicher, schreibt Nick Bridge, Vertreter der britischen Regierung, in seinem Standpunkt.

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Es geht um unsere Existenz. Mehr brauchte der Premierminister von Fidschi auf meine Frage nach dem Klimawandel nicht zu sagen, nachdem 2016 der stärkste Tropensturm, den die südliche Hemisphäre je erlebt hat, Fidschi und seine Nachbarinseln verwüstet hatte.

Wir müssen jetzt aufwachen und uns der Tatsache stellen, dass wir als nächstes betroffen sein könnten. Unter den mehreren hundert Extremwetterereignissen – Rekord-Hitzewellen, Überschwemmungen, Dürren und Stürmen – hatten im vergangenen Jahr Hunderte von Millionen Menschen in allen Regionen der Welt zu leiden.

Die Risiken für eine sichere Lebensmittel-, Wasser- und Energieversorgung sind nicht zu überschätzen. Die ärmsten Länder werden am stärksten betroffen sein. Aber in unserer globalisierten Wirtschaft sind die Regale in unseren Supermärkten auf tägliche Lieferungen aus aller Welt angewiesen. Wie der britische Wirtschaftsjournalist Martin Wolf vor kurzem sagte: „Beim Klimawandel ist es fünf Minuten vor Mitternacht… die Welt läuft Gefahr, in ein immer größeres – und unkontrollierbares – Klimachaos zu stürzen.“

Die Erderwärmung seit den 1850er Jahren beträgt ein Grad Celsius, könnte jedoch in den nächsten zwölf Jahren dramatisch auf 1,5 Grad ansteigen, was zu einem unumkehrbaren Verlust von Eisschilden und einem daraus resultierenden Anstieg des Meeresspiegels von mehreren Metern führen könnte.

Bei einer Erwärmung von über zwei Grad kann für nichts mehr garantiert werden. Die Korallenriffe werden alle verschwinden. Im Vergleich zum 1,5-Grad-Szenario werden Hunderte von Millionen Menschen mehr unter den Folgen leiden müssen, und die Auswirkungen auf die für uns lebenswichtigen Ökosysteme werden unvorstellbar sein. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge könnte dies in den nächsten zwölf Jahren eintreten, und nach UN-Projektionen würden wir, wenn wir auf unserem bisherigen Pfad bleiben, für unseren wachsenden Verbrauch und unsere wachsende Bevölkerung zwei Erden brauchen. Deshalb müssen wir jetzt handeln, wenn wir eine Katastrophe verhindern wollen.

Was also müssen wir anders machen?

Wir brauchen definitiv neue Konzepte für die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Einerseits ist der Klimawandel die komplexeste globale Herausforderung in der Geschichte der Menschheit. Andererseits ist es ganz einfach: Eine Weltwirtschaft mit niedrigerem Treibhausgasausstoß hilft den Klimawandel zu bekämpfen und macht uns dabei glücklicher, gesünder und reicher. Das klingt doch nach einer guten Option.

Ein sauberer und nachhaltiger Energie-, Verkehrs-, Landwirtschafts- und Industriesektor sorgt für niedrigere Energiepreise, bessere Arbeitsplätze, eine sauberere Luft, eine bessere Gesundheit und Ernährung, lebenswertere Städte und eine reichere natürliche Umwelt. Der Sektor der klimafreundlichen Technologien wächst viermal so schnell wie die übrige Wirtschaft. Er ist eine unschlagbare Erfolgsgeschichte der Innovation.

Kohlekraftwerke tragen weltweit zum vorzeitigen Tod von acht Millionen Menschen pro Jahr bei. Schon jetzt ist erneuerbare Energie in den meisten Ländern billiger als Energie aus unsubventionierten fossilen Brennstoffen. Indien wird seine Solar- und Windstromproduktion in den nächsten vier Jahren von 50 Gigawatt auf 224 Gigawatt steigern. Nach Schätzungen der „New Climate Economy“ könnten bis 2050 allein durch kompakter gebaute und besser integrierte Städte 17 Billionen Dollar eingespart werden.

Jeder muss seinen Teil dazu beitragen. Kinder können mit ihrem Engagement für Recycling und ihrer Liebe zu Tieren und Natur Vorbilder für ihre Eltern sein. Die Wissenschaftler müssen die Fakten wirkungsvoll kommunizieren. Die Medien müssen über die Ereignisse vor allem in den ärmsten Gebieten der Welt berichten. Die Unternehmen müssen auf nachhaltige Lieferketten und eine abfallarme Kreislaufwirtschaft umstellen. Die Zivilgesellschaft muss unterschiedliche Interessensgruppen einbinden und zum Handeln aufrufen. Die Regierungen müssen Rahmenbedingungen vorgeben, die diese Bemühungen unterstützen.

Es gibt viele ermutigende Anzeichen. Am 26. November konnten wir den zehnten Geburtstag des britischen Climate Change Act 2008 feiern – des weltweit ersten Klimaschutzgesetzes. Seither hat Großbritannien seinen CO2-Ausstoß pro Kopf schneller reduziert als jedes andere G-20-Land. Der Anteil der Kohle an unserem Energie-Mix ging von 40 Prozent im Jahre 2012 auf sieben Prozent im Jahre 2017 zurück, nicht zuletzt dank unseres CO2-Mindestpreises, der den EU-ETS-Preis ergänzt. Erstmals seit 1882 konnte Großbritannien im letzten Jahr einige Tage ohne Kohlestrom auskommen. Inzwischen gibt es auch in vielen anderen Ländern Klimaschutzgesetze, und Deutschland wird 2019 ein solches Gesetz verabschieden. Im Gegensatz zu politischen Strategien, die leichter abgewandelt oder revidiert werden können, bilden solche Gesetze das Rückgrat langfristiger Maßnahmen und bieten Investoren Planungssicherheit.

Zugleich hat Großbritannien seine Kapazitäten im Bereich Offshore-Windkraft deutlich ausgeweitet auf inzwischen 7,6 Gigawatt Leistung. Deutsche Firmen haben bei dieser Entwicklung, durch die viele neue Arbeitsplätze in ehemals benachteiligten Regionen unseres Landes entstanden sind, eine wichtige Rolle gespielt. Mit solchen Beispielen für neue Arbeitsplätze in klimafreundlichen Technologien werden wir der Herausforderung einer „Just Transition“ gewachsen sein. Aber es bleibt noch viel zu tun, sowohl in unseren eigenen Ländern als auch durch Überzeugungsarbeit in aller Welt.

Auf der UN-Klimakonferenz in Polen im Dezember konnten sich die Teilnehmer nach schwierigen Verhandlungen schließlich auf Kernelemente des Regelbuchs einigen, das für die Umsetzung des Pariser Abkommens benötigt wird. Das Regelbuch ermöglicht es allen Ländern, ihre Fortschritte beim Klimaschutz zu messen und zu überwachen, und es schafft eine Grundlage, auf der sie ihre Klimaverpflichtungen weiterentwickeln können. Der nächste Meilenstein ist der UN-Klimagipfel im September 2019: dann müssen sich die Staaten zu ambitionierteren Zielen verpflichten.

Für unseren Teil wird das unabhängige UK Climate Change Committee bis zum Frühjahr der Regierung eine Empfehlung aussprechen, ob wir unser langfristiges Ziel bis 2050 anpassen und bis wann wir unsere Nettoemissionen auf null bringen müssen. Großbritannien bewirbt sich auch für die Ausrichtung der UN Klimakonferenz, COP 26, im Jahr 2020, und möchte damit eine zentrale Rolle beim internationalen Klimaschutz übernehmen.

Auch vor dem Hintergrund unseres Austritts aus der Europäischen Union sind wir weiterhin fest entschlossen, eng mit Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Partnern zusammenzuarbeiten, um die Transformation unserer Wirtschaftssysteme voranzubringen und die am meisten gefährdeten Länder bei der Anpassung an die schon jetzt unvermeidbaren Veränderungen durch den Klimawandel zu unterstützen. Ich möchte auch betonen, dass unser Austritt aus der EU keineswegs zu einer Minderung unseres klima- und umweltpolitischen Engagements führen wird.

Wir überprüfen nicht nur unser langfristiges Klimaschutzziel, sondern erarbeiten auch neue gesetzliche Grundlagen für eine nachhaltigere Landwirtschaft sowie ein neues Umweltgesetz, das neben vielen anderen Maßnahmen die Verwendung von Plastik reduzieren und den Natur- und Meeresschutz verbessern soll. Auch bei der nachhaltigen Finanzierung werden wir uns weiterhin stark engagieren.

Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung, die alle Bereiche betrifft: Finanzwesen, Gesundheit, Bildung, Energie, Landwirtschaft, Industrie, Wohnen und Verkehr. Um ihr zu begegnen, müssen Bürger, Staat und Wirtschaft sich weltweit zusammenschließen und auf andere Weise konsumieren, produzieren, investieren und reisen.

Wir sollten uns den Schaden, den wir angerichtet haben, und das Ausmaß und die Dringlichkeit der Herausforderung eingestehen. Gleichzeitig müssen wir engagiert handeln, zum Wohl unserer Kinder und Kindeskinder. Anstatt unser Ökosystem zu zerstören, können und müssen wir jetzt zu einem Paradigma finden, das uns in diesem System gedeihen lässt.

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