65-Prozent-Ziel erfordert weitere Leitungen

Die Bundesregierung hat als Ziel für 2030 einen Erneuerbaren-Anteil am Strommarkt von 65 Prozent ausgegeben. Welche Aufgaben stellt diese Anhebung der Politik und den Übertragungsnetzbetreibern? Darüber hat Background mit Werner Götz, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung von TransnetBW, und Rainer Pflaum, dem für Finanzen und Netzwirtschaft zuständigen Geschäftsführer, gesprochen. TransnetBW ist am Bau der großen Gleichstromtrassen SuedLink und Ultranet beteiligt.

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Die Bundesregierung will das Erneuerbaren-Ziel für 2030 auf 65 Prozent anheben. Was sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben?


Götz: Die Energiewende ist in sich ein ambitioniertes Ziel. Positiv gesprochen, sind wir bei dieser Reise sehr gut unterwegs. Jetzt wird das Etappenziel bis 2030 verschärft, und das wird logischerweise auch Konsequenzen für den Netzausbau haben.


Pflaum: An uns wird die Erreichung des neuen Ziels nicht scheitern. Wir tun unser Möglichstes, den Netzausbau zu realisieren. Was wir aber auch feststellen, ist, dass der Ausbau des Netzes und der erneuerbaren Energien bisher nicht synchronisiert sind. Wir würden uns wünschen, dass die Politik darauf stärker hinwirkt.


Welche konkreten Schritte sind mit Blick auf das neue Ziel notwendig?


Götz: Der wichtigste Schritt ist, die beschlossenen Ausbaumaßnahmen zeitgerecht umzusetzen. Und das heißt faktisch, für die notwendige Akzeptanz der Projekte in der Bevölkerung zu werben. Da ist sicherlich auch noch einmal die Politik gefragt, auf Bundesebene und Landesebene. Wir brauchen eine konkrete Unterstützung der Politik für die Vorhaben auf lokaler Ebene. Wir haben damit positive Erfahrungen bei SuedLink gemacht, wo sich der Umweltminister Baden-Württembergs, Franz Untersteller (Grüne), persönlich sehr stark engagiert hat. Eine solche Unterstützung bekommen wir jedoch nicht in jedem Bundesland. Dabei ist uns bewusst, dass die verschiedenen Länder unterschiedlich stark vom Ausbau der erneuerbaren Energien profitieren. Insbesondere in der Mitte Deutschlands gibt es Länder, die faktisch nur durch den Netzausbau gekreuzt werden.


Werden wir zusätzliche Stromleitungen brauchen, um das 65-Prozent-Ziel zu erreichen?


Götz: Davon müssen wir realistischerweise ausgehen. Wir arbeiten wie die anderen Übertragungsnetzbetreiber daran, das Netz durch mehr Intelligenz effizienter zu nutzen. Trotzdem würden weitere HGÜ-Leitungen erforderlich.


 Wie sieht es beim Thema Netzoptimierung aus, liegt darin noch Potenzial?


Götz: Ich glaube, dass im Thema Prognosegenauigkeit noch Potenzial steckt. Sowohl bei Wetter- als auch bei Lastprognosen. Wir können sagen, je höher die Genauigkeit der Prognosen und die Automatisierung im Netz, desto mehr Potenzial können wir heben. Ein Beispiel in diesem Zusammenhang ist das Freileitungsmonitoring als Grundlage für eine höhere Auslastung der Leitungen. Langfristig wird sich dies niederschlagen in einer effizienteren Nutzung des Gesamtnetzes und einem möglicherweise reduzierten Netzausbau. Ich warne aber davor, die Hoffnungen auf die Netzoptimierung zu hoch zu schrauben und damit den beschlossenen Netzausbau infrage zu stellen. Es wird nicht so sein, dass auf einmal ein ganzes Projekt nicht mehr notwendig ist.


Pflaum: Besser werden könnten wir auch noch bei der Berechnung der Netzzustände auf Basis gemeinsamer Netzmodelle. Wir haben hier eine gute Zusammenarbeit zwischen den Übertragungsnetzbetreibern auf europäischer Ebene. Nach dem Vorbild dieser horizontalen Kooperation suchen wir die vertikale Kooperation mit den Verteilnetzbetreibern. Präzisere Voraussagen zur Situation des Netzes helfen grundsätzlich dabei, Engpasssituationen und daraus resultierende Eingriffe in den Strommarkt zu vermeiden.


Welches Potenzial schlummert in der Digitalisierung?


Götz: Wir verdienen durch die Investition ins Netz. Jeder Kilometer Kabel ist dabei von der bestehenden Regulierung abgedeckt – Investitionen in die Intelligenz des Netzes dagegen bisher nur in Ausnahmefällen.


Pflaum: Uns würden für Investitionen in intelligente Netztechnik regulatorische Innovationszonen helfen.


Götz: Die Logik von Innovationszonen, die bisher nur in Forschungsvorhaben realisiert sind, ist, dass ein Raum geschaffen wird, in dem sich die Netzbetreiber und die Marktteilnehmer unabhängig vom aktuellen Regulierungsrahmen bewegen können. Es geht also in solchen Zonen darum, auszuprobieren, was an innovativen technischen Ansätzen und Geschäftsmodellen grundsätzlich möglich wäre, um zukünftig einen Anteil von 50 bis 60 Prozent erneuerbare Energien ins Netz zu integrieren, und welche Art der Regulierung wir dafür bräuchten.


Noch einmal zurück zur Akzeptanz: Es gibt verschiedene Ansätze, die Akzeptanz zu steigern, beispielsweise Erdkabel. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?


Götz: Bei den Gleichstrom-Projekten hat der Wechsel zu Erdkabeln, was die Akzeptanz anbelangt, sehr Gutes bewirkt. Das liegt daran, dass dadurch die visuelle Beeinträchtigung des Landschaftsbildes einfach verschwindet. Gleichzeitig besteht eine neue Herausforderung darin, dem Bürger zu vermitteln, warum eine Erdverkabelung bei Gleichstrom geht, bei Wechselstrom aber nicht, da hier noch technische Probleme bestehen. In Summe war der politische Beschluss zur Erdverkabelung bei den Gleichstromtrassen aber ein für uns wertvoller Schritt. Es ist natürlich auch eine sehr teure Lösung. Bei der Kostenschätzung für SuedLink liegen wir jetzt bei zehn Milliarden Euro anstatt der eingangs kalkulierten drei Milliarden Euro.


Union und SPD wollen auch wiederkehrende Zahlungen an betroffene Landwirte prüfen. Was halten Sie von der Idee?


Götz: Auf der einen Seite gibt es bei den Landwirten mit Blick auf die Erdkabel Sorgen, die wir ernst nehmen müssen – das ist, von ihrer Warte aus betrachtet, eine neue Technologie. Was die Frage aufwirft, ob die Nutzung betroffener Flächen uneingeschränkt möglich bleibt. Unsere Antwort ist ein klares Ja. Es braucht aber Aufklärung. Die thermische Wirkung der Erdkabel auf den Boden, die in 1,80 Meter Tiefe liegen, entspricht der einer 60-Watt-Birne, wenn man sie dort vergraben würde. Und dann gibt es die kommerzielle Komponente, wo Landwirte und ihre Interessenvertreter im Netzausbau auch eine Einnahmequelle sehen.


Die Entschädigungspraxis, die wir im Freileitungsbereich etabliert haben, ist aber auch keine kleinliche: Wir entschädigen einmalig mit rund 30 Prozent des Verkehrswertes der Nutzfläche. Und auf einem ähnlichen Niveau streben wir dies auch für die Erdverkabelung an. Was uns helfen würde, wäre eine bundeseinheitliche Entschädigungspraxis. Unabhängig von der Höhe würde uns dies viele Diskussionen ersparen. Darüber hinaus plädieren wir für eine einmalige Entschädigung. Allein aufgrund des zusätzlichen administrativen Aufwands wiederkehrender Zahlungen. Es müssten sonst jährlich zigtausend Eigentumsverhältnisse überprüft werden. Dann müsste der Netzkunde einen riesigen Verwaltungsapparat bezahlen. Stattdessen sollten vielmehr die Kosten der Energiewende im Auge behalten werden.


Die Regierung will das Netzausbaubeschleunigungsgesetz überarbeiten. Wo sehen Sie noch Möglichkeiten, Zeit einzusparen?


Götz: Wir haben eine Genehmigungspraxis, die durchaus langwierig sein kann. Da sehen wir noch Optimierungspotenzial. Wir begrüßen, dass die Bundesnetzagentur mittlerweile für die großen Vorhaben zentral zuständig ist. Im zweistufigen Genehmigungsverfahren von Bundesfachplanung und Planfeststellung könnte aus unserer Sicht der eine oder andere Schritt noch verkürzt werden.


Wie sehen Sie das Thema Verzögerung durch Klagen und Gerichtsverfahren?


Götz: Klagen und sich daraus ergebende Verzögerungen können grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden. Positiv stimmen uns die Erfahrungen mit den relativ zügigen Gerichtsverfahren der vergangenen Jahre. Aber klar ist, die Planungen sehen keine Puffer für langwierige Verfahren vor.


Sind sie vorbreitet auf die Abschaltung des letzten Atomkraftwerks 2022?


Götz: Wir sehen kein Problem für die Versorgungssicherheit. Der Kraftwerkspark, der zur Verfügung steht, ist ausreichend. Aber die Aufwendungen für Redispatch-Maßnahmen werden zunehmen. Jeder Tag, den wir ohne den erforderlichen Netzausbau auskommen müssen, kostet den Netzkunden einfach Geld.


Welche Erzeugungsanlagen ersetzen die AKW?


Götz: Wir hoffen, dass der Ersatz zu einem großen Teil aus den Erneuerbaren erfolgt. Aber wir müssen davon ausgehen, dass auch noch einiges an konventioneller Erzeugung dabei sein wird. Im Wesentlichen werden das die Anlagen in Baden-Württemberg sein. Aber auch Anlagen aus den südlichen Nachbarländern.


Das Interview führten Hendrik Köstens und Jens Tartler.

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