Standpunkt Brüssel, wir haben ein Problem

Die EU-Kommission steht vor einem politischen und technologischen Scherbenhaufen – und das ausgerechnet bei einem der wichtigsten Digitalisierungs-Projekte der nächsten Jahrzehnte: dem autonomen Fahren. Die Lage analysiert Gastautor Mathias Oberndörfer von KPMG.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen

Vergangene Woche haben 21 EU-Staaten, darunter auch Deutschlandim Ausschuss der Ständigen Vertreter den Vorschlag der EU-Kommission abgelehnt, die Wlan-Technologie als Standard für Autonomes Fahren in Europa festzuschreiben. Am heutigen Montag wird der für den Verbraucherschutz zuständige Ratsausschuss EPSCO den Plan wohl endgültig beerdigen

Die Ablehnung des Vorschlages der Kommission und somit der Wlan-Technik ist richtig. Denn die Zukunft der Digitalisierung heißt 5G, nicht Wlan. Während in Deutschland gerade die milliardenschwere Versteigerung um die Zukunft der Digitalisierung, also um das 5G-Netz, beendet wurde, und sich Länder weltweit für den 5G-Standard rüsten, erste Handys und Tarife für 5G soeben auf den Markt kommen, hatte sich die EU beim autonomen Fahren auf eine Wlan-Funkverbindung (ITS-G5) zwischen autonom fahrenden Autos festgelegt.

Europa wäre damit in Gefahr gelaufen, technisch weit hinter Asien und den USA zurück zu fallen und mit Wlan auf eine Technik zu setzen, die in zwei bis drei Jahren veraltet sein wird. Richtig ist zwar, dass die Wlan-Technik bereits jetzt verfügbar ist und auch erprobt. Sie wäre also im Gegensatz zu 5G schneller ein- und umsetzbar.

Die meisten Autobauer setzen auf 5G

Wlan ermöglicht aber nur eine Kommunikation zwischen Autos über eine sehr geringe Distanz, sie ist langsamer als 5G und kann auch nur kleine Datenpakete transportieren. 5G dagegen bietet eine Langstreckenkommunikation mit großen Datenpaketen, die vor allem auch schwächeren Verkehrsteilnehmern wie Radfahrern oder E-Scooter-Fahrern und Fußgängern zu Gute käme. Sie könnten nämlich über ihre Mobiltelefone von den Autonomen Fahrzeugen erkannt und geschützt werden.

Der größte Teil der Automobilhersteller sowie auch die Telekommunikationsbranche setzen auf die Zukunftstechnologie 5G. Schließlich laufen weltweit schon seit Jahren die Vorbereitungen für die Einführung des 5G-Standards. Und viele Länder, auch in Europa, sind in der Umsetzung schon weiter als Deutschland. Beispielsweise Skandinavien

Jetzt muss es schnell gehen

Vor diesem Hintergrund lässt einen die Festlegung der EU-Kommission auf Wlan ratlos zurück, denn das Scheitern war vorhersehbar. Soll ab 1. Januar 2020 dennoch das autonome Fahren bis Level 3 in Europa möglich sein, ist Eile geboten einen neuen, zukunftsoffenen Rechtsakt vorzulegen. Denn ganz ohne gemeinsamen Technologie-Standard geht es nicht.

Einigen sich die 28 Staaten nicht, beispielsweise auf 5G, und kommen mehrere unterschiedliche Technologien zum Einsatz, droht das autonome Fahren ebenfalls zu scheitern oder sich um Jahre zu verzögern. Denn Wlan und 5G können nicht miteinander kommunizieren. Das heißt, haben verschiedenen Autos unterschiedliche Technologien, dann können sie sich gegenseitig nicht erkennen und miteinander „reden“.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen