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Cybersecurity

Kolumne „Perspektive“

Innovation neu lernen

Wie schmerzlich darf gesellschaftliche Innovation sein? Gerade in Krisenzeiten sollte der Blick nach Außen und der Anspruch an technologische Vollkommenheit stetig überprüft werden. Warum die Angst vor Veränderung nicht den Fortschritt durch Technologie bremsen sollte – die Kolumne von Sven Weizenegger.

Porträt Weizenegger

von Sven Weizenegger

veröffentlicht am 05.07.2022

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Disruptive Innovationen bewegen sich immer haarscharf an der Grenze zur Unverschämtheit. Sie stellen altgediente Experten bloß, machen bestehendes Wissen unbrauchbar und zwingen alle Akteure zum Umdenken. Am besten funktionieren sie dort, wo latente Unverschämtheiten geschätzt werden. Wo es zum kulturellen Selbstverständnis dazu gehört, sich ständig zu hinterfragen und Zumutungen als Chance zu sehen.

Es gibt Länder, in denen disruptive Veränderungen zum nationalen Selbstverständnis gehören. In den USA ist es marktwirtschaftliches Denken, das Veränderungen durch Wettbewerbsdruck schafft. In einigen Ländern Osteuropas hat die politische Transformationserfahrung nach 1989 dafür gesorgt, dass Veränderungen als alltäglicher Teil des eigenen Lebens gesehen werden. Sie haben sich mitunter auch auf Leapfrogging eingelassen, also dem bewussten Aussparen von Stufen eines Entwicklungsprozesses, um gleich die nächst höhere Stufe zu nehmen. Das ist ein mutiger Schritt.

In der Ukraine beispielsweise waren langwierige Behördengänge vor zehn Jahren noch Alltag, Verwaltungsarbeit bestand vor allem aus der Anhäufung von Papierbergen. Mittlerweile ist die Digitalisierung in diesem Bereich weit fortgeschritten, viele Behördenangelegenheiten können mit Hilfe der App „Dija“ erledigt werden. Deren Einführung im Jahr 2019 galt als wesentlicher Fortschritt und wurde weitgehend begrüßt: Mit Dija können sich Ukrainerinnen und Ukrainer elektronisch ausweisen und 50 der wichtigsten Behördendienstleistungen elektronisch beantragen.

Die Einführung der App war nicht frei von Pannen: Im Jahr 2020 etwa sorgte ein Datenleck dafür, dass Angaben zu 26 Millionen Führerscheinen frei im Netz verfügbar waren. Der Akzeptanz von Dija hat das insgesamt nicht geschadet. Die App hat mittlerweile 14 Millionen Nutzer und leistet gerade in Zeiten des Krieges wichtige Dienste: Verwaltungsdienstleistungen sind trotz Luftalarm und Bombeneinschlägen zuverlässig und ortsunabhängig verfügbar.

Vor den traurigen Realitäten des Jahres 2022 wundern sich nun Geflüchtete aus der Ukraine, warum sie in so einigen angeblich hochentwickelten Ländern der EU wieder eine Zeitreise zurück zur Ära der Papierberge machen müssen, um notwendige Anträge einreichen zu können. Ein Tipp: Sprechen Sie mal mit Menschen aus der Ukraine, die sich derzeit kriegsbedingt in Mitteleuropa aufhalten. Viele von ihnen vermissen den Komfort, den ihnen Dija ermöglichte – und sie verstehen nicht, warum es in Deutschland noch Faxgeräte gibt und weshalb die deutsche Verwaltung ihre mittlerweile weltberühmte Liebe zum bedruckten und signierten Papier bis in die Gegenwart pflegt.

Was soll man diesen Menschen nun antworten? Leapfrogging hat dann sehr gute Chancen, wenn die Betroffenen den Entwicklungssprung auch als Chance begreifen, und sich nicht die Köpfe darüber heiß reden, welche Gefahren im Auslassen von Entwicklungsstufen liegen. Bei uns in Deutschland liegen die Dinge etwas anders. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass bewährtes Wissen hierzulande lange genug gut funktioniert hat und der größere Teil der Deutschen über keinerlei eigene Transformationserfahrung verfügt. Aber das allein erklärt den unterschwellig vorhandenen Unwillen zur Veränderung eben nicht.

Ein Teil der Wahrheit dürfte ebenfalls sein, dass die Deutschen in den vergangenen Jahren viel zu oft mit sich selbst beschäftigt waren und es verpasst haben, das eigene Handeln im Kontext der globalen Veränderungen zu sehen. Ein Beispiel: Während im vergangenen Jahr die russische Militärpräsenz entlang der ukrainischen Grenze zunahm und die Kriegsgefahr von Monat zu Monat wuchs, fühlten sich Deutsche eher durch Debatten um Tempolimits und geschlechterneutrale Sprache getriggert.

Wer den Durchschnittsdeutschen im Herbst 2021 einmal so richtig wütend erleben wollte, musste auf Twitter nur fordern, dass auf deutschen Autobahnen kein Fahrzeug schneller als 100 Stundenkilometer fahren dürfe. Schnell fühlten sich Millionen von deutschen Autofahrern in ihrem subjektiven Empfinden dessen berührt, was sie als „Freiheit“ empfanden. Die Debatte bekam auf diese Weise schnell eine übergeordnete Dimension – es ging nicht mehr um verkehrspolitische Ordnungskonzepte, sondern scheinbar um den Kern des demokratischen Gesellschaftssystems. Dass Putin bereits im Sommer des gleichen Jahres einen Essay veröffentlicht hat, in dem er der Ukraine das Existenzrecht absprach, interessierte dagegen kaum jemanden. Vom Begriff der „Freiheit“ sprachen hier folglich auch die wenigsten.

Über Jahre ist in Deutschland eine Diskussionskultur entstanden, die sich zu oft nach innen richtet und nicht nach außen, die wenig international ist und bisweilen auch darauf abzielt, Veränderungen durch die Überhöhung der eigenen Argumente zu verhindern. Meinungsdifferenzen eskalieren viel zu schnell, weil jede Seite darauf besteht, ganz grundsätzlich Recht zu haben. Am Ende bleibt selbst bei wichtigen Fragen der Eindruck übrig, dass etwas „umstritten“ und damit nicht pauschal „sinnvoll“ ist.

Die Gefahr ist dann, dass der Zweifel zu einem stärkeren Taktgeber für die öffentliche Auseinandersetzung wird als der Gedanke daran, welche positiven Veränderungen durch eine konkrete Technologie möglich sind. Ein weiterer Nebeneffekt: Wenn der Zweifel in den Mittelpunkt rückt, verharrt die Debatte meist in den Ängsten der Gegenwart.

Wenn man beispielsweise die Entstehungsdebatte um die Corona-Warn-App zwei Jahren später nachverfolgt, dann weiß man auch, warum es in Deutschland noch kein Dija-Äquivalent gibt. Spätestens nach der Panne mit den Führerscheindaten wäre die Zahl derer, die sich eher mit den Risiken der neuen Technologie beschäftigen, viel höher gewesen als die Zahl derer, die trotz bestehender Defizite eine Chance erkennen.

Die neue Sicherheitslage in Europa stellt uns nun vor Herausforderungen, die schnelle Lösungsansätze erfordern. Wir befinden uns in der Zeit des „Sense of Urgency“: Es gibt es Dringlichkeitsempfinden, bestehende Verhältnisse zu ändern. Wir haben keine Zeit dafür, Technologien auf Basis von „Goldrandlösungen“ zu entwickeln, die den Einsprüchen sämtlicher Stakeholder gerecht werden. Manchmal müssen wir improvisieren, ausprobieren und durchaus auch mal scheitern. Es kann sein, dass ein Start-up die passende Lösung für ein Problem hat, dass im militärischen Bereich behoben werden muss. Womöglich sollten wir auch einfach mal austesten, ob große Technologiekonzerne aus dem nicht militärischen Bereich Lösungen anbieten, die uns weiterhelfen können.

Einiges davon könnte „umstritten“ sein. Manches wird nicht funktionieren. Aber in jedem Fall sollten wir immer bereit sein, ständig dazuzulernen. Das funktioniert aber nur, wenn wir auch tatsächlich bereit dazu sind. Auch das ist Teil der Zeitenwende: Dass wir noch einmal neu lernen, auf welche Weise wir gesellschaftliche Veränderungen miteinander aushandeln. Auch wenn wir mal unterschiedlicher Meinung sind.

Sven Weizenegger ist Leiter des Cyber Innovation Hubs der Bundeswehr, eine Innovationseinheit der BWI.

In unserer Reihe „Perspektiven“ ordnen unsere Kolumnist:innen regelmäßig aktuelle Entwicklungen, Trends und Innovationen im Bereich Cybersicherheit ein. Zuvor von Sven Weizenegger im Background Cybersicherheit erschienen: Wie Krisen Wirkung entfalten

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