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Standpunkt

Landes- und Bündnisverteidigung denken: Welche Geisteshaltung die Bundeswehr heute braucht

Philipp Fritz, Goethe-Universität Frankfurt am Main und Sebastian Nieke, Bundesakademie für Sicherheitspolitik
Philipp Fritz, Goethe-Universität Frankfurt am Main und Sebastian Nieke, Bundesakademie für Sicherheitspolitik Foto: Foto: privat

Deutschland verstärkt seine Landes- und Bündnisverteidigung. Die jüngsten Beschlüsse in Nato und EU zielen in die gleiche Richtung: Das freie Europa soll wehrhafter werden. Dazu braucht es aber nicht nur Geld, Material und Personal. Die erneute Ausrichtung auf die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) erfordert auch eine robuste und resiliente Mentalität. Es gilt, ein Mindset LV/BV zu verinnerlichen, um den Auftrag zum Schutz von Demokratie und Freiheit wirksam erfüllen zu können.

von Philipp Fritz und Sebastian Nieke

veröffentlicht am 19.10.2022

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Deutschlands Verstärkung der militärischen Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung ist ein wesentliches Element der „Zeitenwende“, die Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Reaktion auf Russlands Krieg gegen die Ukraine verkündet hat. Dazu braucht es aber nicht nur Geld, Material und Personal – sondern auch die angemessene Geisteshaltung. Für ein entsprechendes Umdenken warb Scholz jüngst bei der Bundeswehrtagung in Berlin: „Wir sind gerade dabei, das Fundament zu legen für eine neue Bundeswehr, und wir alle wissen: Fakten entfalten normative Kraft. Aber wir wissen auch, dass noch etwas Entscheidendes hinzukommen muss: Ein verändertes Denken.“

Die „afghanisierte“ Bundeswehr

Bereits das 2016 durch die Bundesregierung erlassene Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr hat die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) wieder als zentrale Aufgabe der Bundeswehr benannt und auf Augenhöhe mit den Auslandseinsätzen gestellt. Die Mehrzahl der heutigen Soldatinnen und Soldaten ist allerdings in Einsätzen wie in Afghanistan, in Mali oder im Kosovo sozialisiert worden, die als wichtige Karriereschritte gelten und den militärischen Alltag in deutschen Kasernen bis heute prägen. In Teilen der Truppe ist von einer „afghanisierten“ Bundeswehr die Rede, da die deutschen Streitkräfte in ihrer Struktur, Ausstattung und Ausbildung vorrangig an den Auslandseinsätzen ausgerichtet wurden – häufig zu Lasten der Befähigung zur LV/BV.

Die Entsendungen an die Nato-Ostflanke, wie in Litauen seit 2015,sind als einsatzgleiche Verpflichtungen eingestuft und werden von Deutschlands osteuropäischen Verbündeten als realer Beitrag zur Verteidigung ihrer Heimat wahrgenommen. Im informellen Einsatzranking der Truppe galten sie jedoch als wenig prestigeträchtig. Viele deutsche Soldatinnen und Soldaten empfänden den Dienst in Litauen aufgrund eines Mangels an „Wahrnehmung, Anerkennung und Wertschätzung für diesen Auftrag – sowohl in der Bundeswehr als auch im öffentlichen sowie politischen Bewusstsein“ als einen „Einsatz zweiter Klasse“, schrieb die Wehrbeauftragte des Bundestages Eva Högl in ihrem Jahresbericht 2021.

Dieses Ungleichgewicht läuft Gefahr, die in einem Ernstfall der LV/BV zu erwartenden Leiden, Entbehrungen und Härten zu unterschätzen und das dafür nötige geistige Rüstzeug nur wenig relevant erscheinen zu lassen. Dabei offenbart das Kriegsbild in der Ukraine eine Realität, an welche die Gefechtserfahrungen der Bundeswehr in Afghanistan – unbenommen der persönlichen Leistungen der Soldaten und Soldatinnen – nicht annähernd heranreichen.

Auch boten selbst in diesem, die Truppe bislang am stärksten prägenden, Auslandseinsatz am Hindukusch die gut gesicherten Feldlager eine relative Sicherheit und Annehmlichkeiten wie regelmäßige Mahlzeiten, Freizeiteinrichtungen und Kontakt in die Heimat, während nur bis zu einem Viertel der Bundeswehrkräfte die schützenden Lagermauern regelmäßig verließen. Die zumeist vier- bis sechsmonatige Einsatzteilnahme war dabei für die meisten Bundeswehrangehörigen zeitlich planbar.

Geistiges Rüstzeug für die Truppe

Die aus den Auslandseinsätzen gewonnenen militärischen Lehren sind insgesamt nur sehr bedingt auf ein LV/BV-Szenario übertragbar. Im Gegensatz zu den überwiegenden Erfahrungen der Auslandseinsätze müssten nahezu alle Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in einem LV/BV-Ernstfall allerdings damit rechnen, auf unabsehbare Zeit unter spartanischen Bedingungen und ständiger Bedrohung ihren Dienst zu tun.

Auch weit hinter den Frontlinien wären sie Kriegsschrecken ausgesetzt und stünden unter der permanenten Belastung, kaum Informationen zur Situation ihrer Angehörigen zu haben. Viele dieser Faktoren würden bereits in einem Spannungsszenario ohne Ausbruch von Kampfhandlungen zum Tragen kommen.

Wenn Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr für die Verteidigung gegen einen Gegner auf militärischer Augenhöhe gerüstet sein sollen, braucht es nicht nur eine entsprechende Ausbildung und Ausstattung, sondern überdies eine robuste und resiliente Mentalität. Die psychische Bereitschaft zum Kampf und der Wille zum tapferen Dienst sind Mentalparameter, welche maßgeblich zur Einsatztauglichkeit einer Armee beitragen, wie sich derzeit eindrücklich im Verteidigungskampf der ukrainischen Streitkräfte zeigt.

Die Schaffung eines entsprechenden Mindsets LV/BV in der Bundeswehr erfordert realitätsnahe Ausbildung, stringente Wertevermittlung und ein kontinuierliches Engagement auf mehreren Ebenen. Seitens der politischen und militärischen Führung bedarf es Klarheit in der Kommunikation, um einen Typus demokratisch-wertegebundener Soldatinnen und Soldaten als entschlossene Verteidigerinnen und Verteidiger zu vermitteln. Dies gilt es, für Führungskräfte aller Ebenen im Dienstalltag durch gelebtes Vorbild fortzusetzen.

Es geht darum, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen – also auch zu begreifen, dass diese Werte der Verteidigung bedürfen und ihrer würdig sind. Dazu passt auch, dass in der Öffentlichkeit gezielt Bilder kampfbereiter Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten gesetzt werden, während in der Vergangenheit phasenweise das Bild eines Unternehmens Bundeswehr gezeichnet wurde, welches die Befassung mit dem potenziellen Kämpfen, Töten und Sterben der eigenen Mitmenschen in Uniform teils ausgeblendet hat.

Chancen für Sinnstiftung und Tradition

Die laufenden Nato-Einsätze „enhanced Forward Presence (eFP)“ in Litauen und „enhanced Vigilance Activities (eVA)“ in der Slowakei zur Unterstützung der osteuropäischen Verbündeten sollten parallel zu anderen Auslandseinsätzen als Chance begriffen werden, Traditions-, Sinn- und Motivationsquellen für deutsche Soldatinnen und Soldaten zu erschließen, die wiederum zu einem solchen Mindset beitragen können. Die klare Fokussierung dieser Missionen auf Bündnisverteidigung und glaubhafte Abschreckung sowie die in ihnen gelebte Multinationalität bieten dafür adäquate Anknüpfungspunkte.

Dabei darf ein Mindset LV/BV nicht die Vielschichtigkeit soldatischen Handelns, wie sie zum Beispiel Mandate der Vereinten Nationen zur Stabilisierung und Friedenssicherung erfordern, ausblenden. Ebenso darf es nicht als ein apolitisches, rein funktionales Selbstverständnis als Kämpferinnen und Kämpfer missverstanden werden.

Demgegenüber bietet sich das Narrativ der gemeinsamen Verteidigung eines in Werten gebundenen Europas an – was durch die multinationale und gelebte Einsatzkameradschaft in den gegenwärtigen Missionen an den östlichen Bündnisgrenzen aktiv mitgetragen wird und auch bei jüngeren, verstärkt pan-europäisch ausgerichteten Generationen eine höhere Motivationskraft erwarten lässt.

Mit der Zeitenwende sollte demnach in der Bundeswehr auch ein der Lage entsprechendes Mindset der Landes- und Bündnisverteidigung aktiv gestaltet und nachhaltig vermittelt werden. Dabei müssen Überzeugung, Robustheit und die Bereitschaft zur multinationalen Kooperation gemeinsame Elemente des soldatischen Selbstverständnisses sein, um so einen Beitrag zum Einsatz- und Kampfwert der gesamten Bundeswehr zu leisten.

Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung des Arbeitspapiers „Mindset LV/BV: Das geistige Rüstzeug für die Bundeswehr in der Landes- und Bündnisverteidigung“, das zuvor bei der Bundesakademie für Sicherheitspolitik veröffentlicht wurde.

Philipp Fritz ist Major der Reserve mit Einsatzerfahrung und widmet sich derzeit als Doktorand an der Goethe-Universität Frankfurt am Main der Ausarbeitung einer eigenständigen Militärethnologie. Sebastian Nieke ist Politikwissenschaftler und arbeitet an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin. Die Autoren geben ihre persönliche Meinung wieder.

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