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Cybersecurity

Kolumne „Perspektive“

Warum Innovation den „Sense of Urgency“ braucht

Die Entstehung von Reformen zur Digitalisierung braucht den nötigen „Sense of Urgency“, also ein gewisses Dringlichkeitsgefühl. Wie löst „Sense of Urgency“ Innovationen aus und was ist zu tun, falls er ausbleibt?

Porträt Weizenegger

von Sven Weizenegger

veröffentlicht am 24.02.2022

aktualisiert am 28.02.2022

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Man kann Probleme lange aufschieben. Sehr lange sogar. Doch davon gehen sie nicht aus der Welt. Denken wir an Studierende in der Prüfungsphase: Prokrastination ist ein süßes Gift, aber je näher der Abgabetermin der Masterarbeit in Sicht kommt, desto tödlicher kann es sich auf den Erfolg des Studiums auswirken. Und trotzdem kann aus der Not heraus Großes entstehen. Erfolgreiche Uni-Absolventen, die ihre Arbeiten auf den letzten Drücker abgeben, haben meist eines gemeinsam: Sie haben irgendwann das gewisse Dringlichkeitsgefühl verspürt, sich aus dem Zustand des steten Aufschiebens heraus in eine Phase des intensiven Schaffens zu verändern. Ein „Sense of Urgency“ kann uns dabei helfen, Dinge aus der Not heraus komplett neu zu denken. Ohne Dringlichkeitsgefühl gibt es keinen Wandel. 

Von dieser Warte aus gesehen ist es fast bedauerlich, dass es für die Reformen zur Digitalisierung von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland keine Abgabetermine gibt. Der digitale Wandel schreitet voran, aber er ist in seiner wichtigsten Phase beinahe unsichtbar. Man merkt den angesammelten Entwicklungsrückstand meist erst dann, wenn er offensichtlich wird. Wie beispielsweise während des ersten Jahres der Covid-19-Pandemie, als im deutschen Gesundheitssystem die Basiskommunikation zwischen Laboren und Gesundheitsämtern mit einer Technologie abgewickelt wurde, die mal modern war, als Gottlieb Wendehals an der Spitze der Charts stand und der Hamburger SV zum bisher letzten Mal deutscher Fußballmeister wurde: das Fax.

Und trotzdem fehlt Deutschland immer noch der nötige „Sense of Urgency“, wenn es um den digitalen Fortschritt geht. Es gibt keinen Zwang zur Digitalisierung. Und hinzu kommt noch, dass altbewährte Strukturen in einem entwickelten Industrieland lange Zeit immer noch leidlich funktionieren. Dringlichkeit entsteht meist erst dann, wenn es fast zu spät ist.

Dringlichkeit beschleunigt Veränderung

Technologische Fortschritte entstehen meist in einem anderen Klima. Start-ups etwa existieren in einem Umfeld der Dringlichkeit: Es gibt eine große Konkurrenz um die besten Geschäftsideen, und noch eine viel größere Konkurrenz um Anschlussfinanzierungen. Jede Entscheidung der Gründer ist in der Startphase von der Dringlichkeit geprägt, das junge Unternehmen am Leben zu erhalten.

Auch auf Ebene von Staaten gibt es den „Sense of Urgency“, der Entwicklungen vorantreibt. Estland, heute das europäische Musterbeispiel für eine gelungene Digitalisierung, musste sich nach der endgültig wiedererlangten Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 völlig neu erfinden. Bereits Mitte der 1990er-Jahre erkannte man dort die Vorteile, die digitale Strukturen für ein kleines und verhältnismäßig dünn besiedeltes Landhaben können.

Hinzu kommt, dass die Personalfluktuation zwischen Wirtschaft und Verwaltung sehr groß ist. Niemand würde es in Estland verstehen, wenn Technologien, die für Unternehmen funktionieren, nicht auch vom Staat ausprobiert werden würden. Das passiert dann folgerichtig auch. Und zwar mit agilen Methoden: Innovationen werden von der estnischen Verwaltung nach Start-up-Prinzipien verwirklicht. Feldtests im kleinen Rahmen. „Trial and Error“.    

In der Verteidigungspolitik ist Israel ein klassisches Beispiel für Innovationen durch ein latentes Dringlichkeitsgefühl: Aus der Situation einer seit Jahrzehnten währenden Bedrohungslage hat sich dort auch im Verteidigungsbereich der digitale Wandel mit einem enormen Tempo vollzogen. Ein Grund dafür war auch, dass Israel auf neue Bedrohungsszenarien reagieren musste, die mit dem digitalen Wandel einhergehen. Industriell weit weniger entwickelte Länder und nicht-staatliche Akteure können heute mit Cyberwaffen großen Schaden anrichten. Und je weiter die Technologie im Zielland eines möglichen Cyberangriffs entwickelt ist, desto größer kann der Schaden ausfallen.

Ein anderes Beispiel ist die Ukraine. Als Russland im Frühjahr 2014 völkerrechtswidrig die Krim annektierte, war nur ein Bruchteil der ukrainischen Streitkräfte überhaupt einsatzfähig, Ausrüstung und Waffensysteme stammten größtenteils noch aus den Beständen der Sowjetarmee. Später wurde über eine Spendenplattform Geld gesammelt, um eine Crowd-entwickelte Überwachungsdrohne für die Streitkräfte zu finanzieren. Der akute „State of Urgency“ zwang die ukrainische Armee zur Umsetzung unkonventioneller, aber effektiver Ideen. Seitdem wurden die Streitkräfte umfassend modernisiert.

„Sense of Urgency“ und Mut zum Experiment

Was macht Innovationen aus, die vor dem Hintergrund eines Dringlichkeitsgefühls entstehen? Meist handelt es sich dabei nicht um die berühmte „Goldrandlösung“, bei der alles perfekt sitzen muss. 

Tatsächlich jedoch sind Veränderungen, die im Kleinen beginnen, oft viel effektiver. Innovationen im „Sense of Urgency“ können aufgrund der empfundenen Dringlichkeit nicht aufwändig geplant werden, deswegen nähert man sich ihnen in klar umrissenen Kurzexperimenten, aus denen alle Beteiligten immer wieder dazulernen können. Überhaupt: Die Fähigkeit zum andauernden Dazulernen ist wohl einer der wichtigsten Treiber bei der Entstehung von Innovationen – bei Goldrand-Projekten lernt man häufig erst dann dazu, wenn klar ist, ob der Goldrand-Standard erfüllt wurde oder nicht.

Damit sich das Lernen unter Dringlichkeitsgefühl nicht in den täglich erworbenen Kurzlektionen verliert, braucht es große Ziele. Bei Start-ups stehen sie im Businessplan. Im Falle der Bündnis- und Landesverteidigung sind sie für alle Beteiligten aus der allgemeinen Bedrohungslage offensichtlich. Aus diesen großen Zielen lassen sich wiederum mittlere und kleinere Ziele ableiten, auf die das tägliche Lernen abzielen soll.

Leichter wird das Dazulernen auch dann, wenn Expertise von außen herangezogen wird, die neue Sichtweisen auf bekannte Zusammenhänge ermöglicht. Das ist übrigens eine große Stärke der Bundeswehr: Tausende Reservisten bringen täglich ihr Wissen mit ein, das sie im Zivilleben erworben haben.

Introspektion anstelle vom Dringlichkeitsgefühl

Und was ist, wenn sich das Dringlichkeitsgefühl nicht einstellen will? Wenn es keinen Abgabetermin und keine akute Not gibt? Es hilft, sich ständig zu vergegenwärtigen, wie groß die Probleme durch das eigene Nichthandeln werden. In Zeiten der technischen Revolution bedeutet die eigene Gemütlichkeit gegenüber den sich ständig verändernden Rahmenbedingungen am Ende, dass die eigenen Handlungsmöglichkeiten immer geringer werden. Das trifft für den endlos prokrastinierenden Studenten ebenso zu wie für den Staat an sich.  

Sven Weizenegger ist Leiter des Cyber Innovation Hubs der Bundeswehr, eine Innovationseinheit der BWI.

In unserer Reihe „Perspektiven“ ordnen unsere Kolumnist:innen regelmäßig aktuelle Entwicklungen, Trends und Innovationen im Bereich Cybersicherheit ein. Zuvor von Sven Weizenegger im Background Cybersicherheit erschienen: Raum für Innovation schaffen

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