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Cybersecurity

Standpunkt

Wie sich Sicherheitsprobleme im Datenhandel beheben lassen

Wolfgang Maaß, Wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz
Wolfgang Maaß, Wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz Foto: Universität des Saarlandes

Ein funktionierender Datenhandel wird zunehmend zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor der europäischen Wirtschaft. Doch die meisten Unternehmen haben Angst davor, die eigenen Daten zu teilen. Für Wolfgang Maaß, Wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, verbirgt sich im Vertragsrecht ein wichtiger Lösungsansatz, ihnen diese Angst zu nehmen.

von Wolfgang Maaß

veröffentlicht am 08.11.2022

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Zwischen Corona, Ukrainekrieg und Energiekrise rücken derzeit Diskussionen um neue Technologien oder das datenbasierte Innovationspotenzial in den Hintergrund. Dabei ist das ein Versäumnis, das ebenfalls zu einem großen Risiko werden kann, denn andere Länder im Weltmarkt setzen weiterhin mit voller Kraft auf die Förderung und den Ausbau der Datenökonomie und hängen dabei gerade Deutschland immer weiter ab. Doch ehrlicherweise reicht es nicht aus, nur den aktuellen Weltkrisen die Schuld an der gegenwärtigen Position der deutschen Industrie in punkto Datennutzung zu geben. Vielmehr geht es um fehlendes Vertrauen der Unternehmer:innen in die Datenökonomie. Dabei könnte es doch so einfach sein – und so sicher, beispielsweise mit Hilfe von Datenverträgen.

Datenhandel: Eine Win-Win-Situation

Die Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen ist eng mit dem Begriff „Data driven decision making“ verbunden. Dabei geht es beispielsweise darum, Lieferketten nicht aufgrund von individuellen Erfahrungen, sondern auf Basis von Daten zu optimieren. Dafür reicht es natürlich nicht aus, sich nur die eigenen Unternehmensdaten anzusehen. Man muss zum Beispiel auch wissen, wie die Wetterbedingungen auf hoher See und die Rohstoffbedingungen in allen Regionen der Welt sind. Diese Daten selbst zu erheben ist entweder unmöglich oder sehr teuer. Die Lösung verbirgt sich deswegen im Tausch von Daten mit anderen Unternehmen. Eigentlich eine absolute Win-Win-Situation: Ich erhalte Daten, die ich für mich gewinnbringend analysieren kann und gewinne dadurch wertvolle Erkenntnisse. Dafür kann ich Daten verkaufen, die für mich ohne Bedeutung sind und habe eine zusätzliche Einnahmequelle. Denn eine wichtige Sache wird oftmals vergessen: Daten an sich haben keinen Wert. Erst wenn sie in neue digitale Services überführt werden, entwickeln sie diesen. Deswegen können auch Daten, die für den einen wertlos sind, einen echten Schatz für ein anderes Unternehmen darstellen.

Die Vorteile liegen also auf der Hand. Trotzdem gibt es insbesondere in Europa keinen etablierten Datenhandel. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein wesentliches Hemmnis ist die Angst, mit den eigenen Daten aus Versehen Geschäftsgeheimnisse preiszugeben. Es ist fast unmöglich zu wissen, was das Gegenüber durch intelligente Analysen meiner Daten über mich herausfinden kann. Das senkt natürlich die Bereitschaft, Daten herauszugeben. Doch es gibt einen einfachen Weg, diese Ängste auszuräumen: Verträge.

Der digitale Notar: Ein Sicherheitsversprechen

Wann immer es in der Wirtschaft um kritische Geschäfte geht, gibt es eine Instanz, die Einigungen erst möglich gemacht hat: den Notar. Eine unabhängige dritte Partei, die nur einen Prozess in Gang setzt und für Sicherheit sorgt. Zum Glück für die Datenwirtschaft lässt sich dieses Prinzip ganz einfach in den digitalen Raum übertragen: Im Rahmen des Forschungsprojekts EVAREST aus dem Technologieprogramm Smarte Datenwirtschaft haben wir einen sogenannten Broker – einen digitalen Notar – entwickelt, über den zwei Parteien in einem geschützten Raum sicheren Datenhandel betreiben können. Gemeinsam wird ein Vertrag aufgesetzt, der festlegt, welche Datenmenge getauscht wird und wie genau die Daten verwertet werden dürfen. Der KI-basierte Notar stellt als Vertrauensinstanz in der Mitte die vertragliche Verwendung der Daten sicher. Dadurch ist ausgeschlossen, dass das kaufende Unternehmen meine Daten für mich schädlich einsetzt. Das schafft die hohe Sicherheit, die wir für den Aufbau einer funktionierenden Datenökonomie in Europa brauchen.

Ein Hoch auf Datenverträge

Das Sympathische an der Lösung des digitalen Brokers ist das aus der analogen Welt gelernte Vorgehen und akzeptierte Sicherheitsversprechen. Gleichzeitig ist das Verfahren auch leicht adaptierbar: Bereits in naher Zukunft werden wir hier mit Standardverträgen mit festen Textbausteinen arbeiten, die sich in klassischen Drag- & Drop-Vorlagen zusammensetzen lassen. Das macht es auch kleinen und mittleren Unternehmen möglich, mit am Verhandlungstisch zu sitzen und die Potenziale der Datenanalyse zu nutzen. Zu guter Letzt hält es die Kosten maximal gering, da keine echte Person zwischengeschaltet ist, die zusätzliche Aufwände generiert. Damit sind Datenverträge ein unkomplizierterer Weg, um Datensicherheit schneller zu erreichen, als viele denken.

Wolfgang Maaß ist Professor und Leiter des Forschungsbereichs „Smart Service Engineering“ am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Im Rahmen des Technologieprogramms Smarte Datenwirtschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz hat er im Projekt EVAREST eine Datenplattform entwickelt, die sich auf Datenprodukte und Digitale Services für die Lebensmittelproduktion spezialisiert.

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