Standpunkt Das Geld und der Klimaschutz: 1,5 Grad in der Finanzwelt zum Maßstab machen

Die Klimakrise erfordert einen weitreichenden Wandel in der Wirtschaft. Die Transformation dürfe nirgends haltmachen, auch nicht vor der Finanzwelt, schreibt Matthias Kopp, Leiter Sustainable Finance beim WWF Deutschland, in seinem Standpunkt. Sonst klaffen gehandelte und reelle Werte irgendwann auseinander und der Wirtschaft fehlt das Geld, um sich für die Zukunft zu rüsten. Wertverschiebungen zu antizipieren sei mittelbar entscheidend für die Stabilität des Finanzsystems.

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Damit Wirtschafts- und Finanzsystem ihren Teil zum Erreichen der Klimaziele und gleichzeitig zur Wohlstandssicherung betragen, muss die Politik den richtigen Rahmen setzen. Ein gutes Rahmenwerk würde nachhaltige Geschäftsmodelle und innovative Produktideen fördern. Grundlage hierfür bilden wissenschaftliche Erkenntnisse, die uns zeigen, was nötig ist, um in den Grenzen unserer Erde zu leben und wirtschaften.

Aus ihnen lassen sich Szenarien für die Zukunft entwickeln, die unter anderem beantworten: Wenn 1,5 Grad gehalten werden soll, welche Produkte, Unternehmen, Infrastrukturen oder gar große Teile ganzer Branchen sind dann besonders wertvoll? Und was wird an Wert verlieren? Erneuerbare Energien, Effizienzlösungen beispielsweise im Maschinenbau, intelligente, flexible Produktionsverfahren, Technologien zum Speichern von Strom, emissionsarme Zement- oder Stahlproduktion – all das und noch vieles mehr wird an Wert gewinnen. Die schädlichen fossilen Energieträger aber – Kohle, Öl und Gas – oder emissionsintensive Autoflotten dürften massiv einbüßen.

Hier zeigt sich, wie wichtig für Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen das Verständnis und die Anbindung an die Herausforderungen der Realwirtschaft sind. Diese Wertverschiebung zu antizipieren, wird mittelbar auch entscheidend sein für die Stabilität des Finanzsystems. Derzeit aber orientiert es sich allzu sehr an der Vergangenheit, um Entwicklungen von Werten und Risiken abzuschätzen. Nur sagen Informationen zur Höhe von Emissionen im letzten Jahr wenig über eine Strategie zu deren Reduktion aus. Daher braucht es zukunftsgerichtete Analysen.

Durch gut durchdachte Strategien entstehen investier- und finanzierbare Chancen- und Risikoprofile, die sich in die gesamtgesellschaftliche Transformation fügen und sie stützen – indem sie auch zentrale Politikziele wie die Sicherung der Haushaltsstabilität bedienen und Fehlallokation von Kapital vermeiden.

In diesem Zusammenhang sollten auch die Aufsichtsbehörden des Finanzmarktes das Thema Nachhaltigkeit stärker in den Blick rücken und prüfen, inwieweit Geldströme kompatibel sind mit einer 1,5-Grad-Welt und den Entwicklungen in der Realwirtschaft. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hat damit begonnen, die europäischen Aufsichtsbehörden sind hier ebenfalls bereits unterwegs. Auch bei der Frage des Börsenzugangs sind entsprechende Kriterien wesentlich.

Eine Taxonomie als befähigender Handlungs- und Bewertungsrahmen wäre immens wichtig, um ein gemeinsames Verständnis darüber zu haben, wie geprüft wird was als nachhaltig und klimakompatibel gilt. Sie muss wissenschaftlich fundiert sein und „beweglich“ – also Prozesse und Entwicklungen einbeziehen, statt nur statisch ein- und auszuschließen. Denn ein Industrieunternehmen mag heute nicht klimafreundlich sein: Aber vielleicht arbeitet es schon an einer Strategie, eben das zu werden. Damit würde es zukunftsfähig und so auch investitionswürdig.

Deutschland ist derzeit noch schlecht aufgestellt, was den nachhaltigen Wandel der Finanzwelt betrifft. Noch nutzt die Bundesregierung das Finanzsystem nicht als Hebel gegen die Klima- und die nächste Finanzkrise, sondern lässt sie zu sehr jenseits realer Entwicklungen gewähren. Doch so riskiert sie Verwerfungen auf dem Finanzmarkt und Fehlentwicklungen in der Wirtschaft, da das Geld nicht dorthin fließt, wo die Zukunft liegt. Das gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze.

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