Standpunkt Der Riese schläft weiter

Zehn Jahre Verspätung beim Erreichen der Ziele, unentschlossenes Handeln: Bei der Energieeffizienz, insbesondere von Gebäuden, hinkt die Bundesregierung ihren Ambitionen weit hinterher. Sanierungsquote, Fokus auf Neubauten, zu wenige Fachhandwerker – die Liste der Versäumnisse ist laut Lothar Bombös, Vorstandschef des Qualitätsgedämmt e.V., lang.

Lernen Sie Tagesspiegel BACKGROUND kennen

Dieser Text erscheint im Tagesspiegel BACKGROUND, dem täglichen Entscheider-Briefing zu Digitalisierung & KI.

Jetzt kostenlos probelesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen

Auf breiter Front hinkt Deutschland seinen Zielen hinterher – beim Wohnungsbau, beim Energiesparen und auch bei der Reduzierung des Ausstoßes von klimaschädlichem CO2. Es wäre fatal, diese Defizite mit einem lakonischen Schulterzucken hinzunehmen. Wissenschaftler haben in ihrem aktuellen Bericht des Weltklimarates die erschreckenden Folgen des Klimawandels plakativ beschrieben, sie alle können kaum irren. Und trotzdem, so scheint es, wird der Ernst der Lage unverändert verkannt und damit auch die Lebensqualität unserer Gesellschaft aufs Spiel gesetzt.

Die Politik hat vieles angeschoben, um die Energiewende auf den Weg zu bringen. Dazu zählt in erster Linie die Förderung von erneuerbaren Energien. Das ist gut, springt aber zu kurz. Denn gelingt es nicht, auch die Energieeffizienz drastisch und nachhaltig zu steigern, laufen alle Anstrengungen um mehr Umwelt- und Klimaschutz ins Leere. Die Produktion von Ökostrom, Energiesparen und Energieeffizienz gehen Hand in Hand, da nur ein erheblich geringerer Energieverbrauch unseren (ökologisch basierten) Energie- und Wärmebedarf von morgen sichert und so gleichzeitig der Schlüssel zu wirksamem Klimaschutz ist. Jeder nicht verbrannte Liter Heizöl und jeder nicht verbrannte Kubikmeter Gas sind ein direkter Beitrag zur Reduktion von CO2-Emissionen. Anders gesagt: Energieeffizienz ist für den Klimaschutz ebenso unverzichtbar wie die Ökostrom-Produktion.

Aber wie es aussieht, werden wir das nationale Effizienzziel von 20 Prozent Einsparungen erst zehn Jahre später als 2020 erreichen. Auch der Primärenergieverbraucht sinkt bei weitem nicht stark genug. Statt minus 20 Prozent (gegenüber 2008) liegen wir aktuell bei sechs(!) Prozent. Nur ein milder Winter 2017/2018 hat uns vor noch blamableren Zahlen bewahrt. Deutschland ist also keinesfalls „on track“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß als studierte Physikerin um die energietechnischen Wirkungsweisen und hat den Gebäudebestand in Deutschland zu Recht als „schlafenden Riesen“ bezeichnet. Das war vor der Bundestagswahl – heute schläft der Riese weiter seinen ungerechten Schlaf: Eine viel zu niedrige Sanierungsquote, die einseitige Fokussierung auf den Neubau und ein eklatanter Mangel an qualifizierten Fachhandwerkern stehen einer dringend nötigen Modernisierung unserer Gebäude ebenso im Wege wie eine bereits versprochene, aber immer noch nicht gewährte steuerliche Absetzbarkeit energetischer Gebäudesanierungen.

Politisch entschlossenes Handeln sieht anders aus. Dabei sind effektive Energiespar-Technologien (in der Anlagen- und Gebäudetechnik ebenso wie bei der Dämmung von Dach, Fenster und Fassade) seit langem vorhanden, ausgereift sowie erprobt und bewährt. Noch vor gut zwei Jahren hatte die Bundesregierung in ihrem Grünbuch die Energiewende mit dem Slogan „Efficiency first“ verknüpft und dem Energiesparen einen höheren Stellenwert zugedacht als der reinen Ökostromproduktion. Längst vergessen, wie es scheint.

Dabei war Deutschland einst Vorreiter in Sachen Klimaschutz, nun ist dieses wirtschaftlich starke Land hier weit zurückgefallen. Nun treffen die Folgen des Klimawandels direkt auch unser Land. Bei einem unverändert hohen Temperaturanstieg zu Wasser und zu Lande, der großenteils auf das Konto der CO2-Emissionen geht,  vergrößert sich auf der Erde die unbewohnbare Fläche.  Das bedingt nicht zuletzt eine globale, klimabedingte Migration.

Verantwortungsvolle Energie- und Umweltpolitik ist nicht nur ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor, der für Energietechnik und -konzepte „Made in Germany“ glänzende Perspektiven bietet. Sie ist auch Ausweis gesellschaftlicher und politischer Verantwortung, die hilft, dass wir nachfolgenden Generationen nicht einen klimatisch noch problematischeren Planeten hinterlassen.

Lernen Sie Tagesspiegel BACKGROUND kennen

Dieser Text erscheint im Tagesspiegel BACKGROUND, dem täglichen Entscheider-Briefing zu Digitalisierung & KI.

Jetzt kostenlos probelesen
Sie sind Background-Kunde und haben noch kein Passwort? Wenden Sie sich an unseren Support oder hier einloggen