Standpunkt Der verlogene Protest

Thorben Becker vom BUND widerspricht in seinem Standpunkt dem Magdeburger Umweltökonomen Joachim Weimann, der den Ausbau der Windenergie scharf kritisiert hatte. Den Vergleich der Anti-Wind-Bewegung mit der Anti-Atombewegung kann er nicht nachvollziehen.

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Windkraftgegner organisieren sich zunehmend bundesweit.  Anders als von Professor Joachim Weimann behauptet, wird dieser Protest leider sehr wohl wahrgenommen: Ihre Forderungen und Positionen haben Einfluss auf die Wahlprogramme von FDP und AfD und die konkrete Politik etwa in Bayern oder Nordrhein-Westfalen genommen. Das Problem: Im Kern richten sich die Windkraftgegner gegen eine Veränderung ihrer Umgebung und des Landschaftsbildes durch die Windenergie. Alle weiteren vorgebrachten Argumente sind eigentlich nicht geeignet grundsätzlich einen Ausbau der Windenergie in Frage zu stellen und lassen sich leicht widerlegen. Und die Antwort auf die entscheidende Frage wird, auch im Standpunkt von Weimann, ausgelassen: Wie soll eine klimafreundliche Energieversorgung in Deutschland ohne den engagierten Ausbau der Windenergie funktionieren?


Die These von Joachim Weimann, die Windkraftgegner wären von ihrer Bedeutung mit der Anti-Atom-Bewegung zu vergleichen, würden aber zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, ist falsch. Zunächst überrascht es, dass diese These wissenschaftlich daher kommt, aber der Autor verschweigt, dass er selbst gegen Windenergieanlagen an seinem Wohnort aktiv war. Aber unabhängig davon geht es der Anti-Atom-Bewegung um die Abwehr einer großen Gefahr für die Allgemeinheit. Das Risiko der Atomkraft ist nicht mit der Landschaftsveränderung durch Windkraft zu vergleichen. Die Auswirkungen eines katastrophalen Atom-Unfalls sind in Fukushima und Tschernobyl für jeden sichtbar. Und selbst in einer Zeit, in der die großen Auseinandersetzungen um die Atomkraft in Deutschland Geschichte zu sein scheinen, mobilisiert die Anti-Atom-Bewegung immer noch viele Menschen wie zuletzt mit der Menschenkette von Aachen zum benachbarten Akw Tihange in Belgien mit 50.000 Teilnehmern. Und die Anti-Atom-Bewegung wird unterstützt von einer breiten gesellschaftlichen Mehrheit. Dies können die Windkraftgegner nicht behaupten.


Bürger tragen die Energiewende


Denn die breite Zustimmung für die Energiewende ist nach wie vor vorhanden. Mehr noch waren es in den vergangenen Jahren oft Bürger vor Ort, die die Energiewende voran gebracht haben. Rund die Hälfte der Anlagen ist in Bürgerhand, Energiegenossenschaften und Bürgerwindparks sind die Normalität. Das ist ein Garant für die bis heute ungebrochen hohe Zustimmung zur Energiewende und nicht minder für die Demokratisierung der Energieversorgung und Wertschöpfung vor Ort. Bereits mehr als ein Drittel des Stromverbrauchs ist erneuerbar. Es geht der Umweltbewegung um eine Beendigung der Risiken der Atomkraft und um einen aktiven Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe. Die Auswirkungen des Klimawandels sind durch die Extremwetter und Wirbelstürme der letzten Zeit mehr als deutlich geworden.


Windenergie ist das Arbeitspferd der Energiewende


Mehr Strom aus Windenergie zu erzeugen hat für eine zukunftsfähige klimafreundliche Energieversorgung ohne Kohle und Atom eine enorme Bedeutung. Der hohe Stellenwert der Windenergie ergibt sich bereits daraus, dass sie im ganzen Land verfügbar ist. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. Zwei Prozent der Landesfläche reichen aus, um bis zu 400 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr zu erzeugen – dies entspricht etwa 60 Prozent des heutigen Stromverbrauchs. Windkraft ist also besonders flächeneffizient. Die Bodenversiegelung durch Masten ist minimal und nach 20 bis 30 Jahren können sie ohne bleibende Schäden und Strahlen- oder Giftmüllprobleme wieder abgebaut werden. Windenergie an Land ist zudem die preiswerteste Form von Strom aus erneuerbarer Energien. Die Anlagen holen die für ihre Herstellung nötige Energie in drei bis sechs Monaten wieder herein. Ein weiterer Pluspunkt: Windräder zu errichten ist erschwinglich. Sie können kooperativ von Genossenschaften, Stadtwerken oder Eigentümergemeinschaften betrieben werden. Hinter einem Großteil der Windräder stehen Tausende von Eigentümer – und nicht die Großkonzerne.


Das Landschaftsbild wird sich ändern


Der Ausbau der Windenergie wird das Landschaftsbild in vielen Regionen in Deutschland verändern. Die Energieversorgung wird sichtbarer und bleibt nicht auf wenige große Kraftwerke und Kohletagebaue beschränkt.  Die   Bewertung   der   Wirkung   von   Windrädern   auf   das   Landschaftsbild   ist von  Mensch  zu  Mensch  verschieden.  Studien  zeigen,  dass  der  Bau  von  Windenergieanlagen  von   über   zwei   Dritteln   der   Bevölkerung   befürwortet   wird.   Beeinträchtigungen   des   Landschaftsbildes  können  durch  eine  sorgfältige  Standortwahl  minimiert werden.  Dies zeigt sich etwa in Regionen wie Nordfriesland, wo trotz eines weit über dem Bundesdurchschnitt liegenden Ausbaus immer noch Landschaftsschutzflächen frei gehalten werden können. Zudem  können Windenergieanlagen relativ einfach wieder abgebaut und das „ursprüngliche“ Landschaftsbild wiederhergestellt werden.


Menschen- und naturverträglicher Ausbau der Windenergie


Für den BUND ist es dabei wichtig, den Ausbau der Windkraft möglichst umweltverträglich zu gestalten. Eignungsgebiete für Windkraftanlagen müssen im Rahmen der Landes- und Regionalplanung unter Beteiligung der Umweltverbände identifiziert werden. Der BUND versucht alles zu tun, um den Schaden, der durch den Ausbau der Windkraft entstehen kann, so klein wie möglich zu halten.


Der BUND fordert weit über bestehende gesetzliche Regelungen hinausgehend, dass Naturschutzgebiete, Nationalparks und Europäische Schutzgebiete absolut frei von Windkraft bleiben. Auch innerhalb von grundsätzlich geeigneten Flächen braucht es eine genaue Prüfung, wo genau und wie eine konkrete Genehmigung für Windkraftanlagen möglich ist. Dabei geht es zum Beispiel um Abstandsregelungen zur Wohnbebauung, Vorkommen von bedrohten Arten und so weiter. Genehmigungen dürfen hier aus Sicht des BUND nur auf der Grundlage von unabhängigen Gutachten und gegebenenfalls mit strengen Auflagen erteilt werden. Zudem gilt es die anderen Belastungen der Landschaft durch Straßenbau, industrielle Landwirtschaft und falsch geplante Siedlungsentwicklung effektiver zu begrenzen. Es ist sicherzustellen, dass die Störungen und Bedrohungen für Mensch und Natur minimiert werden.


Leider stellen wir als BUND fest, dass sich Länderministerien, Windkraftplaner, Kommunen und Genehmigungsbehörden nicht immer an die Bedingungen für einen naturverträglichen Ausbau halten. Dagegen geht der BUND politisch, medial und, wenn nötig und möglich, auch vor Gericht vor.


Hier geht es aber nicht um die Sinnhaftigkeit des Windenergieausbaus, sondern um möglichst gut geeignete Standorte für den Ausbau. Wir sind überzeugt, dass Naturschutz und die unverzichtbare Energiewende in Einklang zu bringen sind.


Angebliche  Gesundheitsgefahren durch Windkraft


Grundsätzlich  gilt:  Die  Gesundheit  der  Anwohnerinnen  und  Anwohner  ist  zu  schützen.  Werden  Standorte  jedoch  sorgfältig  geplant  und  Mindestabstände  etwa nach Bundesimmissionsschutzgesetz von  Windrädern  zu  den  nächstgelegenen  Wohnhäusern  eingehalten,  so  geht  von  Windrädern  keine  Belästigung  durch  Lärm, Infraschall oder Schattenwurf für die Anwohnerschaft aus. Trotz anderslautender Behauptungen auch im Standpunkt von Joachim Weimann gilt dies auch für den Infraschall. Wie andere technische Anlagen erzeugen auch Windenergieanlagen Schall mit sehr tiefen Frequenzen (Infraschall). Es liegen einige Studien zu den biologischen Wirkungen des Infraschalls vor. Wenn dieser mit einer hohen Intensität auftritt, so ist er wahrnehmbar und kann zu Symptomen wie Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche führen. Viele  Alltagsgeräusche  erzeugen  deutlich  mehr  Infraschall  als  Windenergieanlagen. Die von Windkraftanlagen ausgehenden Schwingungen im Boden sind messtechnisch nachweisbar. Aber bereits in weniger als 300 Metern Abstand von der Anlage sind sie so weit abgesunken, dass sich aus dem permanent vorhandenen Grundrauschen nicht mehr herausheben.


Braunkohle ist das Klimaproblem


Die Energiewende funktioniert beim Ausbau der Erneuerbaren Energien und in den letzten Jahren vor allem bei der Windenergie an Land. Dass die Klimaschutzziele dennoch nicht erreicht werden, liegt daran, dass parallel viel zu viel Kohlestrom produziert wird. Das dieser Effekt auftritt liegt auch daran, dass der Emissionshandel nicht funktioniert. Um im Jahr 2020 vierzig Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen als 1990, müssen in großem Umfang Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Bis 2020 müssen die Kohlekapazitäten hierzulande halbiert werden, bis spätestens 2030 brauchen wir den Komplettausstieg aus der Kohle. Außerdem müssen die erneuerbaren Energien zügiger ausgebaut, Energieeffizienzmaßnahmen beschleunigt und der Energieverbrauch deutlich gesenkt werden.


Druck auf die Fläche


Wichtig für einen vernünftigen Ausbau der Windenergie ist die Auswahl der geeigneten Standorte. Ein großes Problem sind dabei die gerade auch auf Druck der Windkraftgegner in Bayern oder in Nordrhein-Westfalen verabschiedeten generellen großen Abstandsregelungen der Windkraftanlagen zu Siedlungen. Diese Abstandsregelungen behindern nicht nur den Windenergieausbau insgesamt, sondern sie führen auch dazu, dass verstärkt in den naturschutzfachlich zu schützenden Gebieten geplant werden muss.


Ein ähnlicher Effekt entsteht durch den Kostendruck durch die neuen Ausschreibungen bei der Förderung der Windenergie. In diesem einen Punkt stimme ich Joachim Weimann ausdrücklich zu. Der hohe Kostendruck schränkt die Auswahl der möglichen Standorte für die Windenergie deutlich ein, was eine vernünftige Planung erschwert. Auch der wirtschaftliche Druck, im Binnenland immer größere Anlagen bauen zu müssen, kann ein Problem für die Akzeptanz des Ausbaus werden.


Eine neue Bundesregierung muss deshalb dafür sorgen, dass beides möglich ist: ein engagierter Ausbau der Windenergie auch durch die Bürger vor Ort und eine vernünftige Standortwahl.


Thorben Becker, BUND

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