„Deutsche Unternehmen werden von der Energiewende in Frankreich profitieren“

Bei der Wahl zur französischen Nationalversammlung kandidiert Anna Deparnay-Grunenberg für die Grünen in einem französischen Auslandswahlkreis, der Deutschland und mehrere osteuropäische Länder umfasst. Sie ist Deutsch-Französin und Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Stuttgarter Rathaus. Im Gespräch mit Tagesspiegel-Background erklärt sie, wie die Energiewende in Frankreich weitergehen wird.

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Wie bewerten Sie die Ernennung von Nicolas Hulot zum französischen Umweltminister?


Wir sind begeistert, dass Nicolas Hulot als Gallionsfigur des Naturschutzes Minister geworden ist. Denn wir brauchen einen Kulturwandel hin zu erneuerbaren Energien und einem nachhaltigen Wirtschaftssystem. Hulot leitet ein breit aufgestelltes Ministerium. Da merkt man, Macron meint es ernst mit der nachhaltigen Entwicklung. Spannend wird natürlich die Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium sein, denn da spielt die Musik.


Wohin geht die Reise in der Energiepolitik?


Ich denke, Frankeich muss lernen, viel partizipativer zu werden und die Bürger machen zu lassen, die zum Beispiel Windparks bauen wollen. Bisher wurde in der Energiepolitik immer vom Staat vorgegeben, wo es langzugehen hat. Der Kurswechsel passt dann auch zusammen mit der Vision von Emmanuel Macron, etwas weniger Staat zu haben und die Menschen in verschiedenen Formaten selber machen zu lassen.


Die große Frage, die wir haben, ist natürlich der Atomausstieg. Nicolas Hulot hat jahrelang dafür gekämpft und deswegen sind wir guter Hoffnung, dass Fessenheim an der deutschen Grenze so schnell wie möglich geschlossen wird.


Bis 2025 soll der Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung von 75 auf 50 Prozent reduziert werden und der Anteil erneuerbarer Energien auf 50 Prozent steigen. Halten Sie das für machbar? Macron hat es ja in einem Interview vor der Wahl etwas relativiert.


Ich finde das extrem ambitioniert für ein Land, das so lange und so viel in Atomkraft investiert hat. Es ist das Ökologischste, was wir erwarten können. Da wird es natürlich einen großen Investitionsplan für erneuerbare Energien geben müssen.


Glauben Sie, dass deutsche Unternehmen davon profitieren können?


Auf jeden Fall. Die Franzosen sind ja sehr innovativ und neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen. Beispielsweise bei Gezeitenkraftwerken. Auch die Kombination der großen Flächen, die für die Schafzucht genutzt werden, mit Photovoltaik wird in manchen Regionen ein Markt sein.


Wie könnten sich deutsche Unternehmen den französischen Markt eröffnen?


Wahrscheinlich ist es ein guter Moment, um auf Kommunen und Bürgerinitiativen zuzugehen. Diese Akteure wurden ja so lange ausgebremst, weil vieles von oben geplant wurde. Jetzt dürfen sie endlich auch mal.


Macrons erster Staatsbesuch führte ihn nach Deutschland. Wie können die beiden Länder bei der Energiewende zusammenarbeiten?


Es gibt mit dem deutsch-französischen Büro für die Energiewende ein Netzwerk, das sich vorgenommen hat, die ökologische Transformation voranzutreiben. Die lässt sich ohnehin nur gesamteuropäisch lösen. Da ist die deutsch-französische Freundschaft sehr wichtig. Es darf natürlich nicht so sein, dass das eine Land dem anderen seine Sicht der Dinge aufzwingt. Da braucht es eine Neujustierung der Position Deutschlands. Nur wenn andere Länder auch stark sein dürfen, gibt es eine Entwicklung der Energiewirtschaft auf Augenhöhe.


Wird Deutschland auch in Frankreich als ein Land gesehen, das andere dominiert?


Ja – und darin wird Deutschland bewundert und gleichzeitig für seine Oberlehrerhaftigkeit verachtet. Das wird von Deutschland gar nicht unbedingt so gemacht, aber es wird so empfunden. Frankreich kann andererseits nicht bei jeder Veränderung mit den Gewerkschaften das ganze Land blockieren und sich gleichzeitig sehnsüchtig eine Veränderung erträumen. Und Deutschland kann nicht sagen: So wie es ist, ist es gut, wir haben sehr gute Exportwerte und das freut uns. Da müssen beide Partner aufeinander zugehen.


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