Standpunkt Deutschland, nutze deine Chance für einen schnellen Kohleausstieg

Der Amerikaner Ken Berlin ist Präsident und CEO der vom ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore gegründeten Klimaschutz-Organisation „The Climate Reality Project“, das gerade in Berlin gastiert. In seinem Standpunkt fordert Berlin Deutschland zu einem Kohleausstieg bis 2030 auf. Nur so könne das Land zurückkehren in die Reihen der progressiven Klimaschutz-Staaten.

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Als US-Präsident Donald Trump im letzten Jahr bekannt gab, aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen zu wollen, war die Mehrheit der Amerikaner, ich selbst eingeschlossen, entsetzt. Doch die Hoffnung hatten wir nicht verloren: Wir sahen wie die internationale Staatengemeinschaft, angeführt von Deutschland und Frankreich, sofort reagierte, und mit Nachdruck und entschlossen bekräftigte, der Klimakrise offen und direkt entgegen zu treten.


Deutschland war das erste Land Europas, das im großen Maßstab auf Wind- und Solartechnologie setzte. Das Energiekonzept 2010 und der Atomausstieg 2011 signalisierten den Beginn der Energiewende, die den Kurs für eine grundsätzliche, langfristige Umorientierung der Energieversorgung setze. Doch heute sind diese Fortschritte und Deutschlands Glaubwürdigkeit akut gefährdet. Andere Länder haben aufgeholt und setzen ihre eigenen sauberen Energielösungen und Klimaschutzvorhaben viel schneller um.


Verzögerung beim Ausstieg aus Kohlestrom


Der Wandel zu einer klimafreundlichen Wirtschaft ist nicht einfach. Überall entlang des Weges lauern Schwierigkeiten und Rückschläge. Noch muss daran gearbeitet werden, dass die Energiewende für alle Deutschen gerecht und fair ist. Deutschland hat gezeigt, dass dies möglich ist – dass der Wandel eine Chance ist, der Wirtschaft Wachstumsimpulse zu geben und die Arbeitsplätze der Zukunft zu schaffen. Um diese Chance beim Schopf zu fassen, müssen die wirtschaftspolitischen Entscheider jetzt handeln.


Diesen Monat hat die deutsche Regierung mitgeteilt, man werde das eigene, für 2020 angesetzte Emissionsreduktionsziel um acht Prozentpunkte verfehlen. Es gibt hierfür viele Gründe; aber am kritischsten ist die von Regierungsseite zu verantwortende Verzögerung beim vollständigen Ausstieg aus dem schmutzigen Kohlestrom. Wenn Deutschland jetzt nicht rasch handelt und nachlegt, damit die Ziele für 2030 rechtzeitig erreicht werden können, wird es zu einem Beispiel der Tatenlosigkeit und verliert seine Glaubwürdigkeit. Mit der in dieser Woche beginnenden „Kohlekommission“ hat Deutschland die Chance, die Vorarbeit für einen raschen und gerechten Kohleausstieg zu leisten und echte Fortschritte bei der Energiewende zu machen.


Der Kohleausstieg ist mit politischen Hindernissen belastet. Jedoch verdanken wir dem deutschen Erfindungsgeist die Technologien, die den Kohleausstieg auf wirtschaftlich vernünftige Art ermöglichen – nicht zuletzt dank der Beteiligung von Gemeinden und Unternehmen. Auf internationaler Ebene haben Länder wie das Vereinigte Königreich, Kanada, Frankreich und Italien die „Globale Allianz für den Kohleausstieg“ gegründet und sich der Aufgabe verpflichtet, insgesamt aus der Kohle auszusteigen und ein Vorbild für den Rest der Welt zu werden.


Bis 2030 aussteigen, um Klimaziele zu erreichen


Jahrzehntelang hat Deutschland solche progressiven Initiativen angeführt und davon profitiert. Es ist an der Zeit, dass es in die Reihen der Gleichgesinnten zurückfindet, die gemeinsam eine nachhaltige Zukunft anstreben. Es beginnt damit, dass Deutschland sich verpflichtet, den Kohleausstieg bis 2030 zu vollziehen und damit der Welt beweist, dass es den europäischen Beitrag zum Erreichen des Pariser Klimaabkommens ernst nimmt und seinen Beitrag leisten will. Die Ziele sind durchaus erreichbar, möglicherweise könnten sie sogar noch angehoben werden.


Ein wichtiges, erstes Signal an die Weltgemeinschaft wäre die Abschaltung von 10 Gigawatt schmutzigem Kohlestrom. Es geht hierbei nicht nur darum, dass Deutschland sich auf den Klimaschutz zurückbesinnt. Es geht auch darum, als Land in einer globalen Wirtschaft wettbewerbsfähig zu sein, die in Zukunft auf Erneuerbare setzt. Heute bereits verwenden Technologiegiganten wie Apple zu 100 Prozent erneuerbare Energien; Firmen in den USA und in China versuchen, einander beim Aufbau einer Elektrofahrzeugindustrie, die den Fahrzeugmarkt der Zukunft dominieren wird, auszustechen. Die Wirtschaft kann es sich schlicht und einfach nicht leisten, den Anschluss zu verpassen.


Das ist die zentrale Botschaft, mit der wir, das „The Climate Reality Project“, diese Woche nach Berlin gekommen sind. Gemeinsam mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore und seinem Team aus weltbekannten Wissenschaftlern und Vordenkern wollen wir Klimaschützerinnen und -schützern Werkzeuge und Know-How an die Hand geben, damit sie von der Politik mehr Ehrgeiz beim Kohleausstieg fordern und europaweit in Städten, Ländern und Unternehmen den Fortschritt vorantreiben.


Es steht viel auf dem Spiel. Ob Deutschland als Europas Wirtschaftsdynamo die Chance einer klimafreundlichen Wirtschaft erkennt und umsetzt – die Kohle im Staub der Vergangenheit hinter sich lässt und in Klimafragen wieder die Zügel der Weltgemeinschaft in die Hand nimmt – wird nicht nur die Zukunft Deutschlands, sondern die unseres Planeten beeinflussen. Diese Chance sollte Deutschland nutzen.

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