Standpunkt Die Autoshow mitten im Abgasskandal

Die Autoindustrie will sich - wie jedes Jahr - bei der IAA selbst feiern. Aber dafür gibt es wenig Grund, analysiert Gerd Lottsiepen in seinem Standpunkt. Die neuen Technologien hat die Branche ganz allein verschlafen.

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Die Internationale Automobilausstellung öffnet am Donnerstag ihre Tore für das Publikum. Und wieder wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wie bei jeder IAA begleitet von ihrem Duzfreund Matthias Wissmann, dem Präsidenten des Verbands der Deutschen Automobilindustrie (VDA) und Ex-Kollegen im Kabinett von Helmut Kohl (CDU), über die IAA schreiten und die Bedeutung der Autoindustrie für den Wirtschaftsstandort Deutschland betonen. Sie hat Recht, viele Arbeitsplätze hängen an der Autoindustrie. Doch die Autoindustrie selbst gefährdet Hundertausende Arbeitsplätze – durch Betrug und die Unbeweglichkeit im Dieselgate. Einen Tag vor IAA 2015 platzte der Abgasskandal, doch Kanzlerin Merkel weihte die Autoshow damals ungerührt ein.


Die Autobosse beeilten sich zu Beginn des Skandals, alles auf Volkswagen zu schieben, so auch der damalige Geschäftsführer des VDA, Ulrich Eichhorn. Heute ist er Entwicklungschef bei VW und sieht das anders. Der ökologische Verkehrsclub VCD konstatierte, als die Vorwürfe bekannt wurden, VW sei nur die Spitze des Eisberges. Der Skandal weitete sich aus, scheibchenweise kam immer mehr raus. In diesem Sommer rief Daimler drei Millionen Diesel-Pkw in Europa zurück. Und „Der Spiegel“ deckte das Kartell der deutschen Autohersteller auf.


Die Regierung gibt sich mit Software-Updates zufrieden


Schlimmer konnte es kaum kommen. Doch die Bundesregierung gab sich auf dem Diesel-Gipfel mit einem billigen Software-Austausch und einer von der Industrie versprochenen Abwrackprämie zufrieden. Die Kanzlerkandidaten von CDU und SPD Angela Merkel und Martin Schulz empörten sich zwar im TV-Duell minutenlang über den Betrug der Autoindustrie – doch klare Kante zeigen sie nicht. Sie bemühten sich mehr, dem Diesel eine Zukunft zu gewähren und sich als Retter der Arbeitsplätze in der Autoindustrie zu zeigen. Eine schöne Vorlage für Matthias Wissmann, der daraufhin vor „grünlackierten Autofeinden“ warnte. Der VDA-Präsident attackiert die Aufklärer von Dieselgate, um von den Machern des Skandals abzulenken.


Zur Erinnerung: Die Autohersteller betrügen seit rund zehn Jahren. Sie haben Fahrzeuge verkauft, die den gesundheitsschützenden Stickoxid-Grenzwert nur auf dem Rollenprüfstand im Labor einhalten. Die EU schätzt, dass die schmutzige Luft aus Verbrennungsmotoren 38.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr in den Staaten der EU verursacht. Wenn die Autoindustrie vorsätzlich Autos mit hohen Schadstoffemissionen auf die Straße bringt, geht es also um fortgesetzte Körperverletzung.


Autonomes Fahren soll die Industrie nun retten


Nun startet die IAA unter dem Motto „Zukunft erleben“. Es soll um „Autonomes Fahren“ gehen. Ein spannendes Thema. Eine Welt, in der Fahrzeuge ohne Fahrer unterwegs sind, die immer rational handeln, sicher fahren, Unfälle vermeiden: Die Fahrzeuge gibt es noch nicht, nur Studien sind zu sehen, und viele Fragen sind noch offen. Nicht umsonst gab es in diesem Jahr ein Gesetzgebungsverfahren, das sich aber an das autonome Auto noch nicht herantraute. Denn es geht in den kommenden zehn, 20 Jahren nur um das automatisierte Fahren, bei dem der Computer unterstützt aber nicht er selbst, sondern der Fahrer die Verantwortung hat.


Sicher ist, dass Fahrassistenten immer mehr Funktionen übernehmen, bald wird es kaum noch Autos ohne Tempomat geben. Abstandswarner und Abstandshalter, Notbremsassistenten, Spurhalter, Einparkassistenten, die selbstständig einparken, werden kommen. Und irgendwann auch einmal autonom fahrende Autos, in denen der Fahrer Texte lesen und schreiben, seine E-Mails bearbeiten und sogar einschlummern darf. In den Visionen ist das fahrerlose Auto längst angekommen, das Kinder zu Hause abholt und in den Kindergarten bringt. Eine Welt, in der sich Kinder zu Fuß durch eine angenehme Wohnumwelt bewegen, wäre wohl die schönere.


Autonomes Fahren heißt langsamer Fahren


Folgende Fakten scheinen unumstößlich zu sein: Das autonome Auto wird elektrisch fahren, es wird sich streng an Verkehrsregeln halten und definitiv wird der Verkehr langsamer werden. Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts und ein Tempolimit auf Autobahnen sind notwendige Voraussetzungen für das Funktionieren der Systeme. Nicht nur in der jahrzehntelangen Übergangszeit, in der autonome und Menschen gelenkte Autos gleichzeitig unterwegs sein werden, sondern schlicht auch, weil Elektroautos bei hohen Geschwindigkeiten sehr schnell ihre Batterien entleeren. Es ist mit Spannung zu beobachten, ob auf der „Zukunft erleben“-IAA ehrlich diese von der Autoindustrie unerwünschten Begleiterscheinungen diskutiert werden.


Problemfall Benziner mit Direkteinspritzung


Und wer schreibt eigentlich die Logarithmen? Wer kontrolliert die ausgeklügelten Fahrassistenten, die die autonom fahrenden Autos lenken? Aber die aktuellen Skandale erzwingen, dass viel mehr – als geplant – die Verteidigung des Verbrennungsmotors zentrales Thema sein wird.


Es ist nicht nur der Diesel, der in den Fokus kommt, sondern auch direkteinspritzende Benziner. Die meisten neuverkauften Benziner sind Direkteinspritzer: Die Direkteinspritzung ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Sie reduziert den Verbrauch und den CO2-Ausstoß um zehn bis 15 Prozent. Sie hat nur einen Nachteil. Direkteinspritzer stoßen ultrafeine Partikel aus. Diese Partikel dringen besonders tief in die Lunge ein und schädigen das Herz-Kreislaufsystem. Die Autoindustrie weiß seit langem, wie schädlich die Partikel aus direkteinspritzenden Benzinern sind und sie weiß, dass Partikelfilter wirksam und kostengünstig sind. Der VCD hat darüber seit vielen Jahren berichtet. Schon 2011 haben wir in der VCD Auto-Umweltliste die Benziner abgewertet, die über dem Grenzwert liegen, der schon damals für den Diesel galt. Doch die Autoindustrie spielte auf Zeit. Bis heute ist der Filter nur in der Mercedes S-Klasse verbaut.


Seit dem 1. September dieses Jahres gilt der Partikel-Anzahlgrenzwert, auch für Benziner, zunächst nur für ganz neue Modelle, ab September 2018 dann für alle Neuzulassungen. Innerhalb des kommenden Jahres müssen nahezu alle direkteinspritzenden Benziner mit einem Partikelfilter ausgerüstet werden. Pkw ohne Filter werden zu Ladenhütern. Die Industrie hintergeht wieder einmal ihre Kunden und belastet mit jedem Auto ohne Filter bewusst die Umwelt mit Schadstoffen.


Die Rechtslage ist eindeutig


Wetten, dass VDA-Präsident Matthias Wissmann bald vor die Presse ziehen wird und die Herausforderung, so schnell umzustellen, als zu groß darstellen wird? Man dürfe doch die Autoindustrie in dieser schweren Zeit nicht überfordern.


Aber die Autohersteller haben sich verzockt. Die Rechtslage ist eindeutig. Und die Glaubwürdigkeit der Autohersteller im Keller. Da bringt es dann auch nichts mehr, dass Wissmann seine Kritiker als grüne Fanatiker diffamiert, die sich nach dem Diesel jetzt den Benziner vornehmen. Nicht die Umweltverbände oder die Grünen haben eine notwendige und kostengünstige Technik verpennt, sondern einzig und allein die Autoindustrie. Das kritisieren längst auch der ADAC und Auto-Bild.


Das Umweltbundesamt rät davon ab, in der derzeitigen Rabattschlacht mit hohen Abwrackprämien für Euro-4-Diesel direkteinspritzende Benziner zu kaufen. Der VCD hat eine Woche vor der IAA seine VCD Auto-Umweltliste veröffentlicht. Es ist eine Positiv- und Transparenzliste, die nur 34 Autos enthält. Neben Benzin-Elektro-Hybriden und Erdgasautos empfiehlt der VCD sparsame Benziner ohne Direkteinspritzung sowie batterieelektrische Pkw. Nicht in der Liste enthalten: Diesel-Pkw und direkteinspritzende Benziner. Zwar gibt es vereinzelt Diesel-Pkw, die auch auf der Straße den Stickoxid-Grenzwert einhalten, aber solange es keine Blaue Plakette gibt, um saubere Fahrzeuge zu kennzeichnen, sind Fahrtbeschränkungen auch für neue Diesel nicht ausgeschlossen. Bei direkteinspritzenden Benzinern hat uns schlicht kein Hersteller ein Fahrzeug mit Partikelfilter gemeldet.


Die Autoindustrie muss sich dem Neuen stellen


Die Autoindustrie hat nur dann eine Chance, wenn sie sich den Herausforderungen der Zukunft stellt. Die deutsche Autoindustrie hat große Erfolge mit dem Diesel gefeiert. Aber sie darf sich darauf nicht ausruhen. Der Diesel kann sauber sein, aber dann braucht er eine kleine, teure Chemiefabrik an Bord, die die Abgase reinigt. Auf den internationalen Märkten, in den USA, in China, Südamerika oder Japan spielt der Diesel keine Rolle. Der Verbrennungsmotor insgesamt muss emissionsfreien Antrieben weichen, wenn wir die internationalen Klimaziele erreichen wollen. Investitionen in diese Antriebstechnik werden ausbleiben. Der Diesel ist bestenfalls eine Übergangstechnologie mit aufgedrucktem Ablaufdatum. Der direkteinspritzende Benziner braucht einen günstigen Partikelfilter, dann ist er mit dem Diesel auch beim CO2-Ausstoß konkurrenzfähig. Vor allem, wenn die Fehlentwicklung SUV zurückfährt. Der Benzin-Elektro-Hybrid ist die bessere Alternative zum Diesel und eine Brückentechnologie zum batterieelektrischen Auto.


Die IAA zeigt nicht die Zukunft


Die Neufahrzeuge, die auf der IAA vorgestellt werden, sind kein Versprechen auf die Zukunft. Der neue Polo-Benziner von VW hat, anders als im Frühjahr angekündigt, keinen Partikelfilter. Star bei VW ist der T-Roc, ein neuer Kompakt-SUV. Viel blitzendes Chrom sehen wir auf der Messe. Audi präsentiert das neue Oberklassemodell A8. BMW ein buntes Potpourri aus SUVs uns E-Autos. Wir sehen bei Mercedes einen Brennstoffzellen-Hybriden, aber den ersten Pick-up mit dem Stern sowie den Mercedes-AMG Sportwagen Project One mit 1200 PS für drei Millionen Euro. „Project One“, wo bitte sind die Prioritäten?


Die diesjährige IAA hat weniger Aussteller als in den Vorjahren. Peugeot, Fiat und einige andere fehlen – mitten im Abgasskandal. Auch der Elektroauto-Hersteller Tesla aus Kalifornien verzichtet. Dort erscheint die IAA als zu altbacken.


Gerd Lottsiepen ist verkehrspolitischer Sprecher des Verkehrsclub Deutschland VCD

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