Standpunkt Die Energiewende ist unumkehrbar – aber es gibt neue Herausforderungen durch das EEG 2017

Wie wirkt sich das EEG 2017 auf die Finanzierung von erneuerbaren Energien in Deutschland aus? In seinem Standpunkt schreibt Berthold Bonanni, Head of Competence Center Energy der Commerzbank, dass der Markt sich angesichts steigenden Konkurrenzdrucks weiter konsolidieren wird und internationale Wettbewerber in den Markt drängen. Die Commerzbank werde im Gegenzug verstärkt im Ausland investieren.

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Die Herausforderungen für Finanzierer von Erneuerbaren Energien sind mit dem EEG 2017 deutlich gewachsen. Dabei resultieren diese nicht originär aus dem Ausschreibungsverfahren an sich, sondern vor allem aus dem Finanzierungsmarkt. Die Energiewende ist unumkehrbar und wir als einer der großen Finanzierer wollen weiterhin unserem Anspruch gerecht werden und uns mit einer klaren Strategie für die Erneuerbaren Energien positionieren. Als Projekt- und Mittelstandsfinanzierer mit einem 30jährigen Erfahrungshorizont bei Erneuerbaren Energien (EE) sind stetige Änderungen Bestandteil des Umfeldes in dem wir uns bewegen. Wie alle Teilnehmer dieser Industrie – von Landeigentümern über Projektentwickler, Hersteller bis zu Serviceanbietern – haben auch wir uns auf die mit dem derzeitigen EEG verbundenen Herausforderungen eines schrumpfenden Marktes einzustellen.


Neben dem im aktuellen EEG 2017 postulierten Ausbauvolumen von jährlich 2,8 GW, das rund 30 Prozent unter dem durchschnittlichen Zubau der letzten Jahre liegt, haben die Ergebnisse der ersten beiden Ausschreibungen zu einer deutlichen Reduzierung der Vergütung von weiteren gut 30 Prozent im Vergleich zum bisher bestehenden, gesetzlich regulierten Einspeisetarif geführt.


Insbesndere für die Hersteller von Windenergieanlagen, die bisher in der Regel auch die langfristige Wartung übernommen haben, bedeutet das eine dramatisch geänderte Preiskalkulation. Denn auf der Projektseite sind die Kosten für die Beschaffung und den späteren Betrieb der Windenergieanlagen die Haupttreiber für die Feststellung der Höhe des Gebotspreises in der Ausschreibung.


Die Zäsur ist hart, aber unvermeidlich


Die Ermittlung der Höhe der Vergütung über Ausschreibungen ist volkswirtschaftlich ein sinnvolles Instrument, um die Kosten der Energieproduktion zu senken und, wie die ersten beiden Ausschreibungen dieses Jahres gezeigt haben, auch erfolgreich im Sinne der Hebung von Kostensenkungspotentialen gewesen. Eine Industrie, die mittlerweile über ein Drittel zum Bruttostromverbrauch Deutschlands beiträgt, ist lange den Kinderschuhen entwachsen. Eines Rund-um-Schutzes als Anschubförderung bedarf die Energiewende nicht mehr. Die Zäsur bei den Teilnehmern einer bis dahin kaum Marktmechanismen ausgesetzten Industrie ist hart, aber unvermeidlich, um einen der größten „Stromproduzenten“ in ein marktwirtschaftliches Umfeld zu integrieren.


Die kommende Bundesregierung sollte es sich zur Aufgabe machen, das EEG weiterhin an den sich rasch entwickelnden Markt anzupassen. Wünschenswert wäre hier eine über das EEG hinausgehende Anpassung auch der den Energiemarkt regulierenden Gesetzgebung, um bestehende Inkonsistenzen zu beseitigen und die Energiewende auch Sektor übergreifend zu einem Erfolg werden zu lassen. Stichwortartig seien hier genannt: Die Abregelung von Windenergieanlagen;


Der Verkauf der Stromproduktion ausschließlich über die Strombörse; die Erweiterung der Ausbaukorridore; die Anzahl der von der EEG-Umlage befreiten Unternehmen.


Im Finanzierungsmarkt wird der sich aus geringeren Volumina ergebende Wettbewerbsdruck zusätzlich durch eine Verringerung des Risikos erhöht. Nach Bezuschlagung bei einer Ausschreibung genießt das Projekt nach wie vor den Einspeisevorrang vor konventionellen Energieproduzenten für die fest vergütete Stromproduktion. Darüber hinaus wird jetzt in der Betriebsphase das Windrisiko über die Korrektur der Gütefaktoren auf Basis der Ist-Produktion weitgehend abgeschwächt.


Der Finanzierungsmarkt selbst, wobei hier nicht nur Banken, sondern auch Pensionskassen, Versicherungen und andere Kapitalsammelstellen wie zum Beispiel Fonds als Marktteilnehmer auftreten, bietet weitere, marktinhärente Herausforderungen.


Commerzbank will neue Auslandsmärkte erschließen


Die aus der von der EZB verfolgten Niedrigzinspolitik resultierende Überflutung des Marktes mit Liquidität führt zu einem hohen Anlagedruck, der sich auf eine abnehmende Anzahl an finanzierbaren Anlageobjekten fokussiert. Dies führt nicht nur zu einem erheblichen Preisverfall, sondern auch verstärkt zu einer höheren Risikobereitschaft, die nicht allein durch das verringerte, projektspezifische Risiko erklärbar ist. Hier sind zum einen der fehlende Track Record neuer Marktteilnehmer zu nennen, die das auch unter dem Gesichtspunkt der Reputation attraktive Geschäftsfeld EE für sich entdeckt haben. Zum anderen scheint es die „schlichte Not“ nach Geschäft zu sein, die vereinzelte Marktteilnehmer offenbar kreditspezifisches Basiswissen vergessen lässt.


Als Konsequenz aus der oben genannten Entwicklung erwarten wir zum einen eine weitere Konsolidierung des Marktes, aber auch eine noch stärkere Internationalisierung der Marktteilnehmer. Auch wir werden unsere Internationalisierungsstrategie nicht nur fortsetzen, sondern ausbauen und schauen uns weitere neue Regionen weltweit an, in denen wir bisher noch nicht aktiv waren.


Der Wandel bleibt in der Industrie beständig. Nur so behält die Energiewende ihre Dynamik, die für eine erfolgreiche Umsetzung nötig ist. Von allen beteiligten Akteuren muss das Ziel der Energiewende konsequent verfolgt werden, um eine zukunftsweisende, marktführende und innovative Industrie zu erhalten und auszubauen, damit Deutschland unverändert Vorreiter beim Klimaschutz bleibt.

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