Energiewende Die Welt als Testlabor für die globale Energiewende

Die beiden Ökonomen, Andreas Löschel und Christoph Schmidt, hoffen darauf, dass die globalen Politikexperimente zur Energiewende verglichen werden, um voneinander zu lernen.

Weltweit steht die Politik vor der Herausforderung, die Systeme der Energieversorgung grundlegend zu transformieren. Im Rahmen des Pariser Klimaabkommens kann dabei jedoch jedes Land seinen eigenen Weg wählen. Durch diesen globalen „Bottom-Up-Prozess“ soll das gemeinsame Ziel erreicht werden, den Klimawandel wenigstens noch abzumildern. Dass dieser Ansatz von den Nationen der Welt fast einstimmig unterstützt wird, ist zweifellos ein historischer diplomatischer Erfolg. Jetzt muss es konkret darum gehen, wie das gemeinsame Ziel auch tatsächlich erreicht werden kann.

Die Heterogenität der nationalen Strategien bietet eine große Chance, die es zu nutzen gilt. Denn es ist alles andere als offensichtlich, was funktioniert und was nicht. Für jedes einzelne Land ist es schwierig, gleichzeitig verschiedene Regulierungen auszuprobieren. In globaler Betrachtung findet aber gerade eine Vielzahl von Politikexperimenten gleichzeitig statt. Eine systematische Aufbereitung des so entstehenden Wissens könnte die globale Transformation der Energiesysteme kostengünstig und konfliktfrei beschleunigen.

Information, Monitoring, Evaluierung

Dafür gilt es zunächst, eine umfassende und international vergleichbare Datenbasis aufzubauen. Neben standardisierten Indikatoren zur Transformation von Energiesystemen sollten dabei auch die Rahmenbedingungen erfasst werden, die eine erfolgreiche Transformation begünstigen oder hemmen können. Denn sie sind entscheidend für die Übertragbarkeit von erfolgreichen Maßnahmen. Das kontinuierliche Monitoring einer robusten Datengrundlage könnte den Fortschritt der globalen Energiewende messbar und transparent machen. Damit würde politischen Entscheidungsträgern ein neutraler Maßstab zur Verfügung gestellt.

Das volle Potenzial des globalen Labors könnte ausgeschöpft werden, wenn nationale Maßnahmen systematisch auf ihre Wirksamkeit und Kosteneffizienz überprüft würden. Aus der Vielzahl dieser Politikexperimente könnte man so die besten Lösungen identifizieren und darlegen, unter welchen Umständen diese auf andere Volkswirtschaften übertragen werden können. In einem Bereich, in dem es so viel voneinander zu lernen gibt, von Erfolgen wie von Misserfolgen, wäre es töricht, darauf zu verzichten.

Die Rolle der G20

Die Länder der G20 umfassen unterschiedliche Kulturen, Traditionen, Institutionen – und vor allem auch unterschiedliche Niveaus wirtschaftlicher Entwicklung. Gemeinsam sind die G20 aber für rund 75 Prozent der globalen Energienachfrage und rund 80 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Kurzum: Die G20-Staaten entscheiden letztlich darüber, ob die Pariser Ziele erreicht werden können, oder nicht. Trotz der gewaltigen Heterogenität haben sie sich innerhalb des Pariser Klimaabkommens auf ein gemeinsames Ziel verständigt. Um es zu erreichen, sind bessere Informationen, ein zielführendes Monitoring, eine umfassende Evaluation von Maßnahmen und der Austausch von Wissen und Erfahrungen notwendig.

Zur Unterstützung dieses Prozesses, sollten die G20 auf ihrem Gipfel in Hamburg die Einsetzung einer internationalen Expertenkommission beschließen. Deutschland und Frankreich haben bereits nationale Kommissionen zur wissenschaftlichen Begleitung der Energiewende eingerichtet. Auch im Vereinigten Königreich existiert eine unabhängige Kommission zum Klimawandel. Diese Ansätze gilt es zu verbreitern und zu harmonisieren.

Die Energieminister der G20 haben in ihrem Abschlusskommuniqué in Hangzhou im vergangenen Jahr verdeutlicht, dass die Energiesysteme weltweit auf eine nachhaltige Basis umgestellt werden müssen. Die Einrichtung einer internationalen Expertenkommission würde ein wichtiges Signal setzen, dass diese Transformation von den G20 pragmatisch vorangetrieben wird.

Andreas Löschel ist Professor für Energie- und Ressourcenökonomik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ der Bundesregierung.

Christoph Schmidt ist Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) und Professor für Wirtschaftspolitik an der Ruhr-Universität Bochum.

Hintergrund

Unter dem Dach von „Think 20“ (T20) haben Fachleute aus Forschungseinrichtungen und Think Tanks Vorschläge für die deutsche G20-Präsidentschaft erarbeitet. In diesem Rahmen hat die T20-Arbeitsgruppe „Klimapolitik und Finanzen“ das Impulspapier „Establishing an Expert Advisory Commission to assist the G20’s Energy Transformation Processes“ erstellt. Darin fordern 22 internationale Wissenschaftler, den weltweiten Umbau der Energieversorgungssysteme von einer unabhängigen Expertenkommission begleiten zu lassen. Entwickelt wurde diese Idee vom Direktorium des Akademienprojekts „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) gemeinsam mit der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“.