Standpunkt Digitalisiert das Gesundheitswesen in Europa

Online-Sprechstunden und Gesundheits-Cloud: Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor des Unfallkrankenhauses Berlin, plädiert für eine Digitalisierung des Gesundheitswesens auf europäischer Ebene. Das stärke den Patienten, entlaste das Personal und spare Kosten.

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Die Gesundheitspolitik in der Europäischen Union (EU) ist nach wie vor eine Angelegenheit der Nationalstaaten. Dennoch gewinnt die EU auf dem Politikfeld der Gesundheit und Pflege in Zukunft an Bedeutung. Bereiche wie Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitsschutz werden zunehmend reguliert. Zu den Treibern einer stärkeren europäischen Gesundheitspolitik gehören insbesondere die Freizügigkeit der Patienten und Arbeitnehmer, der demografische Wandel und die Digitalisierung. Das europäische Gesundheitswesen bietet in Zukunft Chancen für Partnerschaften und Konvergenzen.

Die Gesundheits- und Pflegewirtschaft gehört zu den Wachstumsmärkten der Zukunft. Die sogenannten „caring“-Jobs rund um die Bereiche Gesundheit, Pflege und Erziehung verzeichnen weltweit immense Wachstumszahlen. Es ist daher richtig, dass die EU auf den Feldern der integrierten Gesundheitsversorgung und E-Health aktiv werden will. Auf der Agenda steht in den nächsten Jahren auch eine stärkere Konvergenz der Gesundheitssysteme zwischen dem Norden und Süden Europas. Europa kann auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik zu einem globalen Akteur werden. 

Gesundheitsdaten: Mehr Transparenz für Patienten

Die digitale Transformation wird sowohl die grenzüberschreitende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen als auch das Angebot von Gesundheitsversorgern verbessern. Die Digitalisierung macht umfangreiches Gesundheitswissen allen Bürgern zugänglich, verschafft ihnen die Hoheit über die Gesundheitsdaten und verbessert das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Die Digitalisierung wirkt wie ein Katalysator: Sie kann umfangreiches Gesundheitswissen zugänglich machen, kann dem Einzelnen die Hoheit über seine Gesundheitsdaten verschaffen und kann durch transparente Analysen im Vorfeld des Arztbesuchs die gesundheitliche Prozessverantwortung auch in Patientenhand legen. 

Der digitale Mehrwert für den Patienten liegt beispielsweise darin, Messungen von Blutdruck, Blutzucker und des Herzrhythmus selbst vorzunehmen. Die Digitalisierung, Virtualisierung und dezentrale Versorgung durch E-Health-Anwendungen bieten unbestritten viele Vorteile: von Kostensenkungen über Synergien bis hin zu Kompetenzgewinnen. Für ein besseres Arzt-Patienten-Verhältnis bliebe mehr Zeit, da intelligente, mitdenkende Systeme die Arbeit von medizinischen Fachkräften erheblich entlasten und verbessern. 

KI spart Milliarden

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Medizin würde nach einer Studie der Beratungsgesellschaft PwC in Europa die Gesundheits- und Folgekosten in den kommenden zehn Jahren um eine dreistellige Milliardensumme senken. Durch die mittels Künstlicher Intelligenz verbesserte Diagnose und Behandlung von Brustkrebs beispielsweise könnten demnach über die nächsten zehn Jahre europaweit schätzungsweise 74 Milliarden Euro im Gesundheitssystem eingespart werden, durch die Prävention von Fettleibigkeit im Kindesalter entstünde ein Einsparpotenzial von rund 90 Milliarden Euro, und bei der Diagnose von Altersdemenz sind es etwa acht Milliarden Euro. 

Vorschläge für ein europäisches Gesundheitswesen

Ein neuer Aufbruch für das Gesundheitswesen in Europa braucht Technologie, Geld, Anreize und den Willen von Ärzten, Industrie und Bürgern. Dazu fünf Vorschläge: 

1. Die gesamte Dokumentation sollte bis 2025 in einer digitalen Akte erfolgen. Kliniken und Praxen, die dazu nicht in der Lage sind, bekommen einen spürbaren Vergütungsabschlag. Ab 2030 erfolgt die Dokumentation europaweit in einer Gesundheits-Cloud. 

2. Digitale Lösungen wie die Online-Sprechstunde und Gesundheits-Apps werden verpflichtend eingeführt und vergütet. 

3. Virtuelle Gesundheit: Eine qualitätsgesicherte Versorgung ist künftig ohne physischen Arztkontakt möglich. 

4. Das Eigentum an den Daten bleibt bei den Patienten. 

5. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens muss in einem europäischen Rahmen erfolgen. Hierzu gehören auch Fragen der Aus-, Weiterbildung und Beschäftigung. Der gesamte Bildungsbereich muss stärker auf digitale Inhalte abgestellt werden. 

Europäische Gesundheitspolitik als internationales Vorbild

Eine europäische Gesundheitspolitik, welche die beiden Prinzipien Gerechtigkeit und Effizienz verbindet, kann zum Modell für die Entwicklung von inklusiven und nachhaltigen Gesundheitssystemen weltweit werden. Insbesondere Asien und Afrika präferieren Systeme sozialer Kohäsion. Die neue Europäische Säule sozialer Rechte, welche die EU-Kommission Ende 2017 verabschiedet hat, weist den richtigen Weg. Kommission und Parlament bekennen sich damit zu 20 Standards, die überall in der EU gelten sollen. Dazu gehört auch das Recht auf eine „rechtzeitige, hochwertige und bezahlbare Gesundheitsversorgung und häusliche Pflege“. Nach der Europawahl ist es an der Zeit, dass Kommission und Parlament die Agenda mit Leben füllen und konkret werden. Binnenmarkt und Sozialsysteme gehören zusammen. Ohne eine weitergehende Angleichung der Lebensverhältnisse auch in Europa wird die EU im Wettbewerb der Systeme scheitern. Marktwirtschaft können auch die USA und China. Sozialen Ausgleich kann bislang nur Europa. 

Die Bürgerinnen und Bürger erwarten von der europäischen Politik, dass diese sie in Zeiten einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaft schützt und stärkt. Ein souveränes und starkes Europa gelingt nur durch mehr Integration und Kohäsion. Ein europäischer Gesundheitsmarkt mag eine ferne Vision sein. Die globale Gesundheitswirtschaft ist bereits tägliche Praxis. 

Professor Dr. med. Axel Ekkernkamp ist Vorsitzender des Kuratoriums Stiftung Senat der Wirtschaft, Universitätsprofessor in Greifswald, Mitglied des Ayinger Gesprächskreises und Ärztlicher Direktor des Unfallkrankenhauses Berlin. Bei dem Text handelt es sich um einen gekürzten Beitrag aus dem Band „Guten Morgen, Europa!“, herausgegeben von Jürgen Rüttgers und erschienen im Tectum-Verlag.

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