Standpunkt Ältere Offliner brauchen mehr als Tabletkurse

Für sieben bis acht Millionen Senioren ist das Internet noch Neuland. Um auch sie bei der Digitalisierung mitzunehmen braucht es mehr als ein paar Tabletkurse, erklärt Wissenschaftler Herbert Kubicek. Auch die Bürokratie der ambulanten Pflege muss dazu im digitalen Zeitalter ankommen.

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Zwischen sieben und acht Millionen der über 70-Jährigen in Deutschland waren noch nie im Internet. Angesichts der Digitalisierung droht ihnen eine Beeinträchtigung ihrer sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Teilhabe. Dem Risiko einer digitalen Spaltung soll vor allem durch die Förderung digitaler Kompetenzen in Form von Tablet- und Smartphone-Kursen begegnet werden. In einer kürzlich durchgeführten Studie in Bremen wurde deutlich, dass dies wahrscheinlich für ein Drittel der älteren Offliner nicht reichen wird – weil sie nicht mehr in der Lage sind zu lernen oder das Gelernte zu behalten und anzuwenden. Sie benötigen eine dauerhafte aufsuchende digitale Assistenz. Deren Bereitstellung und Finanzierung ist auch im Interesse der Anbieter von Onlinediensten, insbesondere im Bereich E-Health und Telemedizin.

Leihgeräte und Sprechstunden als Vor- und Nachsorge

Seit längerer Zeit werden Smartphone und Tabletkurse für Senior*innen angeboten, doch nur ein kleiner Teil nutzt diese Angebote. Viele glauben die Mühe lohne sich nicht, weil das Internet nur etwas für die Jungen sei, oder sie trauen sich als Laien nicht in einen Kurs. In einem Projekt der Stiftung Digitale Chancen mit Telefónica Deutschland mit 30 Senioreneinrichtungen in vier Stätten wurde 2017 gezeigt, dass diese Barrieren überwunden werden können, wenn über solche vertrauenswürdigen Einrichtungen Tablets ausgeliehen werden und in einem wöchentlichen Betreuungsangebot in kleinen Gruppen probiert wird, was man damit Nützliches machen kann.

Über 300 Seniorinnen und Senioren wurden nach acht Wochen interviewt und die meisten hatten etwas gefunden. Sie haben per E-Mail oder WhatsApp den Kontakt mit Kindern und Enkeln intensiviert, mit Google ihr Wissen aufgefrischt oder Orte aus ihrer Kindheit aufgesucht, sich Filme angeschaut oder auf dem Tablet gespielt. Doch ein Teil hat auf die Anschaffung eines eigenen Geräts verzichtet, weil sie nicht wussten, wer ihnen bei Problemen hilft, wenn die bisherige Unterstützung wegfällt und sie keine Kinder, Enkel oder Nachbarn haben. Denn fast alle waren sich sicher, dass sie immer wieder in Situationen kommen, wo sie alleine nicht weiterwissen. Hier sind vor allem die Kommunen gefordert, eine quartiersnahe Unterstützungsinfrastruktur zu schaffen. In der Koalitionsvereinbarung des neuen Sentas in Bremen ist von „Digitalambulanzen“ die Rede.

Aufsuchende Digitalassistenz für die besonders Bedürftigen

Ein Teil der älteren Offliner ist jedoch nicht in der Lage, solche Unterstützungsangebote aufzusuchen. In einem Bremer Projekt im Rahmen der Initiative „Herbsthelfer – Bremer Verbund für Seniorendienste“ des Senators für Finanzen wurde daher ergänzend eine Aufsuchende Digitalassistenz angeboten. Ältere Menschen, die bereits Hilfe in der Haushaltsführung über eines der Bremer Dienstleistungszentren in Anspruch nehmen, konnten für drei Monate ein Tablet ausleihen und mit Unterstützung durch Digitalassistenten zu Hause testen.

Anschließend wurden 13 Teilnehmende interviewt. Bis auf eine Ausnahme wollten alle das Tablet weiter nutzen. Aber 12 Männer und Frauen zwischen 71 und 87 Jahren haben gesagt, dass sie weiter Unterstützung benötigen, weil sie immer wieder in Situationen geraten, in denen sie sich alleine nicht helfen können. So waren nach drei Monaten wöchentlichen Übens drei von neun Teilnehmende immer noch nicht in der Lage, Fotos mit WhatsApp zu verschicken, und sogar fünf gaben zu, dass sie sich in den Trefferlisten von Google nicht zurechtfinden.

Leistungskataloge der Hilfe zur Pflege müssen an die digitalen Angebote angepasst werden

Wenn Personen mit kognitiven oder psychischen Einschränkungen nicht abgehängt werden sollen, benötigen sie eine dauerhafte Aufsuchende Digitalassistenz im Rahmen der Altenhilfe oder ambulanten Pflege. Private Dienstleister bieten entsprechende Hausbesuche für 30 Euro pro Stunde an. Im Rahmen der organisierten Nachbarschaftshilfe in Bremen werden nur 8,50 Euro die Stunde berechnet.

75 Prozent der Teilnehmer an dem Bremer Projekt können und wollen das bezahlen. Hier müssen die Anbieter klären, wie sie diese Leistung gestalten, wer sie konkret erbringen soll und wie dafür geschult werden muss. Zwei Frauen und ein Mann können sich diese Bezahlung von ihrem Einkommen aus Grundsicherung nicht leisten und über das Pflegegeld auch nicht abrechnen.

In den aktuellen Leistungskatalogen zur ambulanten Pflege kann zwar erstattet werden, wenn soziale Kontakte gefördert, geistige Aktivierung durch Spiele erfolgt oder die zu Pflegenden zu Ämtern und Ärzten begleitet werden. Wenn derselbe Zweck auf digitalem Weg erreicht werden kann, kann die Hilfe dabei jedoch bisher nicht abgerechnet werden. Die Kassen sind grundsätzlich verpflichtet, auf die Wirtschaftlichkeit der erstatteten Leistungen zu achten. Die Hilfe bei einer Online-Sprechstunde oder beim Ausfüllen eines Antragsformulars online ist auf jeden Fall kostengünstiger als die Begleitung zum Arzt oder dem Amt.

Daher plädiere ich im Interesse der bedürftigen älteren Menschen und auch mit Blick auf die wirtschaftlichen Vorteile für die Kassen und alle Versicherten, dass bei allen bisher anerkannten analogen Hilfeleistungen zur ambulanten Pflege auch die verfügbaren digitalen Äquivalente in die Leistungsvereinbarungen aufgenommen werden.

Herbert Kubicek ist pensionierter Professor für Angewandte Informatik an der Universität Bremen, Vorstand der Stiftung Digitale Chancen und arbeitet als Senior Research am Institut für Informationsmanagement Bremen (ifib) an der Universität Bremen. Die Ergebnisse der Untersuchung der Stiftung Digitale Chancen mit Telefónica Deutschland hat Kubicek 2018 zusammen mit Barbara Lippa im Buch „Nutzung und Nutzen des Internet im Alter“ veröffentlicht.

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