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Digitalisierung & KI

Standpunkte Auf dem KI-Beschleunigungsstreifen bremst man nicht!

Christian Korff, Mitglied der Geschäftsführung Cisco Deutschland
Christian Korff, Mitglied der Geschäftsführung Cisco Deutschland Foto: Alexander Klebe

Die Bundesregierung darf trotz des für sie kostspieligen Urteils der Karlsruher Verfassungrichter nicht beim Thema KI den Sparstift ansetzen, findet Christian Korff aus der Geschäftsführung von Cisco Deutschland. Im Standpunkt plädiert er für die Bestätigung zugesagter Fördermittel für KI-Projekte und fordert, dass der AI Act in Deutschland einheitlicher umgesetzt wird als die DSGVO.

von Christian Korff

veröffentlicht am 04.01.2024

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Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts fehlen im Bundeshaushalt mehrere Milliarden Euro. Aber ein Tritt auf die Investitionsbremse wäre fatal – gerade, wenn es um Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz (KI) geht. Ein Jahr nach dem Start von ChatGPT sind die USA und China bereits auf der Überholspur, nicht zuletzt dank staatlicher Förderpolitik und massiver Investitionstätigkeit. Deutschland hinkt unterdessen in puncto KI-Reifegrad schon jetzt hinterher.

Nur sieben Prozent der deutschen Unternehmen sind wirklich gut auf KI vorbereitet – global sind es im Schnitt doppelt so viele, wie der Cisco AI Readiness Index zeigt. Abgesehen von wenigen Unternehmen, die mit eigenen KI-Modellen international erfolgreich sind, befinden sich die meisten deutschen Firmen gerade erst auf den Beschleunigungsstreifen. Doch vor allem eine nicht KI-gerechte Infrastruktur hindert sie daran, Tempo aufzunehmen. Auch beim Thema KI-Infrastruktur sind nur sieben Prozent der deutschen Unternehmen zukunftssicher aufgestellt – Schweden (20 Prozent) und die USA (18 Prozent) liegen weit vorne.

Zugesagte Fördermittel bestätigen und einsetzen

Eine „Zukunftsbremse“ darf es daher nicht geben, wenn wir uns bei den führenden KI-Nationen einreihen wollen. Der Ausbau der KI-Infrastruktur ist essenziell – in Unternehmen und in der öffentlichen Hand. Denn auf dem Beschleunigungsstreifen bremst man nicht. So müssen zugesagte Fördermittel bestätigt und verwendet werden – sowohl in Magdeburg als auch im Silicon Saxony. Neben dem strukturellen Schaden wäre Deutschlands Zuverlässigkeit international mehr als in Frage gestellt.

Parallel zu den Großprojekten müssen wir auch die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen unterstützen, damit sie die Chancen von KI für ihre Anwendungsfälle und damit Wertschöpfung nutzen können. Gerade KMUs benötigen KI-gerechte Rechenzentrumskapazitäten, auf die sie zugreifen können. Ein sinnvoller Strompreis ist auch deshalb für die Industrie essenziell. Für all dies ist ein Fonds für den Aufbau digitaler Infrastrukturen nötig, der bestenfalls sogar EU-weit greift. Wir müssen uns mehr als bisher um die Skalierungsfähigkeit kümmern, denn aktuell stehen wir vor der Frage: Hinterlassen wir wirtschaftlich ein Land von gestern oder den Motor für ein digitales Europa?

AI-Act-Umsetzung: Kein Flickenteppich wie bei DSGVO

Aber selbst verfügbare Technologieinvestitionen werden allzu oft durch einen unnötig bürokratischen Ordnungsrahmen behindert. Eine einfache und pragmatische Regulierung ist nötig, die den Unternehmen Orientierung und Sicherheit bietet. Nach der politischen Einigung beim AI Act der EU darf es nicht so laufen wie bei der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO): Eine Regelung für Europa – 16 Regelungen für Deutschland.

Ich wünsche mir, dass wir den absehbaren Flickenteppich unterschiedlicher Aufsichtsbehörden – von Wettbewerb bis Datenschutz – mit Teilzuständigkeit für KI vereinheitlichen. Regulierung darf für Unternehmen kein Risiko sein, erst Recht nicht bei KI. Nur mit klaren, angemessenen und zuverlässigen Vorgaben kommt die Industrie schneller voran.

Anwendungskompetenzen müssen mehr gefördert werden

Neben aktiver Förderung und Technologie benötigen wir Menschen, die KI nutzen können und wollen. Laut einem aktuellen Bericht des Instituts der Deutschen Wirtschaft fehlen alleine in der Chip-Industrie mehr als 82.000 Fachkräfte. Weiterbildungsangebote von Unternehmen wie die Cisco Networking Academy oder die Allianz Digitale Kompetenzen in Bayern reichen alleine nicht aus. Gerade im KI-Bereich ist das Verstehen der Technologien entscheidend. Dies zeigt das aufkommende Berufsbild des Prompt-Ingenieurs. Hierfür sind Entscheidungs- und Bewertungskompetenzen gefragt, die verstärkt in die Ausbildung integriert werden müssen.

Eine große Herausforderung ist die konkrete Umsetzung. So sprechen laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom zwar 72 Prozent der deutschen Unternehmen KI eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit zu, aber nur 15 Prozent nutzen sie. Doch gerade eine schnelle Umsetzungsfähigkeit ist entscheidend, um von neuen Technologien zu profitieren. Yasmin Weiß, Professorin für künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt, wünschte sich kürzlich für das Jahr 2024, „mehr Selbstverantwortung und Drive von allen, um KI-Anwendungskompetenzen zu erlernen“. Dies sollte daher auch in der KI-Strategie der Bundesregierung noch stärker gefördert werden. Nur dann haben wir eine Chance, mit anderen KI-Nationen mitzuhalten – oder sie irgendwann sogar zu überholen.

Christian Korff ist seit Mai 2019 als Managing Director Enterprise bei Cisco für internationale Großkunden in Deutschland verantwortlich. Korff ist seit 2001 bei Cisco, seit 2012 war er als Vertriebsdirektor verantwortlich für die Öffentliche Hand und ist seitdem auch Mitglied der Geschäftsleitung für Cisco Deutschland. Korff ist weiterhin Leiter der Bundesfachkommission „Künstliche Intelligenz und Wertschöpfung 4.0“ im Wirtschaftsrat der CDU.

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