Standpunkt Beipackzettel zur Wunderwelt der digitalen Gesundheit

Mit der Digitalisierung verbinden viele eine übersteigerte Heilserwartung, sagt Arzt, Kabarettist und Schriftsteller Eckart von Hirschhausen. In seinem Gastbeitrag schreibt er über die Risiken und Nebenwirkungen und zeigt positive Beispiele für eine digitalisierte Humanmedizin.

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Wie viele Gesundheits-Apps haben Sie auf ihrem Handy? Und sind sie dadurch gesünder geworden – oder gestresster? Ich weiß: entspannen soll man immer dann, wenn man keine Zeit dazu hat. Aber wenn mich meine Meditations-App erinnert, ich soll doch jetzt mal durchatmen, nehme ich ihr das latent eher übel, als dass ich dankbar dafür bin. Ich bin froh, im digitalen Zeitalter zu leben. Ich bin froh, dass ich diesen Text elektronisch übermitteln kann und Sie ihn auf Papier oder Bildschirm lesen können. 

Analog und live ist stärker als Digital

Aber obwohl es Youtube gibt, halte ich „in echt heute an der Charité eine Vorlesung, am Montag war ich bereits am Hasso-Plattner-Institut (HPI). Warum? Weil „live lebendiger ist, weil etwas im Raum mitschwingt, was nicht digitalisierbar ist, und Menschen in Resonanz gehen, wo zwei oder drei versammelt sind und nicht einer vor einem Gerät. Bei der Vorlesung am HPI in Potsdam ging es um die Frage, welchen Wert analoge Werte wie Zuwendung, Motivation und Humor in der Digitalen Welt haben. Vor den Medizinstudenten belege ich heute, warum es gesunde Menschen nur auf einem gesunden Planeten gibt, und die Klimakrise ein medizinischer Notfall ist. Beide Themen hängen zusammen. Und deshalb möchte ich gerne als Erdenbürger, als „User und als Arzt ein paar Beobachtungen zur Heilserwartung an die Digitalisierung, zu Risiken und Nebenwirkungen sozusagen, mit ihnen teilen. 

Ein echtes Aha-Erlebnis hatte ich, als ich eine befreundete Ärztin in Basel besuchte. Sie arbeitet dort im Management-Team mit an der Idee, die Prozesse im Krankenhaus auf ihre Sinnhaftigkeit für den Patienten neu auszurichten. Sie lud mich ein zu einem „Huddle“ auf der Test-Station ihres Pilotprojektes. Ich traute meinen Augen kaum, als da auf dem Flur sich alle Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten versammelten und eben nicht auf einen Computerbildschirm starrten, sondern auf eine abwischbare analoge weiße Tafel. Dann wurden für jeden Patienten und jedes Zimmer gemeinsam eine Priorität für den Tag definiert, die wichtigsten Infos für die folgende Schicht ausgetauscht und nach wenigen Minuten gingen alle zufrieden auseinander und jeder wusste Bescheid, was heute Aufmerksamkeit braucht. 

Datenberge müssen trotzdem im Kopf priorisiert werden

„Wir haben die Zeit für redundante Dokumentation und Übergaben reduziert, damit die Pflege und Ärzte wieder mehr Zeit mit den Patienten haben. Und wir machen die Erfahrung, dass nur weil etwas Wichtiges irgendwo im Computer notiert wird, längst nicht alle das mitbekommen und beherzigen“, erklärte sie mir. Das leuchtet ein: Damit Menschen etwas „auf dem Schirm haben“ reicht es nicht, es auf dem Schirm zu haben. Es muss auch in die Köpfe. Und das geht besser, wenn man die Köpfe zusammensteckt, als wenn der eine etwas ins System hackt, und der andere aus der Flut von Daten genau diese entscheidende Info nicht herauszieht. 

Ist das dann „menschliches Versagen“, oder versagt nicht eher die Technik, wenn sie uns eine Darstellungsform, eine Taktung und eine Reizüberflutung aufdrückt, die schlichtweg nicht menschlich ist? 

Viele digitalen Innovationen im Krankenhaus wurden den Mitarbeitern präsentiert mit dem Versprechen: Die nehmen euch ganz viel von der Routinetätigkeit ab. Spricht man mit Ärzten und Pflegekräften, ist von diesem Versprechen wenig eingelöst worden. Viele stöhnen über die Verdichtung der Arbeit, über zeitfressende Dokumentation und darüber, dass sie die meiste Zeit einen Bildschirm anschauen statt einen Menschen. 

Soft Skills stärken und digitale Lösungen mit Bedacht einsetzen

Die Lösung kommt nicht durch neue Software, sondern durch eine Wiederentdeckung und Wertschätzung von „Soft Skills“: zuhören, in Kontakt gehen, die richtigen Worte finden, und manchmal Stille aushalten. Da sein statt online. Das ist Übungssache. Dafür gibt es auch Workshops von der Stiftung HUMOR HILFT HEILEN. Und es braucht dafür Vorbilder, von denen wir uns das abschauen können. Menschen lernen durch Imitation schneller als durch Instruktion. 

Sie wollen ein positives Beispiel für eine digitalisierte humane Humanmedizin? Gern zwei: „Open notes“ ist die radikalste Abkehr von dem Informationsmonopol der Ärzte gegenüber dem Patienten. Tobias Esch, Medizinprofessor in Witten-Herdecke, hat das Konzept jahrelang in Harvard untersucht und ist der erste, der es hierzulande umsetzt in seiner neuen Ambulanz für integrative Medizin. Zum einen kann der Patient die Fragen zur Vorgeschichte entspannt bei sich im Wohnzimmer ausfüllen und übermitteln, statt gestresst im Wartezimmer. Und vor allem bekommt er nach dem Arztbesuch vollen Zugang zu allen Untersuchungsbefunden, Notizen und Therapieempfehlungen. So werden doppelte Befunde vermieden, es steigen nachweislich Therapietreue und Vertrauen auf beiden Seiten. 

Zweites Beispiel: Seit der Antike lauten zwei Grundsätze der medizinischen Ethik: Bemühe dich mehr zu nutzen als zu schaden. Und: Das Wohl des Kranken ist das höchste Gesetz. Beide werden jeden Tag mit Füßen getreten, wenn Untersuchungen und Eingriffe vorgenommen werden, die definitiv für den Patienten nicht sinnvoll sind, aber lukrativ für die „Leistungserbringer“. Kann Digitalisierung helfen? Ja. Ein Projekt aus dem Innovationsfond erforscht „Shared Decision Making“ – also gemeinsame Entscheidungsfindung. Dafür werden Pflege und Ärzte in Kommunikation geschult und für die Patienten Erklärvideos zur Verfügung gestellt. So kann der Patient sich in Ruhe schlau machen, das Gespräch mit dem Arzt läuft so auf einer viel fundierteren Basis. Mein Traum ist, dass wir Kommunikationstrainings verpflichtend machen für alle Ärzte. Für jedes neue Gerät muss man doch nachweisen, dass man das beherrscht. Warum nicht auch die Kompetenz für eine wissenschaftlich fundierte Gesprächsführung? Bei kleinen und langsam wachsenden Prostata-Krebsen sind beispielsweise Operation, Strahlentherapie und Abwarten gleich gut. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ein Urologe, der gerne operiert, ausführlich darüber spricht, dass man das bei gleicher Prognose auch sein lassen kann? Hier kann Digitalisierung zur Augenhöhe beitragen: Power to the Patient!

Hinter virtuellen Welten steckt energiehungrige Hardware 

Die Grundlage von Gesundheit sind keine Tabletten, Operationen und Apps sondern: sauberes Wasser, saubere Luft, etwas zu Essen und erträgliche Außentemperaturen. Eigenverantwortlichkeit ja. Aber keiner kann sich die Luft zum Atmen aussuchen, oder die Außentemperatur. Verschmutzung und Überhitzung steigen massiv durch Digitalisierung. Sagt einem aber kaum jemand. 

Das was wir unmittelbar ins Handy an Strom stecken ist nur ein Zwanzigstel von dem, was wir mit dem Gerät an Verbrauch andern Ortes auslösen. Ganz zu schweigen von dem Ressourcen- und Energieverbrauch der Dinger und aller weiteren „Endgeräte" in der Herstellung. Allein durch das Streaming explodieren die Datenmengen im Netz weiter. Und Menschen werden passiver, dicker und ungesünder. Vor lauter virtuellen Welten vergisst man, dass dahinter ein gewaltiges System aus harter Hardware steht, mit einem unstillbaren Hunger auf Energie. Solange der Strom dreckig in der Herstellung ist, ist es auch seine Nutzung. Wäre das Internet ein Land, hätte es den sechstgrößten Stromverbrauch auf unserem Planeten. Wer mehr darüber wissen will, liest das aktuelle Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung zu globalen Umweltfragen (WBGU). Ist online. Logisch. Allein die Bitcoin-Technologie heizt durch ihren absurden Stromverbrauch in den nächsten Jahrzehnten die Erde um zwei Grad auf. Wer will das? 

Der Lancet Climate Countdown, der Weltärztebund, die Akademien der Wissenschaft, alle sind sich einig, dass alle Fortschritte der Medizin gerade in Gefahr sind, wenn wir nicht konsequent unseren Ausstoß an Treibhausgasen und Schmutz aus fossiler Energie stoppen. Ärzte sind angetreten, um Leben zu schützen, auf Gesundheitsgefahren hinzuweisen und wenn es Not tut auch schlechte Nachrichten zu übermitteln. Und die lautet: Wir müssen nicht „das Klima“ retten, sondern uns. Jetzt. Analog.

Zu Weihnachten wünsche ich mir von allen Durchstartern des Digitalen: Belegt eure Wirksamkeit. Fresst weniger Aufmerksamkeit, Zeit und Strom. Und orientiert euch an dem Nutzen für Patienten, Pflege und echtes Leben auf der einen Erde. Ist das zu viel verlangt? Sie dürfen diese Wünsche gerne teilen. Auch digital. 

Eckart von Hirschhausen ist Moderator, Arzt, Kabarettist und Schriftsteller. Er ist Vertreter von Scientists for Future, die sich für ein politisches Handeln zur Überwindung der Klimakrise einsetzen. Hirschhausen ist ebenfalls Gesellschafter von „Die Brückenköpfe“ und „Share to Care“.

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