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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Corona als Digitalturbo für die Bundeswehr?

Martin Kaloudis, CEO der BWI GmbH
Martin Kaloudis, CEO der BWI GmbH Foto: BWI GmbH

Die Coronakrise hat auch die Bundeswehr mit voller Wucht getroffen. Homeoffice, Notebooks und Videokonferenzen waren zuvor nicht üblich. Doch das habe sich schlagartig geändert, zieht Martin Kaloudis, Chef des eigenen IT-Dienstleisters, eine positive Zwischenbilanz. Auch vom Konjunkturpaket werde man profitieren.

von Martin Kaloudis

veröffentlicht am 22.06.2020

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Das Coronavirus hat unsere Wirtschaft und den Staat mit voller Wucht getroffen. Noch lässt sich nicht sagen, wie sehr die Krise uns verändern wird und wie wir uns herausarbeiten werden. Wo sind die Chancen, von denen man sagt, dass sie Krisen innewohnen? Noch sind sie schwer zu entdecken.

Der Bundeswehr hat die Coronakrise bei ihrer Digitalisierung allerdings tatsächlich einen produktiven Schub nach vorne beschert. Die Erfahrungen der vergangenen Monate zeigen, dass Corona das Potenzial hat zu einem nachhaltigen Digitalisierungskatalysator für die Bundeswehr zu werden – und auch insgesamt für die öffentliche Verwaltung. Folgende vier Erfolgsfaktoren kristallisieren sich dabei heraus.

1) IT-Modernisierung beschleunigen

Für die Bundeswehr musste die BWI kurzfristig viele IT-Maßnahmen umsetzen. Lange erhöhte sich die Zahl der Telearbeitsplätze der Bundeswehr kaum. Mit Corona stieg der Bedarf an Zugängen schlagartig, die Zahl der Zugänge hat die BWI innerhalb von wenigen Wochen verdreifacht. Bis zum Ende des Jahres soll sie weiter deutlich steigen. Im gesamten Bundesgebiet wurden leistungsfähigere Netzwerkkomponenten implementiert oder bestehende erweitert meist in den Abendstunden, um den Tagesbetrieb nicht einzuschränken.

Als Sofortmaßnahmen wurde die Zahl der Notebooks und Mobilfunkgeräte erhöht und erweiterte Messenger-Dienste zur Verfügung gestellt. Die Bundeswehrkrankenhäuser wurden alle mit Videokonferenzanlagen ausgestattet, die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des Bundeswehrkrankenhauses Berlin setzt seit Mitte März Online-Videosprechstunden ein – ein System des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr, einer Innovationseinheit der BWI.

Nachdem die Bundeswehr damit akute Lücken schließen konnte, besteht mit dem aktuellen Konjunkturpaket jetzt die Chance, die erfolgreichen Krisenmaßnahmen fortzusetzen. In Höhe von zehn Milliarden Euro sollen in diesem und im kommenden Jahr  geplante Digitalisierungsvorhaben und Sicherheitsprojekte in allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung vorgezogen werden.

Beispiele reichen von der Ausstattung aller Dienststellen mit Videokonferenzanlagen, der  Realisierung digitaler Lagebilder über den Einsatz digitaler Lernplattformen oder die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung bis hin zu einer Vollausstattung für mobiles Arbeiten. Dabei stimmt zuversichtlich: Trotz aller Sofortmaßnahmen lief der Grundbetrieb für die Bundeswehr stabil weiter. Sowohl Servicelevel als auch Projekte, die ohne Personal mit direktem Kontakt auskommen, blieben ohne negative Auswirkungen.

2) Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft verbessern

Die Beispiele zeigen, welchen Stellenwert die Digitalisierung für die Bundeswehr mittlerweile einnimmt. Obwohl sie lange vor Corona den Weg zur digitalen Transformation eingeschlagen hat, waren die Maßnahmen während der Pandemie ein wichtiger Schritt nach vorne – und ein Test, der belegt: Bundeswehr und ihr Digitalisierungspartner BWI können gemeinsam kurzfristige Herausforderungen flexibel und agil stemmen und dabei Lieferanten und Dienstleister einbetten. Um schnelles Handeln und Teamwork zwischen IT-Dienstleister und Bundeswehr sicherzustellen, wurde eine gemeinsame Steuergruppe ins Leben gerufen. Eine der größten Herausforderungen war es, die Führungs- und Einsatzfähigkeit auch von zuhause aus sicherzustellen.

Die Erfahrung der erfolgreichen Zusammenarbeit zur Krisenbewältigung sollte jetzt auf alle Digitalisierungsbemühen übertragen werden. Der Aufbau eines Partnerökosystems kann dazu beitragen, dass entsprechende Firmen mit Rahmenverträgen gebunden werden, die einen besonderen Beitrag zur digitalen Souveränität Deutschlands leisten.

3) Entbürokratisierung und Fokus auf Zielerreichung (Mindset-Change)

Gute Zusammenarbeit entfaltet unter unbürokratischen Rahmenbedingungen ihre besten Ergebnisse. Die sogenannten COVID19-Sofortmaßnahmen mit vereinfachter und beschleunigter Beschaffung haben bei der Bundeswehr zu mehr Notebooks, mehr sicheren mobilen Zugängen und besserer Kollaboration von zuhause und in den Dienststellen gesorgt. Das Konjunkturpaket will nicht nur temporär Vergabeverfahren vereinfachen und verkürzen, sondern dies mit einem (europäischen) Programm zur Entbürokratisierung dauerhaft ermöglichen. 

Bereits heute können durch agile Methoden oder sogenannte Schnellbootprojekte, aber auch Einheiten wie dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr, Ergebnisse schnell erzielt werden, diese sind jedoch stark vom Mindset der Beteiligten abhängig. Die Bundeswehr war in den vergangenen Monaten von der Zielsetzung angetrieben, innerhalb kürzester Zeit die Arbeitsfähigkeit ihrer Angehörigen außerhalb des originären Arbeitsplatzes dezentral zu ermöglichen und die Einsatzbereitschaft und Handlungsfähigkeit jederzeit sicherzustellen.

Die Problemlösung – beispielsweise die begrenzte Verfügbarkeit von mobiler IT-Ausstattung oder fehlende Zugänge und Bandbreiten – standen im Mittelpunkt des Handelns und nicht Abläufe und Abgrenzungen von Zuständigkeiten, die häufig Verwaltungshandeln prägen. Der weitere Erfolg und das Tempo der Bundeswehr-Digitalisierung wird auch davon abhängen, inwieweit der Willen zur Zielerreichung handlungsleitend bleiben.

4) Recruiting beherzt digitalisieren

In der IT-Branche herrscht Fachkräftemangel. Vor der Pandemie suchte die Branche, ebenso wie die Bundeswehr, händeringend nach geeignetem Personal. Der Lockdown mag an einigen Stellen zu einer kurzfristigen Entspannung geführt haben, weil Projekte ausgesetzt oder Investitionen verschoben wurden.

In der öffentlichen Verwaltung werden die vorgezogenen Vorhaben und Investitionen des aktuellen Konjunkturpakets den so genannten „War for Talents“ schnell wieder verschärfen. Gut möglich, dass sich das ohnehin schwierige Recruiting verändern wird: Viele Menschen begegneten dem „Social Distancing“ mit digitalen Meeting-Formaten. Diese Erfahrung verändert die Erwartung an Bewerbungsformate, bei Reisen und Bewerbungsgesprächen vor Ort herrscht eine neue Sensibilität. Wohl dem, der digitale Bewerbungsprozesse und Tools im Einsatz hat und diese anzuwenden weiß.

Alles in allem zeigt sich: Die IT der Bundeswehr ist bisher gut durch die Corona-Krise gekommen und hat sogar einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Die Digitalisierung ist jedoch kein 100-Meter-Sprint sondern ein Marathon. Jetzt müssen wir das Tempo hoch- und durchhalten!

Martin Kaloudis leitet seit April 2019 die BWI GmbH, den IT-Dienstleister der Bundeswehr. Zu seinen Aufgaben gehören die strategische und technologische Ausrichtung des Unternehmens. Der studierte Wirtschaftsmathematiker arbeitete zuvor rund 20 Jahre lang in verschiedenen Managementfunktionen im Technologieumfeld bei der Deutschen Bahn AG – unter anderem als CIO. Vor seinem Wechsel zur BWI war Kaloudis als Geschäftsführer für das operative Geschäft der DB Kommunikationstechnik GmbH zuständig.


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