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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Das Henne-Ei-Problem der digitalen Identität

Joachim von Schorlemer von ING und Digitalpolitiker Volker Redder
Joachim von Schorlemer von ING und Digitalpolitiker Volker Redder Foto: ING Deutschland (von Schorlemer); privat (Redder)

Die Zeit für digitale Identitäten ist reif, schreiben der Bundestagsabgeordnete Volker Redder und Joachim von Schorlemer von der ING Deutschland. Bei der bevorstehenden Kabinettsklausur könne und müsse die Regierung die Weichen stellen, um das Henne-Ei-Problem zu lösen. Die Wirtschaft jedenfalls stehe bereit.

von Joachim von Schorlemer und Volker Redder

veröffentlicht am 29.08.2022

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Einundfünfzig Seiten ist er dick, der Entwurf der Digitalstrategie der Bundesregierung vom 18. August. Und damit hat er gegenüber der Vorgängerversion vom Juli mehr als 20 Seiten an Umfang zugelegt. Das ist ein gutes Zeichen. Zeigt es doch, dass die Bundesregierung in vielen digitalen Themenfeldern dringenden Handlungsbedarf sieht. „Gemeinsam digitale Werte schöpfen“ lautet der Titel des Entwurfs. Und genau darum geht es – gemeinsam die identifizierten Probleme lösen.

Seit 2010 sind alle deutschen Personalausweise mit einer eID-Funktion ausgestattet. Anders ausgedrückt: Vor zwölf Jahren wurde der elektronische Personalausweis eingeführt. Damit hatte Deutschland seinen Bürgerinnen und Bürgern im internationalen Vergleich recht früh ein digitales Angebot der Identitätsfeststellung gemacht. Wie wurde dieses von der Bevölkerung angenommen? In diesen zwölf Jahren haben gemäß eGovernment-Monitor 2021 nur neun Prozent der Deutschen die eID im digitalen Raum schon einmal genutzt. Die geringe Nutzung und damit auch Akzeptanz verwundert auf den ersten Blick. Staat, Verwaltung und Verbraucher haben doch ein gemeinsames Interesse: sich sicher, schnell und einfach im digitalen Raum identifizieren zu können.

Henne-Ei-Problematik erklärt geringe Nutzung der eID-Funktion

Auf den zweiten Blick erklärt sich der eher verhaltene Erfolg mit der klassischen Henne-Ei-Problematik. Die Bürgerinnen und Bürger haben viel zu wenig Gelegenheiten, den Personalausweis mit eID-Funktion zu nutzen. Die Unternehmen haben offenbar keinen Anreiz, ein Identifikationsverfahren zu berücksichtigen, dass nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung genutzt wird. Im Umkehrschluss hat ein großer Teil der Menschen in diesem Land kein Interesse, sich mit einer eID zu beschäftigen, für die es kaum Anwendungsmöglichkeiten gibt.

Dabei ist die Nachfrage nach digitalen Identitätsnachweisen groß. Jeder, der einmal ein Kontoeröffnung per Video-Legitimation durchgeführt hat, weiß das. Um dieser Nachfrage gerecht zu werden, ist hier ein ganzer Industriezweig entstanden. Zahlreiche Anbieter von Identitätsnachweisen tummeln sich auf dem Markt. Die derzeitige Lösung beinhaltet eine Reihe von Problemen. Letztendlich werden Plagiate vom Original, dem eID-fähigen Personalausweis, mittels technischer Verfahren wie Videoerkennung erstellt. Das ist weder effizient noch sicher. Ein weiteres Problem besteht darin, dass eventuell für jeden Geschäftsvorfall wieder ein neuer Identitätsnachweis geführt werden muss. Vielleicht sogar mit einem anderen Anbieter. Somit ist keine Skalierbarkeit gegeben. Die einzelnen Anbieter stehen wie Silos nebeneinander, Zeit und Ressourcen werden verschwendet – und der Kunde ist oftmals von dem Procedere genervt.

Vier Bedingungen, um digitale Identitäten zum Erfolg zu führen

Wie sieht die Lösung aus? Der Erfolg digitaler Identitäten hat mindestens vier Bedingungen: Digitale Identitäten müssen technisch wie rechtlich sicher sein; sie müssen einfach zu nutzen sein; sie müssen kostengünstig sein; und sie müssen ihren Nutzen schnell unter Beweis stellen.

Mit der Einführung des Personalausweises mit eID-Funktion wurde eine gute und sichere technische Grundlage geschaffen. Jede Bürgerin und jeder Bürger muss auf eID-Infrastrukturen zurückgreifen können, das heißt, auch die Integrationsmöglichkeit in Dritt-Apps muss gewährleistet sein. Und für eine Akzeptanz in der Bevölkerung muss rasch ein großes Spektrum an interessanten Anwendungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Dieser letzte Punkt kann nur gemeinsam mit der Wirtschaft gelöst und umgesetzt werden. Customer Experience ist hier das relevante Schlagwort. Wenn die Nutzer des elektronischen Personalausweises sehen, dass es einfach, kostengünstig und schnell ist, sowohl Behördengänge als auch alltagsrelevante Geschäftsvorfälle mit Hilfe der schon längst angebotenen eID zu machen, löst sich die Henne-Ei-Problematik auf. Dazu müssen die Unternehmen zu der Überzeugung gelangen, dass es an der Zeit ist, entsprechende Angebote aufzubauen und in die entsprechende Infrastruktur zu investieren. Denn erst ein hoheitliches Identitätssystem, das für Unternehmen einfach zu integrieren ist und kostengünstig eingesetzt werden kann, ermöglicht die Entwicklung innovativer digitaler Anwendungsfälle.

Ministerien sollten Kräfte bündeln

Und dazu braucht die Wirtschaft ein klares politisches Signal, dass solch eine Lösung gewollt ist, dass sie politische Unterstützung bekommt und dass es hier schnelle Entscheidungen gibt. Derzeit sind drei Ministerien jeweils federführend an Teilprojekten beteiligt. Das Bundesinnenministerium verantwortet alle Fragen rund um den Personalausweis mit eID-Funktion. Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr kümmert sich um die europäischen Aspekte. Und im Bundeswirtschaftsministerium sind verschiedene Projekte angesiedelt, die unter anderem zu einer raschen Lösung der praktischen Sicherheits- und Anwendungsstandards beitragen sollen. Beispielsweise sei hier die IDunion genannt, die mit Hilfe eines offenen, europäischen Netzwerks und einem Wallet-Ökosystem etwa die eindeutige Verifizierung von Kunden, Unternehmen und Maschinen gewährleisten soll. Wenn die drei Ministerien hier ihre Kräfte bündeln und von nun an Hand in Hand mit der Wirtschaft arbeiten, wird die kommende deutsche Lösung Impulse im europäischen Prozess geben können.

Wirtschaftssektoren stehen bereit

Halten wir fest: Mit der eID als hoheitliche digitale Identität ist Deutschland gut gerüstet, um das Henne-Ei Dilemma zu lösen. Allerdings muss dafür zeitnah die eID-Infrastruktur weiterentwickelt werden. Dazu gehört auch, dass Bürgerinnen und Bürger die Entscheidungsfreiheit haben, welche App sie zur Verwaltung der Digitalen Identität nutzen möchten. Ein Wettbewerb unter privaten Anbietern entsprechender Wallets wäre auch – gegenüber einer staatlichen Lösung – ein Garant für Innovation und Angebotsvielfalt.

Im eingangs erwähnten Entwurf zur Digitalstrategie finden sich ambitionierte Zielvorgaben. „Wir wollen uns 2025 daran messen lassen, ob in mindestens fünf Wirtschaftssektoren eine staatlich bereitgestellte digitale ID als unternehmensunabhängige Identität zur Identifizierung genutzt werden kann“, ist auf Seite 42 zu lesen. Die Wirtschaftssektoren stehen bereit. Jetzt muss nur noch der politische Wille hinzukommen, damit die Bürgerinnen und Bürger ihre Digitale Identität sicher, einfach und so schnell wie möglich nutzen können.

Joachim von Schorlemer ist seit 2016 Mitglied des Vorstands der ING Bank in Deutschland und seit Oktober 2020 stellvertretender Vorstandsvorsitzender. 

Volker Redder ist seit 2021 Mitglied des Deutschen Bundestags und Obmann der FDP-Fraktion im Ausschuss für Digitales.

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