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Standpunkt

Datengestützte Politik ist unsere beste Chance Klimarisiken einzudämmen

Iliya Nickelt, Chief Data Scientist im BMZ, und Robert Opp, Chief Digital Officer des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen
Iliya Nickelt, Chief Data Scientist im BMZ, und Robert Opp, Chief Digital Officer des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen Foto: BMZ/UNDP

Die Klimakrise ist weltweit eine der größten Herausforderungen. Doch oft fehlen Entscheidungsträger:innen Informationen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Deshalb fordern Robert Opp und Reina Otsuka von dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen sowie Iliya Nickelt vom BMZ einen internationalen Zusammenschluss, der das Sammeln, Analysieren und Teilen von Klimadaten vorantreibt. Denn die Krise macht nicht an Ländergrenzen halt.

von Iliya Nickelt (BMZ) und Robert Opp (UNDP)

veröffentlicht am 04.11.2022

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Die Hälfte aller Länder weltweit sind nicht ausreichend auf potenzielle Klimakatastrophen vorbereitet. Wo befinden sich die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen? Mit welchen Maßnahmen könnten sie geschützt werden? Welche Methoden und Instrumente sind tatsächlich wirksam? Dies sind entscheidende Fragen, die durch eine evidenz- und datengestützte Politik beantwortet werden können.

Obwohl die meisten Länder bereits an vielen Stellen Daten in ihre politischen Entscheidungsprozesse einbeziehen, bleiben sie dennoch eine oftmals zu wenig genutzte Ressource.

Die Herausforderungen in der Arbeit mit Daten 

In Vorbereitung auf die Stockholm+50 Konferenz führte das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) Konsultationen in 55 Ländern durch, im Rahmen derer politische Verantwortliche zu ihren Herausforderungen im Umgang mit Daten befragt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass viele der quantitativen Informationen und Statistiken für die Länder nicht granular genug aufgeschlüsselt sind und so zum Beispiel keine Aussagen auf Gemeindeebene getroffen werden können. Bei anderen Datenquellen muss erst grundlegend eine systematische Erfassung und Digitalisierung erfolgen.

Was neue Datenquellen wie Satellitenbilder, Citizen Science Data und Big Data aus sozialen Medien betrifft, fehlt es vielen Ländern an entsprechenden Technologien oder Kapazitäten, um diese effizient für ihre Fragestellungen zu nutzen. Ein Problem, das auch viele einkommensstarke Länder betrifft, ist die fehlende Abstimmung zwischen nationalen Statistikämtern, den Datenproduzenten, und politischen Verantwortlichen, den Datennutzenden. Dies ist oftmals auf fehlende institutionelle Strukturen zurückzuführen, welche einen effizienten Informationsfluss innerhalb des politischen Systems gewährleisten können.

Trotz dieser Herausforderungen wächst die Nachfrage nach mehr und besseren Daten für politische Entscheidungsfindung. Viele Landesvertreter.innen sprachen sich bei den Konsultationen dafür aus, ihre Datenkapazitäten, digitale Infrastruktur und den langfristigen Zugang zu neuen Datenquellen sukzessive verbessern zu wollen.

Politische Entscheidungsträger:innen wurden als Datennutzende übersehen

Um die Herausforderungen bei der Nutzung von Daten für die politische Entscheidungsfindung gezielt anzugehen, arbeiten UNDP und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eng zusammen und unterstützen Regierungen weltweit bei der Sammlung und Analyse von Daten. Dabei kommt es vor allem darauf an, die gewonnen Informationen auch in politische Entscheidungen zu übersetzen.

Es gibt bereits einige wichtige Initiativen, die sich insbesondere auf Datenproduzenten konzentrieren. Ergänzend dazu schlagen wir vor, zunehmend ein Augenmerk auf die Datennutzenden, also die politischen Entscheidungsträger:innen, zu richten.

Ein nutzerzentrierter Ansatz stellt sicher, dass die Entwicklung von Datenstrukturen und Informationsflüssen auf die Anforderungen politischer Entscheidungsträger:innen zugeschnitten ist. Dies ermöglicht einen zielgerichteten Überblick über die Datenlandschaft, den Abbau von sogenannten Datensilos und einen effizienten Datenaustausch zwischen Regierungsorganisationen.

Die politische Initiative Data4Policy setzt an diesem Punkt bereits an. Gegründet im Dezember 2021, unterstützt das Team politische Entscheidungsträger:innen weltweit im Rahmen von praxisnahen Anwendungsfällen. Durch die Zusammenarbeit mit Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft werden bestehende Daten- und Informationslücken geschlossen, analytische Kompetenzen vermittelt und erfolgreiche Methoden sektorübergreifend skaliert.

Mehr Investitionen in neue Datenquellen sind nötig

Auch wenn die Vorgehensweise explorativ erfolgt, könnten Investitionen in die Nutzung und Einbettung neuer Datenquellen eine Chance sein, um das Verständnis der Zivilbevölkerung für den Umgang der Regierung mit beispielsweise Klimarisiken zu verbessern. Mehrere Pilotprojekte, an denen wir in letzter Zeit gearbeitet haben, veranschaulichen entsprechende methodische Ansätze:

In Indien arbeitete UNDP beispielsweise mit der Regierung des Bundesstaates Telangana zusammen, um Daten für klimaresiliente Landwirtschaft (DiCRA) bereitzustellen. Entstanden ist ein digitales öffentliches Gut, das auf der Grundlage von Satellitenbildern und Beiträgen von Bürgerwissenschaftlern die am meisten gefährdeten landwirtschaftlichen Flächen identifiziert. So ermöglicht DiCRA der Regierung, die Auswirkungen ihrer Klimaschutzmaßnahmen für landwirtschaftliche Flächen zu bewerten.

Ein Weg in die Zukunft

Der Weltklimarat (IPCC) warnt, dass die globale Erwärmung zwischen 2030 und 2052 wahrscheinlich 1,5°C erreichen wird. Das bedeutet, dass das Ziel des Pariser Abkommens verfehlt wird.

Bei einer Erderwärmung von 1,5 °C besteht die Gefahr, dass es zu mehr klimabedingten extremen Wetterkatastrophen kommt, die Tausende Menschenleben fordern und Schäden in Milliardenhöhe verursachen können. Am stärksten betroffen sind voraussichtlich Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, insbesondere Frauen, Landwirte, und Randgruppen in eng besiedelten Städten.

Zwar haben viele Länder ihre Ambitionen in Bezug auf den Klimawandel – insbesondere durch die Nationally Determined Contributions (NDCs) – erhöht, allerdings bleibt es eine Herausforderung, diese Pläne umzusetzen, aus ihnen zu lernen und sich kontinuierlich an den Wandel anzupassen. Die weltweite Klimakonferenz COP 27 in Sharm El-Sheikh wird sich auf Klimaanpassung, -abschwächung, -finanzierung und -zusammenarbeit konzentrieren. Daten werden dabei im Mittelpunkt dieser Gespräche stehen.

Eine datengestützte Politikgestaltung kann Regierungen helfen, alle Teile der Gesellschaft – auch marginalisierteste Gruppen – zu erfassen, zielführende Maßnahmen aufzusetzen und vergangene Entscheidungen anzupassen. Dadurch sind Länder nicht nur flexibler und besser auf zukünftige Krisen vorbereitet, sondern auch transparenter in ihrer Entscheidungsfindung – ein wesentlicher Faktor, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in ihre Institutionen zu stärken.

Wir sind davon überzeugt, dass die Welt besser auf Klimarisiken vorbereitet sein wird, wenn politische Verantwortliche aus allen Sektoren das volle Potenzial von Daten kreativ ausnutzen. Dazu braucht es eine kritische Masse hochrangiger Beamter, die weltweit vernetzt sind und sowohl evidenzbasierte Entscheidungen fördern als auch bei der Lösung globaler Herausforderungen zusammenarbeiten wollen.

UNDP wird in enger Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die Voraussetzungen für eine solches Netzwerk schaffen und basierend darauf ein Handbuch für Regierungen entwickeln, das als Anleitung zur Nutzung von Daten in politischen Prozessen dienen soll. Mit der Zeit sollen diese Bemühungen in einem weitreichenden zwischenstaatlichen Datenaustausch münden. Denn auch die Klimakrise macht nicht an Grenzen Halt und evidenzbasiertes gemeinsames Handeln ist unsere beste Chance, sie zu bewältigen.

Robert Opp ist Chief Digital Officer des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen. Iliya Nickelt ist Chief Data Scientist des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Reina Otsuka ist Digital Innovation Lead on Nature, Climate, and Energy beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

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