Standpunkt Deutschlands Städte wagen den Aufbruch

Die international führenden Smart Cities sind nicht in Deutschland zu finden. Doch immer mehr deutsche Kommunen haben sich auf den Weg gemacht. Dafür braucht es einen Kulturwandel im Land – auch auf den Ämtern, fordert Bitkom-Präsident Achim Berg zum Start der Smart Country Convention.

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Ob Hamburg, Erfurt oder Bad Hersfeld: In vielen Rathäusern herrscht Aufbruchsstimmung. Immer mehr deutsche Städte machen sich auf den Weg ins digitale Zeitalter und entwickeln Strategien, schaffen Stabsstellen oder gründen kommunale Agenturen, um die Digitalisierung aktiv zu gestalten. Noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Wer Smart-City-Vorreiter suchte, musste ins Ausland schauen. Städte wie Amsterdam, London oder Wien machten schon vor 20 Jahren vor, wie die Stadt der Zukunft aussieht: digital, effizient, ökologisch und sozial. Neu ist, dass diese Vision nun auch in Deutschland mit Leben gefüllt wird.

Vom Diskussions- in den Aktionsmodus

Der Startschuss für den Digital-Aufbruch fiel in Darmstadt. Als Bitkom und der Deutsche Städte- und Gemeindebund 2017 im Wettbewerb „Digitale Stadt“ nach den innovativsten Smart-City-Konzepten suchten, überzeugte die hessische 160.000-Einwohner-Stadt mit einer ambitionierten Zukunftsvision. Mittlerweile gibt es mehr als 50 Städte, die zumindest Digitalisierungsverantwortliche benannt haben oder an einer Digitalen Agenda arbeiten – von der Metropole über die Großstadt bis zur 30.000-Einwohner-Gemeinde im ländlichen Raum.

Über Smart Cities ist schon viel geschrieben, geredet und gestritten worden – umso entscheidender ist es, aus dem Diskussions- in den Aktionsmodus zu kommen. Also kam der Wunsch auf, alle 81 Großstädte in puncto Digitalisierung objektiv zu vermessen und damit vergleichbar zu machen. Das Ergebnis ist der Smart-City-Index, den Bitkom gerade erstmals vorgestellt hat. Experten von Bitkom Research haben dafür in allen deutschen Städte ab 100.000 Einwohnern insgesamt rund 7.800 Datenpunkte erfasst, überprüft und qualifiziert. Untersucht wurden die fünf Kernbereiche Verwaltung, IT und Kommunikation, Energie und Umwelt, Mobilität sowie Gesellschaft.

Über alle Kategorien hinweg am besten schneidet Hamburg ab. Die Hansestadt liegt mit Abstand an der Spitze des Smart-City-Index. Dahinter rangieren Karlsruhe und Stuttgart in Baden-Württemberg, dicht gefolgt von Berlin und München. Was der Smart City Index übrigens nicht misst, ist etwa die personelle Ausstattung oder eine eventuelle Überlastung der Verwaltung.

Mit Heidelberg und Darmstadt haben es auch weniger große Städte in die Top 10 geschafft. Jenseits der Metropolen gehören Städte dieser Größenordnung in einzelnen Bereichen zu den Vorreitern, wie Mannheim beim E-Government, Wuppertal bei gesellschaftlichen Aktivitäten oder Darmstadt bei Energie und Umwelt.

Berlin nun drei Tage Hotspot der Smart-City-Debatten

Der Smart-City-Index beweist: Digitalisierung ist auch, aber nicht nur, an gut gefüllte öffentliche Kassen geknüpft. So schneiden Städte in Baden-Württemberg und Hessen im Mittel besser ab als der Durchschnitt. Doch gute Standortbedingungen allein machen die Digitalisierung nicht zum Selbstläufer, wie etwa Reutlingen, Heilbronn oder Erlangen beweisen, die in der Gesamtwertung überraschend weit hinten liegen. Die zentrale Botschaft ist, dass sich niemand auf dem Erreichten ausruhen sollte. Wo aktuell noch Lethargie herrscht, wollen wir mit dem Smart-City-Index wachrütteln.

Die ersten Reaktionen zeigen, dass der Smart-City-Index neuen Schwung in die Digitalisierung der Kommunen bringen kann. Ab heute wird Berlin für drei Tage zum Hotspot der Smart-City-Debatte: Auf der Smart Country Convention im CityCube werden Netzwerke geknüpft, Erfahrungen ausgetauscht und Technologien für die digitale Praxis erklärt. Die Veranstaltung vereint Messe, Kongress und Workshop-Formate und findet bereits zum zweiten Mal statt. Mehr als 10.000 Teilnehmer werden erwartet – Digitalmacher aus Bund, Ländern, Kommunen und der Wirtschaft.

Von Vorreitern wie Litauen lernen

Neue Perspektiven öffnet das Gastland Litauen. Der baltische Staat gehört zu den internationalen Vorreitern bei digitaler Bildung, Infrastruktur und E-Government. So werden in Litauen schon in der Grundschule Computer-Kenntnisse vermittelt – mit dem Ergebnis, dass 97 Prozent der Schüler IT-Fertigkeiten besitzen. Und eine digitale Unterschrift genügt, um etwa ein Unternehmen zu gründen. Das sollte auch in Deutschland zur Selbstverständlichkeit werden.

Der Einsatz digitaler Technologien ist kein Selbstzweck. Smart Cities und Smart Regions stehen für die intelligente Vernetzung aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche im kommunalen Raum. Den Schlüssel für innovative Lösungen bilden etwa siloübergreifende Datenplattformen und IoT-Netzwerke, kundenorientierte und transparente Verwaltungsprozesse, zusätzliche Dienstleistungen kommunaler Unternehmen und neue Partnerschaften zwischen kommunalen Akteuren und der Wirtschaft. Digitalisierung erschöpft sich nicht darin, bislang analoge Prozesse ins Digitale zu übersetzen. Vernetzung bedeutet, den Datenaustausch zwischen bislang getrennten Systemen zu ermöglichen. Digitalisierung heißt: digitale Technologien, neue Prozesse und kultureller Wandel – auch auf dem Amt.

Lange Wartezeiten auf dem Amt oder beim Arzt, Staus und Verkehrsunfälle, Lärm und Abgase werden der Vergangenheit angehören, wenn die einmaligen Möglichkeiten digitaler Technologien genutzt werden. Die ersten Schritte zur intelligenten Vernetzung des öffentlichen Raums sind gemacht. Aber ist gibt noch viel zu tun. Damit die Smart-City-Leuchttürme künftig auch in Deutschland zu finden sind.


Achim Berg ist Präsident des Branchenverbands Bitkom, der mehr als 2.700 Unternehmen der digitalen Wirtschaft in Deutschland vertritt. Berg ist Partner bei General Atlantic, einem der weltweit größten Wachstumsinvestoren, und alleiniger Gesellschafter von Mabcon.

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