Standpunkt Die digitale Spaltung Deutschlands verhindern

Während die Menschen in Deutschland gerade ihre Sommerferien genießen, ziehen mit der Delta-Variante bereits erste dunkle Schleierwolken am Horizont auf. Cisco Deutschland-Chef Uwe Peter ist besorgt, dass aktuell wieder wichtige Zeit vergeudet wird. Oder schlimmer noch, dass nach der Krise versucht wird, weiterzumachen wie zuvor. Er fordert eine beschleunigte Digitaloffensive in Deutschland.

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Deutschland hat den letzten Sommer verschlafen. Das zeigte sich insbesondere an der mangelnden Digitalisierung von Schulen. Im Herbst war schnell klar, dass die Zukunft unserer Kinder erneut über viele Monate hinweg durch Home-Schooling aufs Spiel gesetzt wird. Heutzutage sollte in einem reichen Industrieland wie unserem, Bildung jedoch nicht mehr vom Ort des Klassenzimmers oder dem Wohlstand der Familien abhängig sein.

Ein Jahr später befinden wir uns in einer ähnlichen Situation. Bekannt erscheinen uns die Diskussionen über Lüftungssysteme, Wechselunterricht, Homeoffice-Pflicht und der unbedingten Vermeidung eines erneuten Lockdowns. Das müssen wir verhindern.

Soziale Ungleichheit steigt

Denn digitale Ungleichheit verstärkt soziale Unterschiede: Beim Home-Schooling etwa erschweren ein langsamer Internetanschluss oder gar Handys, die laut Studien zur schnellen Ermüdung der Schüler führen, den Lernerfolg. Auf diese Weise werden unseren Kindern soziale Aufstiegschancen durch Bildung frühzeitig verbaut. Aber auch im Handel, bei medizinischer Versorgung oder in der Kultur profitieren diejenigen, die online sind. Wer offline ist, hat keinen Anschluss oder verliert diesen.

Die Ergebnisse des aktuellen Cisco Breitband-Index zeigen, wohin die Reise gehen muss:

  • 69 Prozent der Berufstätigen sehen einen schnellen, sicheren und zuverlässigen Breitbandanschluss inzwischen als Lebensgrundlage an
  • 41 Prozent der Befragten hatten aber während des Lockdowns keinen Zugang zu wichtigen Services
  • 75 Prozent fordern von der Politik, die Bereitstellung von schnellem und zuverlässigem Internet für alle zu beschleunigen
  • 46 Prozent würden für eine stabilere und sicherere Internetverbindung auch mehr bezahlen
  • 87 Prozent glauben, dass sich ihre Chancen durch die Digitalisierung in der Pandemie verschlechtert haben oder höchstens gleichgeblieben sind

Forderungen für die Digitalisierung Deutschlands

Diese Ergebnisse zeigen: Eine flächendeckende Breitband-Infrastruktur ist Voraussetzung für Chancengleichheit – in der Bildung und Wirtschaft. Technologien bilden die Basis für die Teilnahme am öffentlichen Leben, den Austausch von Informationen und die effiziente Erledigung von Aufgaben. Dies wurde durch die Pandemie zusätzlich beschleunigt und verstärkt. Laut einer OECD-Studie sind in Deutschland nur knapp fünf Prozent aller Breitbandanschlüsse via Glasfaser angebunden, in Schweden oder Spanien sind es 70 Prozent. In Zeiten von Homeoffice, E-Health, Fernunterricht und Industrie 4.0 wird eine leistungsstarke Netzinfrastruktur bundesweit genauso wichtig, wie die Stromversorgung – sie gehört zur Grundversorgung. Daher brauchen wir eine weitere Beschleunigung der Breitbandoffensive und im ländlichen Raum zusätzlich 5G.

Wir müssen zudem mehr in die digitale Bildung investieren und den Digitalpakt Schule dafür nicht nur verstetigen, sondern für mehr Fördermöglichkeiten öffnen und das Antragsverfahren entbürokratisieren. Die nötige Infrastruktur muss sofort und pragmatisch aufgebaut werden: Breitbandanschluss und WLAN für jede Schule und ein Endgerät für jeden Schüler. Darüber darf man nicht mehr diskutieren. Zudem müssen wir den Fokus auf digitale Lernkonzepte legen, die Teil des normalen Schullalltags sind und in Pandemiezeiten dann eben nur stärker (oder ausschließlich) genutzt werden.

Datensicherheit ist dabei eine Grundvoraussetzung und muss geregelt sein. Der Fokus muss nun jedoch auf der Umsetzung liegen. Bedeutet, wir müssen schneller von der allgemeinen Grundlagenforschung in die Anwendung kommen. Ansonsten verlieren wir nur Zeit. Die Chancengleichheit ist jetzt in Gefahr und der Weltwohlstand wird heute neu verteilt.

Zudem benötigen Schulen zusätzliches IT-Know-how zur Erstellung von Medienentwicklungsplänen. Für die Einrichtung und den sicheren und reibungslosen Betrieb der Netzwerke muss es einen IT-Administrator pro Schule oder zumindest ein IT-Team pro Landkreis geben. Denn was nützen Tablets, wenn das WLAN nicht funktioniert.

Gleichzeitig und bei aller berechtigter Diskussion um die Schulen dürfen Erwachsene und Berufstätige jedoch nicht vernachlässigt werden. Eine praxisnahe Weiterbildung ist essenziell. IT muss Teil der Grundbildung sein, um unsere Industrie in die neue Welt zu führen und unseren Wohlstand zu sichern. Denn nur wer durch Qualifizierung auf die digitale Zukunft vorbereitet ist, findet sich in dieser besser zurecht, akzeptiert neue Technologien und den damit verbundenen stetigen Wandel.

Es gibt noch viel zu tun

Trotz aller Kritik: Die Digitalisierung ist seit dem vergangenen Jahr insbesondere in Unternehmen, in Teilen der öffentlichen Verwaltung sowie in vielen Krankenhäusern und Schulen deutlich vorangeschritten. Doch es bleibt eben noch viel zu tun. Häufig beschränken sich die bisherigen Maßnahmen auf akutes Krisenmanagement oder ohnehin erforderliche Modernisierung. Jetzt geht es darum, konsequent die digitale Zukunft Deutschlands voranzutreiben.

Dafür brauchen wir mehr Pragmatismus statt Bürokratie, mehr Konnektivität in jedem Winkel des Landes und vor allem digitale Bildungsangebote für alle Teile der Bevölkerung. Zudem müssen wir vom reaktiven in den proaktiven Modus kommen, Vorreiter sein. Denn nur mit einer konsequenten Status- und Bedarfsanalyse, den richtigen Schlussfolgerungen sowie guter Planung und Umsetzung kann die Digitalisierung Deutschlands gelingen. Und dies ist angesichts des gestiegenen internationalen Wettbewerbs wichtiger als je zuvor.

Uwe Peter ist seit Januar 2019 Chef von Cisco Deutschland und seit 2005 Mitglied der Geschäftsführung. Der Diplomingenieur begann seine Laufbahn bei Cisco 1999 als Leiter des Systems Engineering Teams für Öffentliche Auftraggeber. Ehe er zu Cisco wechselte, hatte er ab 1992 verschiedene Vertriebspositionen für Siemens Deutschland inne.

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