Standpunkt Die Gefahr des gamifizierten Terrors

Brenton Tarrant, der Attentäter von Christchurch, streamte seine Tat und hinterließ ein „Manifest“ mit Anspielungen auf die Sprache der Gamer-Szene. Offenbar wollte der Mörder von Halle es ihm gleichtun. Die Politikwissenschaftlerin und Buchautorin Julia Ebner warnt vor den Folgen eines gamifizierten Terrorismus – und erklärt, warum er für Nachahmer anschlussfähig ist.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind bereits Background-Kunde? hier einloggen

Mein Herz rast und mir ist schlecht, als ich das Büro verlasse. Immer noch sehe ich vor mir, wie die Männer und Frauen einer nach dem anderen zusammenbrechen als sie vom Kugelhagel getroffen werden. Und immer noch höre ich diese Schüsse, abgefeuert aus einem halbautomatischen Gewehr.

Es wäre besser gewesen, ich hätte mir den Mitschnitt des Live-Streams vom Anschlag auf die Moschee im neuseeländischen Christchurch nicht angeschaut.

Als ich mich daran mache, alle frei zugänglichen Informationen zu sammeln, die ich im Internet finden kann, um mir einen genaueren Eindruck von Brenton Tarrants Weg in die Radikalisierung zu verschaffen, empfinde ich eine Mischung aus Traurigkeit, Frustration und Schuld. Hätte der Anschlag verhindert werden können? Wenige Tage zuvor hatte Tarrant Bilder der Waffen getwittert, die er benutzen würde. Auf den Bildern fanden sich auch die Namen seiner Vorbilder, darunter die tödlichsten Rechtsterroristen des 21. Jahrhunderts, wie der Norweger Anders Behring Breivik, der 2011 77 Menschen getötet hatte, und der Kanadier Alexandre Bissonnette, der 2017 die Schießerei in der Moschee von Québec City verübt hatte. Weder Twitter noch die Sicherheitsdienste hatten diese Materialien aufgespürt, da das nur aus Bildern bestehende Posting allen verfügbaren textbasierten Aufdeckungsmechanismen entwischt war.

Grenzen zwischen Trolling und Terrorismus verschwimmen

Als Tarrant seinen Anschlag in dem Online-Forum 8Chan ankündigte, waren sich viele Nutzer – darunter einige seiner Online-Freunde – nicht sicher, ob er es wirklich ernst meinte. Selbst als er seinen Live-Stream auf Facebook startete, schienen die Kommentatoren auf 8Chan nicht einschätzen zu können, ob der Angriff einen Streich oder ein echtes Ereignis darstellte. „Das ist ein LARP, oder?”, fragte einer. LARPs sind Live Action Role Plays, also improvisierte Rollenspiele. „Kein LARP, es passiert wirklich”, antwortete ein anderer. Zu Beginn des Live-Streams sagt Tarrant, „Folgt PewDiePie”, dem schwedischen Gamer-Kommentator und Youtuber mit der zweithöchsten Reichweite weltweit. Dann spielt er das Lied „Remove Kebab” ein, einen serbischen antimuslimischen Propagandasong aus den Jugoslawienkriegen, der zu einem Meme der weißen Nationalisten geworden ist.

Der Anschlag von Christchurch hat die Grenzen zwischen Trolling und Terrorismus verschwimmen lassen. Von Anfang bis Ende war das Terrorspektakel so orchestriert, dass es eine ganz bestimmte Zielgruppe unterhalten sollte: die Shitposter auf 8Chan. Tarrants sogenanntes Manifest war durchzogen von Witzen, Ausdrücken und Ideologien, die mir während meiner Recherche in extremistischen Online-Netzwerken immer wieder begegnet sind. „Also gut, Jungs, die Zeit ist gekommen, mit dem Shitposten aufzuhören und zu versuchen, einen Post im echten Leben abzusetzen”, verkündete er auf 8Chan. „Ich werde einen Angriff gegen die Invasoren ausführen und ich werden diesen Angriff sogar live auf Facebook streamen.”

Eskalation der Gamifizierung

Seine live im Netz übertragene Schießerei war der Versuch, sich der Kameraderie innerhalb der rechtsextremen Troll-Community zu bedienen, in der Hoffnung, dass ihre Mitglieder ihm Applaus und Respekt spenden würden. In seiner letzten Botschaft gibt der Attentäter einem Gefühl der Verbrüderung und Freundschaft Ausdruck: „Es war ein langer Ritt und trotz all eurer ungezügelten Schwulerei, Nichtsnutzigkeit und Degeneriertheit seid ihr erstklassige Kerle und der beste Haufen Kumpel, den ein Mann sich nur wünschen kann.” Dann rief er seine Zuschauer dazu auf, sein Manifest und den Live-Stream zu verbreiten sowie Memes und Shitposting-Content zu produzieren. „Falls ich den Angriff nicht überleben sollte, heißt es Auf Wiedersehen, Vergelt’s Gott und wir werden uns alle wiedersehen in Walhalla!”

Neu an Christchurch war die Eskalation der Gamifizierung: Die Aneignung von Spielelementen für den Terror, der Einsatz von Gewalt an der Schnittstelle von Spaß und Angst. Gamifizierung – die Hinzufügung von Spielelementen zu Produkten, Dienstleistungen oder Aktivitäten, die eigentlich nichts mit Spielen zu tun haben – ist ein ziemlich neues Konzept. Doch es durchdringt heute fast alle Bereiche des Lebens, auch im Terrorismus wird damit gearbeitet. Der IS war eine der ersten militanten Gruppen, die ihre Propaganda gamifizierten: per Photoshop kopierten sie Bilder von Dschihad-Kämpfern in Anzeigen für das Videospiel Call of Duty und sie produzierten auch ihre eigenen Videospiele zu Rekrutierungszwecken.

Terrormorde als Shooter-Game

Der Live-Stream von Christchurch verbreitete sich schnell viral. Facebook musste innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Anschlag 1,5 Millionen hochgeladene Videos entfernen. Glorifizierende Meme, von denen manche den Terroristen „Saint Tarrant” nannten, andere „Invader Crusader”, kursierten in den extremistischen Echokammern des Internets. Unterstützerbotschaften kamen von rechtsextremen Gamern, Youtubern und unbekannten Sympathisanten, die seinen Angriff als „Victory Royale” bezeichneten. Einige Gamer verwandelten das Video seines Live-Streams sogar in ein Shooter Game, das jedes Mal, wenn er eine weitere Person erschoss, den Score und die verbleibende Munition anzeigte.

Auf der Encyclopedia Dramatica finde ich einen Eintrag über Brenton Tarrant, der mit den Worten beginnt: „INVASOREN MÜSSEN STERBEN. Gerade als alle dachten, dass dies ein beschissenes, glanzloses Jahr werden würde, erschien ein neuer Herausforderer auf der Bühne.” Der Artikel beschreibt Tarrant als „Master Chief Brenton Harrison Tarrant, a.k.a the Kiwi Kebab Killer”.

Und dann stolpere ich über ein Video, das sogenannte „Brentonettes” zeigt, minderjährige Mädchen, die ihrer Bewunderung für Brenton Tarrant Ausdruck verleihen. Einige sagen in die Kamera, dass sie ihn heiraten wollen.

Wie toxisch ist die Umgebung der Online-Communitys?

Extremisten und Ultra-Libertäre, die mit Memes ausgedrückte Feindseligkeiten und politische Grenzüberschreitungen für kulturelle Ausdrucksformen halten, ist der Gedanke zuwider, dass das Internet ein ernsthafter Ort sein sollte. Sie spotten über den Vorschlag, dass anonyme und pseudonyme Websites in gleicher Weise reguliert werden sollten wie Marktplätze in der realen Welt. Für sie war das Internet ein Ort des Spaßes und das soll es auch für immer bleiben.

Aber nach Christchurch scheint einigen Mitgliedern rechtsextremer Plattformen aufgegangen zu sein, dass die rassistischen Meme für viele Leute mehr als bloß grenzüberschreitende Witze waren. In den Tagen nach dem Anschlag kann ich in Echtzeit beobachten, wie die Scheidelinie zwischen jenen, die bloß aufs Trollen aus sind, und jenen, die es mit dem Rassenkrieg ernst meinen, schärfer gezogen wird. Während einige mit der Aufforderung zu Nachahmungstaten reagieren, machen andere die toxische Umgebung ihrer Online-Communitys für den Anschlag verantwortlich.

Sind Online- und Offlinewelt wirklich voneinander getrennt?

Christchurch war ein Weckruf für all jene, die immer noch an den sogenannten Digitalen Dualismus glauben, also die Idee, dass die Online-Welt und die Offline-Welt strikt voneinander getrennte Realitäten seien. Der Begriff wurde 2011 von Nathan Jurgenson geprägt, dem Gründer des Cyborgology-Blogs, und er hielt rasch Einzug in den Jargon der Social-Media-Forscher. Aber wenn die Online-Brutstätten der Radikalisierung mit ihren sozio-technologischen Dynamiken zu Auslösern von Anschlägen werden, dann liefert das zunehmend den Beweis, dass der Digitale Dualismus ein gefährlicher Fehlschluss ist.

Die Lücke zwischen On- und Offline mithilfe von Features wie Geotagging, Gesichtserkennung und der Nachrichtengewinnung aus frei verfügbaren, offenen Quellen (Open Source Intelligence, OSINT) zu überbrücken, hat sich für Regierungen, Privatunternehmen und digitale Bürger als nützlich erwiesen. Aber Phänomene wie Doxing und live gestreamter Terrorismus zeigen auf, welche Gefahren mit dieser neuen Synthese einhergehen. Die Vorstellung, dass das Internet ein von der realen Welt getrennt existierender Ort sei, ist durch Christchurch eindeutig infrage gestellt worden. Der Anschlag verwandelte die virtuelle Welt nicht etwa in eine erweiterte Augmented Reality, sondern vielmehr in eine mindere Version der Wirklichkeit.

Bedrohung fühlt sich mittlerweile sehr real an

Als ich das erste Mal Anti-Extremismus-Einheiten des britischen Innenministeriums über die Gefahren des Shitposting unterrichtete, kam ich mir ein bisschen lächerlich vor. Regierungsbeamte vor irgendwelchen Trollen zu warnen, die Memes im Internet posten, schien einigermaßen dämlich, selbst 2017, nachdem ihr Einfluss auf die Wahl von Donald Trump allgemein bekannt geworden war. Aber als ich zwei Jahre später in der New Zealand High Commission in London saß, um Sicherheitsbeamte, Geheimdienstanalysten und Diplomaten aus Kanada, Großbritannien und Australien zu briefen, fühlte sich die Bedrohung erschreckend real an.

Jeder im Raum war besorgt über Nachahmungstäter. Tarrants sogenanntes Manifest war in einer Weise entworfen, die die Medien manipulieren und maximale öffentliche Aufmerksamkeit erregen sollte. Für Journalisten liest es sich beinahe wie ein druckfertiges Interview. Aber für seine Mitstreiter und Sympathisanten der extremen Rechten ist es eher eine Mischung aus Terror-Gebrauchsanweisung und Script für schwarzhumorige Stand-up-Comedy. Er wollte zu dem Helden werden, dessen Name bald als Schriftzug auf der Waffe eines anderen Terroristen prangen könnte: „inspirational terrorism”. Eine Analyse der New York Times deckte auf, dass mindestens ein Drittel der seit 2011 erfolgten rechtsextremen Terrorangriffe durch ähnliche, vorausgegangene Angriffe inspiriert waren.

Rechte Politiker machen Ideenwelt der Terroristen hoffähig

Forscher, die neue Trends im Feld des Extremismus beobachten, zeigten sich nach Christchurch schockiert, doch niemanden hat es wirklich überrascht. Der Angriff vereinte alle Elemente auf sich, vor denen wir gewarnt hatten: Alt-Tech-Plattformen, die zu Brutstätten der Radikalisierung im globalen Ausmaß werden. Identitäre Verschwörungstheorien, die Hass und Gewalt gegen ethnische und kulturelle Minderheiten befeuern. Live-Stream-Features in sozialen Medien, die als Mittel dienen, den Terror viral zu verbreiten. Gamifizierung und Internetkultur verknüpft mit einem „Do-It-Yourself”-Terrorismus.

Und dazu kommen Politiker, die hoffähig machen, was die Terroristen antreibt. Rechtspopulisten, die in Parlamenten sitzen oder führende Staatsämter bekleiden, haben entscheidend dazu beigetragen, die hinter dem Attentat von Christchurch und anderen Anschlägen stehenden Ideologien zu normalisieren, zu legitimieren und zu verstärken. Allein im bisherigen Jahr 2019 konnten wir beobachten, wie führende rechtspopulistische Politiker in ganz Europa sich auf die Idee des „Großen Austauschs” berufen haben, entweder implizit oder explizit. Viele haben eine verwandte Sprache und ähnliche Verschwörungstheorien für ihren Kampagnen übernommen, wie etwa die Idee, dass Muslime in Europa einmarschieren würden, um den Kontinent zu islamisieren und zu arabisieren und in ein sogenanntes „Eurabien” zu verwandeln.

Neue Ära des Extremismus

Die Normalisierung der zu Gewalt anstiftenden Ideologien wirft neue Fragen für die Extremismus-Prävention auf. Sollte Twitter beispielsweise hasserfüllte oder verschwörungstheoretische Propaganda entfernen, selbst wenn sie von demokratisch gewählten Politikern kommt? Was, wenn solche Inhalte von den offiziellen Accounts des Präsidenten der Vereinigten Staaten oder dem stellvertretenden Ministerpräsident Italiens gepostet wird?

Wir sind in eine neue Ära des Extremismus eingetreten. Was früher Rand war ist heute Mainstream. Slogans der extremen Rechten haben Eingang in offizielle Wahlprogramme gefunden. Apolitische Subkulturen im Netz haben sich politisiert, während der politische Raum die bizarren kulturellen Elemente von Online-Communitys übernommen hat. Spaß und Böses kämpfen Seite an Seite, was es schwerer macht, zwischen einem harmlosen Streich und einem strafbaren Verbrechen zu unterscheiden. Wo soll man die Grenze ziehen zwischen Meinungsfreiheit und Hassverbrechen? Zwischen Bürgerjournalismus und Informationskrieg? Zwischen Trolling und Terrorismus? Das sind nicht nur rechtliche Fragen. Es sind vielmehr Fragen, die das Herz der demokratischen Identität berühren. Wie libertär oder autoritär wollen wir sein? Und wie weit können wir es uns erlauben zu gehen – finanziell, moralisch, politisch? Was passiert, wenn wir zu stark zensieren? Wie zerstörerisch wäre der Backlash gegen das gesamte politische System?

Andererseits: Was ist der Preis der Untätigkeit?

Julia Ebner arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Londoner Institute for Strategic Dialogue im Bereich Extremismus und Terrorprävention. Im Suhrkamp-Verlag ist vergangenen Monat ihr neues Buch „Radikalisierungsmaschinen“ veröffentlicht worden, in dem sie sich mit der Bedeutung von digitalen Technologien in extremistischen Bewegungen befasst.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind bereits Background-Kunde? hier einloggen