Standpunkt Digitale Identitäten: Anbietervielfalt statt fauler Konsens

Benny Bennet Jürgens reagiert auf Kritik an einer digitalen Idetifizierungsösung der Bundesarbeitsagentur, die sein Unternehmen umsetzte. Es sei kein Problem, wenn viele verschiedene Verfahren für elektronische Identitäten eingesetzten werden, auf gemeinsame Regularien und Standards komme es an – und auf die Zufriedenheit der Nutzerinnen und Nutzer.

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Die digitale Identität rückt in Deutschland in den Fokus, erst recht seit Beginn der Coronapandemie. Unternehmen und Behörden waren abrupt gezwungen, Verwaltungsdienstleistungen innerhalb kürzester Zeit zu digitalisieren – und dabei Kosten, Nutzen und natürlich die Sicherheit der Kunden nicht aus den Augen zu verlieren. In seinem Standpunkt im Tagesspiegel Background vermutet Roland Adrian, Geschäftsführer von Verimi, dass die von deutschen Verwaltungsorganisationen gewählten Lösungen zur digitalen Identitätsprüfung lediglich schlechte Corona-Kompromisse seien und ruft dazu auf, die aktuelle Situation zu nutzen, um eine bundesweit einheitliche Lösung zu etablieren. Doch ist diese Forderung gerechtfertigt oder haben Organisationen in dieser Situation genau richtig und im Sinne der Bürger gehandelt?

Corona verlangte schnelle und intuitive Lösungen

Ein unbekanntes Virus, steigende Infektionszahlen und am Ende der Lockdown: Als das neuartige Coronavirus Anfang des Jahres erstmals Deutschland erreichte, waren Ungewissheit und Angst an der Tagesordnung – sowohl im Privaten als auch in der Wirtschaft. Spätestens als die offiziellen Maßnahmen zur Kontaktreduzierung in Kraft traten, mussten Unternehmen handeln. Die Digitalisierung vieler Prozesse, die in der Regel ein Jahr oder länger in Anspruch nimmt, musste nun über Nacht erfolgen. Doch müssen zeitliche Einschränkungen immer auch „faule“ Kompromisse bedeuten?

Adrian führt in seinem Text die Selfie-Ident-Lösung der Bundesagentur für Arbeit als Beispiel an. Dieses Verfahren, das Nect umgesetzt hat, ist dem Video-Ident-Verfahren ähnlich, nur dass der Abgleich von Ausweis und Gesicht automatisiert abläuft – es braucht kein Personal dafür. Für die Bundesagentur für Arbeit galt es, eine Herausforderung zu bewältigen: Es mussten möglichst viele Personen mit möglichst wenig Zeit- und Kostenaufwand – und natürlich absolut sicher – digital verifiziert werden. Das Video-Ident-Verfahren konnte mit der Geschwindigkeit des Wandels nicht mithalten, da vor der Umsetzung die Rekrutierung und Einstellung neuer Service-Agenten nötig gewesen wären. Und: Der elektronische Personalausweis stellt aufgrund der geringen Verbreitung noch keine Alternative dar.

Denn wie Markus Schmitz, CIO der Bundesagentur für Arbeit, im Tagesspiegel Background zur Zusammenarbeit mit Nect sagte, habe der elektronische Personalausweis kaum Nutzer und sei sehr umständlich anzuwenden. Für die Coronakrise habe man nach einer Lösung gesucht, die schnell und intuitiv funktioniere. Außerdem unterstützt das Selfie-Ident neben dem neuen deutschen Personalausweis auch Ausweisdokumente wie Reisepässe und den deutschen Aufenthaltstitel.

So wurde binnen weniger Tage das Selfie-Ident-Verfahren, zunächst im Rahmen einer dreimonatigen Testphase, bei der der Bundeagentur für Arbeit implementiert. Dass diese Entscheidung kein Kompromiss, sondern eine gute Wahl war, bestätigte unter anderem, dass pro Tag bis zu 20.000 erfolgreiche Identifizierungen durchgeführt werden konnten und die Zusammenarbeit vorerst bis zum 31. Dezember 2020 verlängert wurde. So wurde bewiesen, dass trotz Zeitdruck nicht blind, sondern konsequent und auf Erfahrung basierend ein Entschluss getroffen werden konnte, bei dem die Einhaltung europäischer Regularien stets im Fokus stand. Eben diese Regularien sind die Basis, die es Unternehmen ermöglicht, ohne Abstriche bei den Sicherheitsstandards aus mehreren Anbietern zu wählen.

Anbietervielfalt sorgt für mehr Qualität und Zufriedenheit

Aus einer Varianz an Marktteilnehmern ergeben sich außerdem weitere Vorteile. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, besagt schon ein altes Sprichwort. Wettbewerb fördert die Qualität des Angebots, da sich Konkurrenten aneinander messen. Organisationen wissen das. Nutzer profitieren davon. Somit legt Wettbewerb den Grundstein dafür, Qualität entscheiden zu lassen und verhindert einen faulen Konsens.

Die verpflichtende Nutzung eines Anbieters entspricht nicht dem demokratischen Gedanken. Auch die Bundesagentur für Arbeit bietet Alternativen. Neben dem Selfie-Ident kann weiterhin auch die Verifizierung mit der eID-Funktion des Personalausweises oder, wie gewohnt, vor Ort erfolgen, um auch Antragstellern ohne Smartphone eine Alternative zu bieten.

Marktteilnehmer können sich somit in ihrer Expertise ergänzen ohne eine einheitliche Lösung schaffen zu müssen. Eine Kombination aus digitaler und analoger Verifizierung hat sich in den letzten zwei Jahren bewährt. So bieten beispielsweise die R+V Versicherung und die Hamburgische Investitions- und Förderbank neben dem Selfie-Ident auch eine analoge Alternative, um alle Nutzer abzuholen – eine kundenfreundliche Umsetzung, die zu einer höheren Zufriedenheitsrate führt. Generell wird die potentielle Frustration von Nutzern durch das Angebot verschiedener Verfahren reduziert. Stehen mehrere Lösungen zur Auswahl, kann sich der Nutzer proaktiv für eine Möglichkeit unter mehreren entscheiden, ist offener für Optimierungsbedarf und gibt im besten Fall hilfreiches Feedback.

Verwaltungsorganisationen und Unternehmen brauchten ad hoc eine Lösung – eine Lösung, die ihren individuellen Bedürfnissen entspricht. Das sollten Start-ups, IT-Unternehmen und Trust Service Provider, egal welcher Größe, als Ansporn nutzen, um besser zu werden und genau die Lösungen zu schaffen, die der Markt verlangt. Eine einheitliche Lösung ist aufgrund des schnellen Bedarf-Wandels nicht zielführend. Stattdessen bieten gültige europäische Sicherheitsstandards die Basis für eine nutzerfreundliche Vielfalt.

Benny Bennet Jürgens ist CEO und Gründer der Nect GmbH, einem Unternehmen für digitale Trust Services auf Basis KI-basierter Online-Identifizierung. Seine Karriere begann der gelernte Informatiker in der Versicherungswirtschaft, wo er an verschiedenen Digitalisierungsprojekten mitwirkte. Vor Gründung des eigenen Unternehmens verantwortete er die App-Entwicklung eines weltweit agierenden Versicherungskonzerns.

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