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Standpunkt

Digitaler Binnenmarkt: Die Kosten der Komplexität

Marcos Raiser do Ó, Zentraleuropachef bei Stripe
Marcos Raiser do Ó, Zentraleuropachef bei Stripe Foto: Stripe

Ein großer Teil von Digitalunternehmen hat Schwierigkeiten die europaweit geltenden Vorschriften zu verstehen und einzuhalten. Eine weitere Harmonisierung der bestehenden Gesetzgebungen könnte daher 100 Milliarden Euro zusätzliche Online-Umsätze generieren.

von Marcos Raiser do Ó

veröffentlicht am 15.07.2020

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Die Europäische Union bietet mit ihren hohen Regulierungsstandards einer halbe Milliarde Menschen Schutz und Sicherheit. Hohe Standards und anhaltendes Wirtschaftswachstum schließen sich keineswegs aus, wie der anhaltende Wohlstand Europas beweist. Doch wie synchronisiert sind die Anforderungen in ganz Europa? Diese Frage stellt sich fünf Jahre nach Einführung des digitalen Binnenmarktes insbesondere für Online-Unternehmen.

Uneinheitliche Regulierung führt zu Milliardeneinbußen

Eine neue Studie, die B2B International im Auftrag von Stripe durchführte, ergab, dass knapp drei Viertel (72 Prozent) der europäischen Digitalunternehmen die Einhaltung von komplexen regulatorischen Vorschriften in den unterschiedlichen EU-Mitgliedstaaten als Hindernis für ihr Wachstum sehen. Fast zwei Drittel (64 Prozent) gaben an, sie wären bereits in mindestens zehn europäischen Ländern aktiv, wenn die Vorschriften EU-weit besser harmonisiert wären. 42 Prozent der befragten Führungskräfte glauben, dass die Einhaltung der Vorschriften immer schwieriger wird.

Wenn der Umgang mit Vorschriften, Compliance und Mehrwertsteuer in den verschiedenen Mitgliedstaaten unkompliziert und einheitlich wäre, könnten die Digitalunternehmen nach eigener Angabe ihre Einnahmen um beeindruckende 30 Prozent steigern. Hochgerechnet auf alle B2C-E-Commerce-Unternehmen in der EU würde das mehr als 100 Milliarden Euro zusätzliche Online-Umsätze bedeuten – allein für dieses Marktsegment.

Digitalunternehmen sind unsicher, welche Regulierungen sie einhalten müssen

Auch wenn regulatorische Harmonisierung über 27 Länder mit unterschiedlichen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten hinweg in der Praxis schwer umzusetzen sein mag, ist sie doch eine Schlüsselvoraussetzung für den anhaltenden Erfolg der europäischen Digitalwirtschaft. Die Kosten der derzeitigen Fragmentierung sind offensichtlich. Noch schlimmer ist, dass nur 33 Prozent der Unternehmen sich sicher sind, alle bestehenden Regulierungsstandards in den Ländern, in denen sie tätig sind, einzuhalten. Drei Viertel sagen, sie seien nicht einmal sicher, überhaupt in Gänze zu verstehen, welche Vorschriften sie beachten müssen. Das ist eine schockierende Zahl, denn Nichteinhaltung kann natürlich eine ganze Reihe fataler Folgen haben.

Covid-19 hat das Thema nur noch dringlicher gemacht. Während des Lockdowns haben sowohl Unternehmen als auch Verbraucher immer mehr Aktivitäten in den Online-Bereich verlagert. Mehrere Jahre wirtschaftlicher Digitalisierung wurden auf wenige Wochen und Monate verkürzt. Es ist allein deshalb schon für die wirtschaftliche Zukunft des gesamten Kontinents wichtiger denn je, sicherzustellen, dass Digitalunternehmen in der Lage sind, ihre Dienstleistungen und Produkte auf dem gesamten EU-Markt anzubieten.

Die Harmonisierung der Gesetzgebung sollte ganz oben auf der Agenda stehen

Die neue Europäische Kommission hat die Digitalisierung in den Fokus gerückt und entwirft nun eine ganze Reihe neuer Rechtsvorschriften, die die Digitalwirtschaft stärken sollen. Es ist zwar wichtig, auf Technologietrends von Künstlicher Intelligenz bis hin zu Kryptowährungen zu reagieren. Die Daten zeigen allerdings, dass es genauso bedeutsam ist, sich Gedanken darüber zu machen, wo Potenzial für eine weitere Harmonisierung der bestehenden Gesetzgebungen besteht. Das ist umso wichtiger für kleinere Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern, die laut Studie noch mehr Interesse als Großunternehmen an einer gesamteuropäischen Expansion haben – wenn sie sich nur nicht mit allzu komplexen Vorschriften auseinandersetzen müssten.

Die Herausforderung ist nicht nur eine politische. Auch Technologie kann dazu beitragen, den Unternehmen die Einhaltung aller relevanten Vorschriften in allen EU-Ländern zu erleichtern. Regulatorische Technologie (oder „Regtech“), die derzeit im Kommen ist, kann Teil der Lösung sein. Tatsächlich setzen 70 Prozent der Digitalunternehmen bereits Technologien ein, die ihnen helfen, mit Gesetzen und Compliance umzugehen. Leider ist die Landschaft der Online-Tools nach wie vor zersplittert und die verfügbaren Tools sind oftmals nur für Teilbereiche geeignet oder zu länderspezifisch. Technologieanbieter haben noch einen weiten Weg vor sich, wenn sie integrierte Lösungen für alle Länder und Branchen entwickeln wollen. Aber auch einen lohnenden Weg, der der europäischen Start-up-Landschaft neuen Aufwind geben könnte.

Technologie und Politik müssen die Digitalwirtschaft gemeinsam stärken

Trotzdem sollten wir nicht darauf hoffen, dass Technologie allein das Komplexitätsproblem lösen kann. Die Harmonisierung der nationalen Vorschriften ist ein Schlüssel zum weiteren Wachstum der europäischen Digitalwirtschaft, und die politischen Entscheidungsträger sollten nicht aufhören, auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Ein Beispiel für einen Regulierungsbereich, in dem eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Politikern und Technologieunternehmen bereits im Gange ist, ist die digitale Identitätsprüfung, bei der es sowohl eines harmonisierten Rechtsrahmens als auch technologischer Instrumente bedarf, um gute Ergebnisse zu erzielen.

Während sich die europäischen Märkte nach unterschiedlich stark ausgeprägten Covid-19-Lockdowns erholen, ist es jetzt an der Zeit, paneuropäische Lösungen und Regulierungen zu entwickeln, die Millionen europäischer Unternehmen unterstützen. Wenn politische Entscheidungsträger und Technologieunternehmen konstruktiv zusammenarbeiten, haben wir die Chance auf wirtschaftliches Wachstum im dreistelligen Milliardenbereich – und, was noch wichtiger ist, ein stärker geeintes Europa.

Marcos Raiser do Ó leitet die Geschäfte des Zahlungsdienstleisters Stripe in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in der Region Zentral- und Osteuropa. Nach seinem BWL-Studium an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main folgten Anstellungen bei Sun Microsystems, IBM und Salesforce. Hiernach verantwortete er bei Microsoft das gesamte Geschäft mit Banken, Versicherungen und Finanzdienstleistern in Deutschland. Nach einer weiteren Station bei IPsoft wechselte Marcos Raiser do Ó im Februar 2020 zu Stripe.

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