Digitalgipfel: Was hat Digitalisierung mit Nachhaltigkeit zu tun?

Auf dem Digitalgipfel heute und morgen sollen zwei große Themen zusammengeführt werden: Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Diskutiert wird darüber, wie Smart Homes Energie einsparen können, wie die Plattformökonomie gerecht werden kann und wie Drohnen bei der Landwirtschaft helfen können. Ein Überblick über das Programm.

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„Digital nachhaltiger leben“ lautet das Motto des diesjährigen Digitalgipfels, der eigentlich in Jena stattfinden sollte, stattdessen heute und morgen erstmals rein virtuell ausgerichtet wird. Mit dem Thema greife die Veranstaltung in diesem Jahr gleich zwei „Megatrends“ auf, heißt es auf der Homepage des Gipfels. Aber wie hängen sie zusammen?

Nachhaltigkeit: Nicht nur Umweltschutz

2015 wurde von den Vereinten Nationen die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Die Vision des UN-Papiers: „die Lebenssituation der Menschen zu verbessern und gleichzeitig unseren Planeten für nachfolgende Generationen lebenswert zu halten.“ Dass Nachhaltigkeit sich nicht auf ökologische Themen beschränkt, sondern auch essenzielle ethische Fragen nach Gerechtigkeit und der Art unseres Zusammenlebens betrifft, betont auch Jessica Heesen im Gespräch mit Tagesspiegel Background. Die Expertin vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen sieht – aus ethischer Perspektive – in der fortschreitenden Digitalisierung keineswegs einen pauschalen Garanten für mehr Nachhaltigkeit. So beförderten die neuen Technologien etwa auch die Fragmentierung der Gesellschaft und das Aufkommen von Hate Speech, sagt Heesen.

Wie ambivalent das Verhältnis von Digitalisierung und Nachhaltigkeit mitunter sei, zeige sich exemplarisch bei der Künstlichen Intelligenz, erklärt die Philosophin. Einerseits könne der Einsatz von KI dazu beitragen, Missstände, wie zum Beispiel Diskriminierungen, aufzudecken und zu beseitigen. Auf der anderen Seite bestehe die Gefahr, dass KI selber diskriminierend wirken und beispielsweise bereits bestehende Monopolstellungen festigen könne. Über die Frage, wie dieser Problematik begegnet und KI nachhaltiger werden kann, wird Jessica Heesen heute ab 14:30 Uhr auf dem Digital-Gipfel mit Katharina Morik vom Kompetenzzentrum für Maschinelles Lernen Rhein-Ruhr und Lucas Spreiter vom KI Bundesverband diskutieren.

Heeses Kritik, dass der Nachhaltigkeitsbegriff allgemein zu stark mit Umweltthemen assoziiert werde, muss sich auch der diesjährige Digitalgipfel gefallen lassen. Einige der 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, die im Rahmen der UN-Agenda 2030 formuliert wurden, werden auf dem Gipfel nicht oder nur am Rande thematisiert werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie die Digitalisierung zur Schonung von Ressourcen und so zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit beitragen kann. Bis zu 46 Prozent CO2-Emissionen könnte Deutschland bis 2030 so einsparen, legt eine kürzlich vorgestellte Studie des IT-Verbands Bitkom nahe.

Eine Möglichkeit könnte darin bestehen, schon bei sich zu Hause anzufangen. Durch Smart Living, also die Digitalisierung und Automatisierung wichtiger Funktionen im Gebäudeinneren, ließe sich beispielsweise die Energieeffizienz signifikant steigern, sagt Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), gegenüber Tagesspiegel Background. Wie eine neue Studie zeige, ließen sich mit solchen geringinvestiven Maßnahmen in Gebäuden 20 bis 25 Prozent des CO2-Ausstoßes verhindern. Das seien bis zu sieben Millionen Tonnen, sagt Esser. Unter dem Motto „Smart Living als Treiber für nachhaltige Wohngebäude“ wird die GdW-Hauptgeschäftsführerin in einer der heutigen Auftaktveranstaltungen ab 10:25 Uhr neben Hans-Georg Krabbe, Vorstandsvorsitzender der ABB AG, und Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Energie und Wirtschaft, darüber sprechen, wie Smart Living zur Energiewende beitragen kann.

Sind digitale Kommunen nachhaltiger? 

Wenn auf der Gebäudeebene schon solche Potenziale schlummern, was können dann erst die Kommunen tun, um digital nachhaltiger zu werden? Um diese Frage geht es gleich im Anschluss ab 11:05 Uhr im Block „Digitale Kommunen zwischen Resilienz und Green Deal“. Mit Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Thomas Jarzombek (CDU), Beauftragter des BMWi für die digitale Wirtschaft und Start-ups, Jens Mühlner von T-Systems International und Andreas Breuer von E.ON wird Christian Gerlitz, Bürgermeister der Stadt Jena, über die Chancen und Herausforderungen sprechen, die sich für die Kommunen aus der digitalen Transformation ergeben.

Eigentlich hätte Gerlitz in diesem Jahr Gastgeber des Digitalgipfels sein sollen. Nun hofft er, dass seine Stadt im kommenden Jahr die Veranstaltung nachholen kann, wie er Tagesspiegel Background verrät. Für die Kommunen biete die Digitalisierung zahlreiche Möglichkeiten, um nachhaltiger zu werden, sagt der SPD-Politiker. So könnten zum Beispiel durch intelligente Parkleitsysteme oder Energienetze die ökologischen Fußabdrücke reduziert werden. Der Bürgermeister verweist aber auch auf andere Nachhaltigkeitsbereiche. „Die Digitalisierung kann etwas positiv verändern, wenn man sie richtig anpackt und so vorantreibt, dass niemand ausgeschlossen wird“, meint der Jenaer. Durch digitale Bürgerbeteiligungsformate könnten Kommunen etwa Hemmschwellen bei den Bürgerinnen und Bürgern, die sie bisher an der aktiven Teilhabe am politischen Prozess hindern, senken. Auch im Bildungsbereich gebe es viele Möglichkeiten, mit digitalen Hilfsmitteln spielerisch Wissen zu vermitteln, wie etwa Jena mit seinem Saurierpfad zeige, bei dem Augmented Reality zum Einsatz komme.

Hochwertige Bildung ist auch eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN-Agenda 2030. Gleich drei aufeinanderfolgende Blöcke widmen sich heute ab 10:25 dem Themenkomplex Digitalisierung und Bildung. Lehr- und Lerninhalte jederzeit von jedem Endgerät abrufen zu können, ist das Ziel der vom Hasso-Plattner-Institut entwickelten HPI Schul-Cloud. Ab 11:55 Uhr werden unter anderem ein Schulleiter und eine Schulleiterin über ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Projekt berichten.

Ein wichtiges Thema ist auch gleich im Anschluss die Digitale Souveränität. Diese spielt nicht nur im Zusammenhang mit dem europäischen Projekt Gaia-X eine wichtige Rolle, über das am Dienstag ab 12 Uhr unter anderem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sprechen wird, sondern auch im Bildungswesen. Über die Anforderungen von Digitaler Souveränität im Bildungswesen werden in einer politisch hochkarätigen Runde unter anderem die Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU), Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) diskutieren.

Landwirtschaft: Ist Gülle digitalisierbar? 

Während es im Laufe des heutigen Gipfeltages auch um Themen wie digitale Infrastruktur, intelligente Mobilität, Industrie 4.0 oder Cybersicherheit geht, rückt ab 14:45 Uhr die Frage in den Vordergrund, wie digitale Technik zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft führen kann. Schon heute sorgen Apps, Sensoren und Robotik für eine effizientere Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen. Ist Gülle digitalisierbar? Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Tierhaltung und was können Drohnen gegen Schädlinge wie den Maiszünsler ausrichten? In mehreren Vorträgen wird es zunächst um diese und andere Fragen gehen. Im Anschluss werden Engel Hessel, Digitalisierungsbeauftragte beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Peter Pascher vom Deutschen Bauernverband (DBV), Cornelia Weltzien vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) und Hermann Buitkamp vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) über Chancen und Handlungsbedarfe bei der Digitalisierung in der Landwirtschaft debattieren.  

Tag 2: Heils Themen auf der Agenda

Am zweiten Gipfeltag wird es dann etwas ruhiger zugehen. Neben Fragen nach der Bedeutung der Digitalisierung für eine nachhaltige Wirtschaft und der Rolle der Forschung für die Entwicklung nachhaltiger Zukunftstechnologien wird es auch um zwei Aspekte gehen, die in diesem Jahr besonders in den Vordergrund gerückt sind. Im März ergab eine Erhebung, dass fast jeder zweite Berufstätige in Deutschland infolge der Corona-Pandemie ganz oder teilweise von Zuhause aus arbeitete. Wo liegen die Potenziale und Risiken des Homeoffice? Darüber wird ab 9:45 Uhr Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der ja das Recht auf Homeoffice gesetzlich verankern wollte, mit Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, und Angelique Renkhoff-Mücke, Vorstandsvorsitzende von Warema und Co-Vorsitzende des Digitalrats der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), reden.

Gleich im Anschluss geht es um das Thema Plattformökonomie. Auch hier hat Covid-19 wie ein Katalysator gewirkt, denn viele bleiben derzeit lieber, wenn möglich, zu Hause und bestellen auf Online-Plattformen, was sie brauchen. Die Menschen, die zum Beispiel als Essenslieferanten so ihr Geld verdienen, arbeiten allerdings oft in prekären und unsicheren Verhältnissen. Was muss getan werden, um das UN-Nachhaltigkeitsziel „Menschenwürdige Arbeit“ nicht aus dem Blick zu verlieren? Der Bundesarbeitsminister, der erst vor kurzem ein Gesetz zur Regulierung der Plattformarbeit angekündigt hat, wird darüber mit den zwei Vorgenannten sowie Arne-Christian Sigge, Vorstandsmitglied von content.de, und der freien Texterin und Autorin Irina Kretschmer diskutieren.

Mit einem Gespräch ab 13:25 Uhr zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel und dem Bitkom-Präsidenten Achim Berg wird der Digitalgipfel schließlich gegen 14 Uhr enden. 

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