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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Eckpunkte für eine europäische Cloud-Strategie

Boris Otto, Leiter des Fraunhofer ISST
Boris Otto, Leiter des Fraunhofer ISST Foto: Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST, Sascha Kreklau

Cloud-Plattformen bekommen in Zukunft immer mehr wirtschaftliche Bedeutung. Daher sei es umso wichtiger, dass Europa im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit eine eigene Cloud-Strategie umsetze, schreibt Boris Otto vom Fraunhofer ISST. Eckpunkte, wie diese Strategie aussehen sollte, formuliert er im Standpunkt.

von Boris Otto

veröffentlicht am 18.11.2021

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Ob im Smart Home oder in der Industrie 4.0 – 2025 werden uns schätzungsweise 40 Milliarden intelligente Geräte das Leben leichter oder Produktionsprozesse effizienter machen. Auf jeden Menschen kommen dann fünf mit dem Internet verbundene Dinge, die Daten erzeugen, analysieren, verteilen oder selbst nutzen. Das Gesamtvolumen dieser Daten schätzt Statista auf 175 Zettabyte, also 1,75 mal 10²³ Byte. Diese Daten sind die Ressource der zukünftigen Wertschöpfung. So wird der Wert der europäischen Datenwirtschaft laut Schätzungen der EU-Kommission im Jahr 2025 mehr als 800 Milliarden Euro betragen.

Überwiegende Teile des zukünftigen Wirtschaftssystems fußen also nicht mehr auf Maschinen zur Verarbeitung von Stahl und Eisen in Produkte, sondern auf Software zur Verarbeitung von Daten in digitale Dienste. Diese Software läuft in zunehmendem Maße auf Plattformen in der Cloud. Anbieter von Cloud-Plattformen erzielen daher am Kapitalmarkt Bewertungen über einer Billion US-Dollar. Die führenden Plattformunternehmen kommen aus den USA (Amazon, Apple, Google oder Microsoft) und China (Alibaba) – nicht aus Europa. Das wirft aus Sicht der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit sowie der digitalen Souveränität für den gemeinsamen Binnenmarkt die Frage auf: Was ist Europas Strategie für die Cloud und welche Rolle spielt dabei Gaia-X?

Vier Annahmen zur zukünftigen Cloud-Landschaft in Europa

Erstens: Offene Datenökosysteme werden die Wertschöpfung dominieren, wobei Datengeber, Datennehmer und Plattformanbieter in dynamischen Konstellationen zusammenarbeiten und Daten über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg geteilt und getauscht werden. Datennutzen und Datenschutz stehen im Ausgleich, um sowohl die Interessen des einzelnen Akteurs im Ökosystem als auch das gemeinschaftliche Interesse des Ökosystems zu wahren.

Zweitens: Im Vergleich zum amerikanischen und asiatischen Wirtschaftsraum ist die Cloud-Nutzungsrate in der EU noch relativ niedrig. Sie wird aber stark zunehmen, weil nur über Cloud-Dienste betriebswirtschaftliche Innovationspotentiale (zum Beispiel bei personalisierter Medizin oder bei der vorausschauenden Wartung von Industrieanlagen) sowie Potentiale zur Senkung der IT-Gesamtkosten (zum Beispiel durch Virtualisierung und Skalierung von Ressourcen und schnelle Inbetriebnahme von IT-Diensten durch DevOps-Verfahren) genutzt werden können.

Drittens: Trotz der Dominanz außereuropäischer Cloud-Plattformen wird kein einzelner Anbieter den Markt dominieren. Vielmehr ist mit einer oligopolistischen Marktstruktur zu rechnen, bei der wenige Anbieter Rechenzentren für große Cloud-Plattformen betreiben werden.

Viertens: Durch die Verbreitung des Internet der Dinge und der damit verbundenen Verteilung von Datenverarbeitungskapazitäten wird die Cloud-Landschaft der Zukunft dezentral sein. Die Entwicklung zu Edge-Cloud-Diensten wird sich in diesem Zuge fortsetzen, sodass neben wenigen Anbietern großer Cloud-Plattformen eine Vielzahl kleiner Cloud-Anbieter am „Rande des Internets“ (der so genannten „Edge“) entstehen werden.

Eckpunkte einer europäischen Cloud-Strategie

Unter diesen Annahmen lassen sich folgende Eckpunkte einer europäischen Cloud-Strategie formulieren: Erstens sollte Europa auf Standards für Cloud-Dienste setzen, die für alle Anbieter gelten, die im europäischen Binnenmarkt aktiv sind – unabhängig davon, ob es sich um europäische oder außereuropäische Unternehmen handelt. Deshalb ist es zu begrüßen, dass Gaia-X offen ist für die Mitwirkung von Unternehmen aus Ländern wie den USA und China. Denn unabhängig von kartellrechtlichen Belangen kann Europa nicht erwarten, dass außereuropäische Anbieter bereit sind, europäische Standards zu unterstützen, wenn ihnen die Mitwirkung am Standardisierungsprozess verwehrt ist.

Zweitens muss Europa vor dem Hintergrund seiner digitalen Souveränität ein Interesse daran haben, europäische Anbieter von Cloud-Diensten zu fördern. Die Priorität sollte dabei auf denjenigen Segmenten des Cloud-Markts liegen, bei denen die Chance zu gewinnen besonders hoch ist. Das ist nicht der Fall bei den großen, zentralen Cloud-Plattformen, bei denen außereuropäische Anbieter dominieren. Hier sollte gelten: „If you can’t beat them, join them.” Wenn außereuropäische Anbieter europäische Cloud-Standards unterstützten, wäre den Anforderungen der Anwender nach Vertrauen, Datenschutz und Datensouveränität genüge getan. Der Fokus europäischer Cloud-Förderung sollte hingegen auf Anbietern von Edge-Cloud-Diensten liegen. Denn dort, nahe am Produkt und am Prozess, ist insbesondere die deutsche Wirtschaft stark, und dort ist der Markt auch noch kaum verteilt. German Edge Cloud und Stackit, das Cloud-Angebot der Schwarz Gruppe, sind zwei Beispiele von deutschen Unternehmungen, die in diesem Markt gut positioniert sind. Vor diesem Hintergrund ist es richtig, dass das geplante „Important Project of Common European Interest (IPCEI)“ zu Cloud-Infrastrukturen und -Diensten einen starken Fokus auf Edge-Cloud-Dienste legt.

Drittens muss eine europäische Cloud-Strategie auf das „Multi-Cloud-Prinzip“ setzen. Da die Cloud-Landschaft von einer kleinen Zahl großer und einer Vielzahl kleiner Anbieter geprägt sein wird, ist es richtig, dass Interoperabilität und Portabilität von Daten und Diensten über einzelne Cloud-Dienste hinweg fundamentale Gestaltungsprinzipien der Gaia-X-Architektur sind. Die Infrastruktur der Datenwirtschaft im europäischen Binnenmarkt ist somit nicht monolithisch, sondern ergibt sich aus der Föderation verschiedener einzelner Cloud-Dienste, die gleichen Standards folgen.

Viertens sollte Europa neben Regulation auch auf Innovation setzen. Es ist richtig, über Maßnahmen wie den Data Governance Act verbindliche Rahmenbedingungen für die Datenwirtschaft im europäischen Binnenmarkt zu schaffen. Aber Europa muss auch selbst innovativ sein. Daher ist es richtig, im Fall von Gaia-X auf Open-Source-Software zu setzen. Denn der offene Quellcode der so genannten „Federation Services“ schafft per se Vertrauen, und es lassen sich durch den offenen Entwicklungsprozess mehr Ressourcen aktivieren, als einzelne Akteure bereit und willens sind aufzubringen.

Fünftens sollte Europa sowohl die Cloud-Infrastruktur als auch die Anwendungsdienste im Blick haben. Denn nur wenn es hinreichend Anwendungsfälle für die Infrastruktur gibt, werden Cloud-Anbieter in die Unterstützung von Standards und die Entwicklung von Open-Source investieren. Die Rolle des Staats ist dabei zweigeteilt. Einerseits muss er im Sinne der Daseinsvorsorge den Aufbau einer föderierten Cloud-Infrastruktur fördern. Andererseits sollte er als Anwender (zum Beispiel bei öffentlichen Ausschreibungen) Gaia-X-Konformität verbindlich vorgeben, um so die Nachfrage zu stärken.

Sechstens ist ein Finanzierungsmodell zielführend, an dem sich sowohl die Europäische Union als auch die einzelnen Mitgliedstaaten und der private Sektor beteiligen. Das angesprochene IPCEI sowie die im Digital Compass der EU skizzierten „Multi-Country Projects“ sind ebenso zielführend wie die Initiative Catena-X, bei der sich der Bund an den Kosten für den Aufbau eines Cloud-basierten Datenökosystems in der Automobilindustrie beteiligt.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Europa viele zielführende Maßnahmen für eine gemeinsame Cloud-Infrastruktur eingeleitet hat. Ihr Erfolg wird davon abhängen, inwieweit es gelingt, diese Maßnahmen im Sinne eines strategischen Plans zu koordinieren. Gaia-X kann dabei eine Schlüsselrolle einnehmen.

Boris Otto ist Inhaber des Lehrstuhls für Industrielles Informationsmanagement an der Technischen Universität Dortmund und geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund. Bei der Gaia-X AISBL ist er Vice Chairman Innovation. 

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