Standpunkt Elektronische Identitäten: Faule Corona-Kompromisse?

Die Coronapandemie beschleunigt die Digitalisierung von Verwaltungsdienstleistungen. Doch die Lösungen für elektronische Identitäten, die dabei zum Einsatz kommen, sind auf lange Sicht nicht skalierbar, schreibt Roland Adrian, Geschäftsführer von Verimi. Stattdessen brauche es jetzt endlich ein einheitliches Vorgehen. Das helfe auch, um in Europa voranzugehen – und nicht von großen Tech-Konzernen abhängig zu werden.

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Nicht erst seit Beginn der Coronakrise ist klar: Es muss vorangehen bei der Digitalisierung in Deutschland. Das betrifft den Gesundheitssektor (Stichwort: Pannen bei der händischen Erfassung von Reiserückkehrern in Bayern) ebenso wie die Schulen – und vor allem die öffentliche Verwaltung. Erste Verwaltungsprozesse sind zwar digital abgebildet – die Eintrittsbarriere elektronische Identität (eID) schließt heute die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürgern allerdings praktisch von der Nutzung aus.

Nur ein kleiner Bruchteil aller Bürgerinnen und Bürger nutzt die eID-Funktion des Personalausweises. Trotz theoretischer Freischaltung – viel zu wenige wissen über die Anwendung oder erinnern sich überhaupt an den dafür benötigten PIN. Corona bringt viele Prozesse, die man in Deutschland in der analogen Welt pflegte, nun zügig in die digitale Welt. Und es lassen sich neue Lösungen für die digitale Interaktion zwischen Behörde und Bürgern beobachten: Die Bundesagentur für Arbeit setzt auf Foto-Ident und die KfZ-Zulassungsstelle Berlin akzeptiert aktuell sogar eingescannte Personalausweise per E-Mail als Legitimationsmittel.

Auf den ersten Blick erscheint das bürgernah und bequem – endlich können Bürgerinnen und Bürger schnell und digital ihre Behördengänge von zuhause aus abwickeln. Langfristig skalierbar ist ein solches Vorgehen allerdings nicht.

Es ist positiv zu bewerten, dass Behörden nun innovative Methoden ausprobieren und vom ‚eIDAS-hoch-Standard-für-alles‘ loslassen. Dennoch sind zentrale Fragen der Sicherheit bei der Identifizierung und Authentifizierung ungeklärt. Ein einheitliches Vorgehen der Behörden ist erforderlich, ansonsten droht ein Wildwuchs der Verfahren. Das wird nicht nur unübersichtlich für diejenigen, die sich dann durch verschiedene digitale Behördengänge kämpfen – sondern auch ineffizient und unwirtschaftlich, wenn jede Behörde eine eigene Lösung baut oder integriert.

Eine europäische digitale ID ohne eine deutsche digitale ID?

Die Bürgerinnen und Bürger benötigen Lösungen, die sie immer wieder nutzen und mit denen sie in der breiten Masse sicher und bequem digital mit der öffentlichen Hand interagieren können. Die Erkenntnis ist da: Auf der Agenda der deutschen EU-Ratspräsidentschaft steht eine europäische digitale Identität. Dennoch nutzt Deutschland selbst nicht einmal innerhalb der öffentlichen Portale eine einheitliche und relevante digitale Identität. Die einzelnen Sektoren wie Verwaltung, Gesundheit oder Bildung haben eigene Lösungen, Bund und Länder differenzieren zusätzlich. Die Durchgängigkeit beziehungsweise der Transfer zwischen privater Wirtschaft und öffentlicher Hand ist nicht gegeben. Genau dies ist aber einer der Kernerfolgsfaktoren der digitalen Identität, wie ein Blick in die oft gelobten skandinavischen Länder zeigt. Andere europäische Mitgliedsländer sind bei der digitalen Identität viel weiter, das macht einen deutschen Vorstoß auf europäischem Niveau nicht einfach.

Die eID-Funktion des deutschen Personalausweises kann ab Sommer 2021 auf dem Smartphone gespeichert werden. Allerdings benötigen Bürgerinnen und Bürger noch ein dafür kompatibles Smartphone. Eine relevante Erhöhung der Durchdringung ist so auf absehbare Zeit also nicht erreichbar.

Deutschland benötigt eine digitale Identitätslösung, die Bürger in allen Lebensbereichen praktisch anwenden können, sodass für sie ein Mehrwert entsteht, sich überhaupt mit dieser einen Lösung zu befassen. Die digitale Identität geht außerdem weit über die Abbildung des Personalausweises hinaus. Sie umfasst viele weitere verifizierte Attribute wie den Führerschein, den Versicherungsausweis und sonstige individuelle Ausweise und bildet damit die Ausgangsbasis für viele verschiedene Use Cases, statt nur einige ausgewählte. Dies ergibt aus Bürgersicht Sinn. 

Alternativen kommen von den Big-Tech-Unternehmen

So begrüßenswert die schnellere Digitalisierung durch Corona ist, so sehr müssen wir uns dennoch fragen, ob Deutschland bei der digitalen Identität aktuell nicht eine einzigartige Chance vertut. Die Diskussionen um den besten Ansatz müssen schnell mit verbindlichen Entscheidungen beendet werden. Deutschland läuft Gefahr, sich digitalisieren zu lassen, statt sich selbst zu digitalisieren. Big Tech Player werden sehr bald ihre Lösung präsentieren – und damit Standards setzen an Stellen, an denen man in Deutschland offenbar keine Einigung findet. Das bedeutet nichts anderes als den Verlust der Souveränität über die digitale Identität in Deutschland.

Es ist die Verantwortung des Staates, die Hoheit über die digitale Identität zu erhalten und relevante nationale und europäische Lösungen zu verankern. Wenn sich nicht schnell ein relevantes Angebot etabliert, dann wird sich Deutschland den Lösungen der Big Techs anvertrauen und sie nutzen müssen – die Parallelen zu den Entwicklungen im Payment Sektor sind unverkennbar, die Marktmechanismen sind auch bei der digitalen Identität vorgezeichnet. 

Roland Adrian ist seit Januar 2019 Geschäftsführer und Sprecher der Geschäftsführung bei Verimi, einem Unternehmen für digitale Identitäten. Davor war er vier Jahre lang Geschäftsführer und Sprecher der Geschäftsführung bei der Miles & More GmbH der Lufthansa Group.

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