Standpunkt Europa braucht ein eigenes Digitalisierungsmodell

Die Europäische Union steht an der Schwelle zu einer neuen Ära der Digitalpolitik. Damit geht die Zeit wohlklingender Deklarationen zu Ende und die Phase der praktischen Umsetzung beginnt. Jetzt braucht es einen eigenen europäischen Weg, schreibt Julian Nida-Rümelin, Direktor am Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation.

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Die EU hat es in der Hand. Der mit den USA größte Wirtschaftsraum der Welt hat die digitalen Kapazitäten und die Wirtschaftskraft, um eine Agenda digitaler Transformation zu entwickeln, die Maßstäbe setzen und den europäischen Mitgliedsstaaten einen Innovationsschub geben kann, den diese durch die Pandemie geplagte Weltregion dringend benötigt. Wenn die Zeichen nicht trügen, steht die Europäische Union an der Schwelle zu einer neuen Phase der Digitalpolitik.

Die Zeit wohlklingender Deklarationen, gut gemeinter Absichten und anerkennenswerter humanistischer Gesinnung geht zu Ende und die Phase der praktischen Umsetzung beginnt. In den Deklarationen ist von menschenzentrierter Künstlicher Intelligenz, von digitaler Infrastruktur, aber auch vom digitalen Wandel zum Wohle aller, bei deren Einsatz der Mensch an erster Stelle steht, die Rede. Damit wird ein europäischer Weg gezeichnet, der eine Alternative sowohl zum kommerzbetriebenen Silicon-Valley-Modell wie zur staatskontrollierten Digitalisierungsstrategie Chinas markiert. Damit dieser Weg eine konkrete Gestalt annimmt, sind allerdings einige Fragen zu klären und Maßnahmen zu ergreifen.

„Produktive Kerne“ digitalisieren sich nur langsam

Die digitale Transformation der vergangenen Jahre in der dritten Phase der Digitalisierung ist auch in den Ländern, die in der Technologieentwicklung und ihrer ökonomischen Entwicklung weit fortgeschritten sind, wie etwa die USA, nicht mit einem Anstieg der Produktivität und des Wachstums verbunden. Diese Anomalie wird, so ist mein Eindruck, nur hinter vorgehaltener Hand erörtert. Dabei gibt sie Grund zu großer Sorge. In den großen technologischen Entwicklungsschüben der Vergangenheit zeigte sich bisher immer auch ein gewaltiger Fortschritt von Produktivität und Wirtschaftsleistung, wie der bedeutende Wirtschaftshistoriker Robert Gordon beeindruckend gezeigt hat. Warum ist das hier bisher nicht der Fall?

In meinen Augen liegt die Antwort auf der Hand: Die Hauptanwendungsbereiche betreffen die Vereinfachung des Alltagslebens und die Form der Kommunikation. Die Digitalisierung schreitet in den produktiven Kernen dagegen nur langsam voran. Das gilt auch für die hochproduktive, meist mittelständisch organisierte, technik-orientierte Wirtschaft in Deutschland. Ihre führende Rolle, insbesondere die der Hidden Champions, wird sich nur aufrechterhalten lassen, wenn die oft eigentümergeführten Unternehmen ihre Vorbehalte gegenüber einer digitalen Transformation aufgeben. Europa könnte hier die USA überholen, da die Technik- und Ingenieurkompetenz zumindest in Mitteleuropa deutlich höher ausgebildet ist als in den Vereinigten Staaten.

Europa braucht ein eigenes Digitalisierungsmodell

Es stellt sich die Frage, ob der Trend zur Verplattformisierung der Wirtschaft auch für Europa das geeignete Modell ist. Die Nebenfolgen sind hier verlustreicher als in den USA. Wenn das traditionelle Taxigewerbe durch Uber verdrängt wird, dann werden die Kunden das deutlicher spüren. Wenn sich die Altstädte europäische Metropolen durch Airbnb in Bettenburgen verwandeln, sind die kulturellen Verluste auffälliger als in den USA. Wenn sich der Trend der Online-Bestellungen, der in der Pandemie-Krise explodierte, fortsetzt, wird es den Einzelhandel in Europa hart treffen und die Innenstädte veröden, wie man es aus US-Metropolen kennt.

Es besteht heute Konsens darüber, dass die Social-Media-Kommunikation nicht nur Vorteile bringt. Sie ist offenkundig auch mit einer Erosion der Zivilkultur verbunden, ohne die Demokratien nicht lebensfähig sind. Wird die Europäische Union den Mut aufbringen und die Konsequenz haben, dem Wildwuchs einer privatisierten, verantwortungsbefreiten digitalen Kommunikation eine digitale Kommunikationsinfrastruktur in öffentlich-rechtlicher Verantwortung entgegenzustellen?

Wer meint, dies sei angesichts der Rolle der etablierten Anbieter unmöglich, irrt. Das Geschäftsmodell der Social-Media-Anbieter hängt von der beliebigen Verfügbarkeit von Nutzerdaten und ihrer Verwendung für Marketingzwecke ab. Im europäischen Rechtsraum könnten Regeln dafür sorgen, dass dies nicht so bleibt, dass das Schindluder, das mit individuellsten und intimsten Daten betrieben wird, beendet werden muss. Damit würden neuen europäischen Anbietern Märkte eröffnet und Chancen verschafft.

Digitaler Humanismus als lenkende Kraft

Die hohe Qualität der technischen Ausbildungsgänge, das hohe Niveau mathematisch-naturwissenschaftlicher Kenntnisse, die große Dichte wissenschaftlich-technischer Institutionen und die beachtliche Vielfalt von Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind, lassen erwarten, dass eine an ökonomischer Prosperität und kulturell fundierter Humanität orientierte digitale Transformation in Europa aussichtsreich ist. Dies ist nicht durch einen Oktroi der Politik, sondern nur durch Einbeziehung aller Akteure möglich.

Regulierung ist immer nur ein Notnagel, zu dem man dann greifen muss, wenn die intrinsische Motivation und das Ethos der Akteure unzureichend sind. Daher ist die ethische Sensibilisierung insbesondere von Software-Ingenieuren, Entwicklern und Managern sowie die Implementierung ethischer Deliberation in die moderne agile Management-Praxis erforderlich.

Das, was ich als digitalen Humanismus bezeichne, zielt darauf ab, die Verantwortlichkeit und die Autorschaft von Menschen in der digitalen Transformation zu stärken und nicht zu schwächen, die digitalen Tools als Unterstützung und nicht als Bedrohung menschlicher Kreativität und Leistungskraft einzusetzen und damit sowohl der Mechanisierung des Menschen entgegenzutreten wie der Vermenschlichung der Maschinen. Dieser neue Humanismus könnte dem europäischen Weg Orientierung geben.

Julian Nida-Rümelin lehrt Philosophie und politische Theorie an der LMU München. Er ist Direktor am Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) und leitet zusammen mit Co-Direktor Alexander Pretschner das Projekt „Ethik in der agilen Softwareentwicklung“. Zusammen mit Nathalie Weidenfeld hat er das Buch Digitaler Humanismus: Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (Piper, 2018) verfasst.

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