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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Gründen jenseits der Hochschule

Daniel Breitinger, Leiter des Start-up-Teams beim Digitalverband Bitkom
Daniel Breitinger, Leiter des Start-up-Teams beim Digitalverband Bitkom Foto: Bitkom

Hochschulabschlüsse sind bei Gründer:innen eher die Regel als die Ausnahme. Doch auch in anderen Ausbildungsstätten gibt es motivierte, kreative Talente mit innovativen Ideen. Wie das Fördersystem besser auf diese zugehen kann und auch die Arbeitgeber von Ausgründungen profitieren könnten, schreibt Daniel Breitinger vom Bitkom.

von Daniel Breitinger

veröffentlicht am 21.03.2022

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Innovative Start-up-Gründungen tragen maßgebend zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum bei, indem sie den technologischen Fortschritt vorantreiben, die Wettbewerbsfähigkeit sichern und Arbeitsplätze schaffen. Ein akademischer Hintergrund der Gründer:innen scheint dabei eher die Regel als die Ausnahme zu sein.

Und auch in der Förderpolitik der letzten zwanzig Jahre ist bei Frühphasenförderungen ein eindeutiger Fokus auf den Wissenschaftsbereich (Universitäten, Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen) zu verzeichnen. Wer also ein technologie- und somit kapitalintensives Start-up gründen will und „nicht an der Uni“ ist, hatte bisher das Nachsehen. Dazu gehören Gründungen aus Angestellten- oder Ausbildungsverhältnissen, aus der Schule oder solche, bei denen die Gründer:innen weder eine Ausbildung noch ein Studium absolviert haben.

Auf diese Gründungsinteressierten zugeschnittene Förderangebote, bei denen die institutionelle Herkunft keine Rolle spielt, gibt es nur vereinzelt in wenigen Bundesländern. In der Öffentlichkeit wird nach wie vor viel auf Zertifikate und Abschlüsse geachtet, was in Gesprächen mit potenziellen Geldgebern oder anderen Stakeholdern problematisch sein kann.

Dabei belegen aktuelle Studien, dass Gründungsinteressierte aus Unternehmen Branchenerfahrung, technisches und praxisnahes Know-how sowie den Zugang zu einem möglichen Geschäfts­partnernetzwerk besitzen. Durch eine Verdopplung des Anteils an Gründer:innen ohne Hochschulabschluss auf fast 40 Prozent der Gesamtgründungen könnten bis 2030 jährlich 520 Start-ups zusätzlich in Deutschland gegründet werden. Wie lässt sich dieses Ziel erreichen? Der Digitalverband Bitkom macht dazu fünf konkrete Vorschläge.

Bei Förderprogrammen inkludieren statt exkludieren

Förderungsprogramme mit wissenschaftlichem Fokus sollten auch für Gründungsinteressierte aus hochschulfremden Institutionen geöffnet werden, um zunächst keine völlig neuen Programme entwickeln zu müssen. Das gilt sowohl für große Förderprogramme wie EXIST als auch für kleinere, regionale Programme. Der Schwerpunkt sollte dabei weiterhin auf technologieintensiven und innovationsbasierten Gründungsvorhaben mit hohem Wachstumspotenzial liegen.

Nicht-Akademiker:innen stärker adressieren

Eine bundesweite, öffentliche Kampagne kann helfen, Unternehmertum auch für nichtakademische Zielgruppen zugänglich zu machen. Dabei sollten Erfolgsgeschichten hervorgehoben werden, bei denen sich Gründerinnen und Gründer bewusst gegen eine Ausbildung, ein Studium oder den weiteren Karriereweg in einem sicheren Angestelltenverhältnis entschieden haben. Für Personen, die ihren ursprünglich gewählten Beruf nicht mehr ausüben möchten, könnte eine Unternehmensgründung die Aussicht auf eine zweite Karriere bedeuten. Weiterhin sollten Entrepreneurship und die dazugehörigen Werkzeuge und Skills vermehrt in der Sekundarschulbildung verankert werden.

Vorteile Arbeitgebern und Ausbildungsstätten besser erklären

Auch wenn die Unterstützung von Ausgründungen auf den ersten Blick für Unternehmen nachteilig wirkt (Verlust von qualifizierten Mitarbeiter:innen, Know-how-Verlust sowie gegebenenfalls das Entstehen von neuen Konkurrenten), bringt sie eine Reihe von Vorteilen. Dazu zählen vor allem die Verbesserung des Images und der Arbeitgeberattraktivität, sowohl nach innen als auch nach außen. Unternehmensintern können solche Unterstützungsleistungen bei der restlichen Belegschaft zu einer besseren Einstellung gegenüber und Identifikation mit dem Unternehmen führen, da den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Raum für kreative und innovative Ideen gegeben wird. Außerdem können Ausgründungsunterstützungen sehr gut zur externen Kommunikation genutzt werden (Employer Branding). Für Unternehmen wäre es deshalb ratsam, aufgeschlossener gegenüber Ausgründungen zu sein.

Unterstützung für Gründungsinteressierte aus hochschulfremden Institutionen

Die Entwicklung von Initiativen und Programmen, die Gründungsvorhaben unabhängig von deren institutioneller Herkunft zur Verfügung stehen, sollte priorisiert werden. Viele Ausbildungsberufe sind sehr technisch, dort könnten gute Ideen entspringen, die es in die Praxis umzusetzen und ökonomisch zu verwerten gilt. So sollten branchen- und technologiespezifische Inkubator- und Akzelerator-Programme weiter ausgebaut werden. Beispielsweise unterstützt das Bundesland Baden-Württemberg mit einer recht breiten Auswahl an themenspezifischen Akzeleratoren Gründungsvorhaben unabhängig von deren institutioneller Herkunft. Es fehlen aber staatliche Initiativen, die für eine breitere Zielgruppe Förderungen und Gründungsberatung in frühen Phasen anbieten.

Entwicklung von Rückkehr-Modellen

Eine Problematik bei Gründungsmotivierten ist das große persönliche Risiko, welches mit einer Unternehmensgründung einhergeht. In Schweden können gründungswillige Arbeitnehmer:innen bereits seit 1997 nach einer gesetzlich geregelten Leave-Option („Right to Leave to Conduct a Business Operation Act“) einmalig bis zu sechs Monate unbezahlten Urlaub nehmen, um ein Unternehmen zu gründen. In einigen Forschungsinstituten gibt es zwar auch hierzulande Regelungen zu Freistellungen für Gründungsvorbereitungen, aber ein so weitgehendes Recht auf Freistellung und Rückkehr für alle gründungswilligen Beschäftigten wie in Schweden besteht nicht. Solche Modelle könnten ebenfalls für Ausbildungsverhältnisse entwickelt werden.

Daniel Breitinger leitet das Start-up-Team des Digitalverbands Bitkom. Um das deutsche Start-up-Ökosystem zu stärken, setzt er sich für bessere politische Rahmenbedingungen und die Vernetzung der einzelnen Akteure ein. In Passau, Pavia (Italien) und Berlin studierte er Europa- und Politikwissenschaften. Er war im Deutschen Bundestag sowie in der Automobilindustrie tätig.

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