Standpunkt Internationaler Wettbewerb galoppiert davon

Das KI-Weißbuch der EU-Kommission ist unausgeglichen, schreibt Rasmus Rothe vom KI-Bundesverband. Zu viel Regulierung, zu wenig Förderung – und wer die Entwicklung einer wettbewerbsfähigen KI verpasst, entscheidet am Ende auch nicht über ethische Standards.

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Die Veröffentlichung des „Weißbuchs zur Künstlichen Intelligenz“ der EU wurde in der Industrie mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Das Weißbuch ist breit aufgestellt und identifiziert ausschlaggebende technische Herausforderungen, wie die Relevanz von Trainingsdaten und Datensicherheit. Die gewissenhaften Passagen zum risikobasierten Ansatz können zudem zur Vertrauensbildung innerhalb der Bevölkerung beitragen und somit zur Akzeptanz der Technologie überhaupt.

Andererseits ist dem Dokument eine offensichtliche Disbalance zu eigen, die symptomatisch für ein allgegenwärtiges Missverständnis ist: Während die Kommission in dem von ihr bezeichneten Abschnitt zum „Ökosystem für Vertrauen“ weitreichend und erwartbar kleinteilig auf mehr als 20 Seiten auf Risiken und Einstufungen möglicher Regulierungen eingeht, bleibt der Teil zum „Ökosystem für Exzellenz“ auf vier Seiten hinter den Erwartungen zurück. Wer aber die Entwicklung einer wettbewerbsfähigen KI-Industrie verpasst, wird am Ende auch nur schwerlich seine eigenen ethischen Grundsätze amerikanischen und chinesischen Firmen diktieren können.

Die im Weißbuch zu beobachtende Gewichtung ist einerseits Ausdruck von Kompetenz und Zuständigkeit, aber eben leider auch von einem europäischen Grundverständnis geprägt, zu regulieren und erst dann zu schauen, was technisch überhaupt möglich ist. Gewissermaßen spannt die EU die Pferde hinter den Wagen. Der internationale Wettbewerb läuft jedoch schon in vollem Galopp und Europa verpasst seine Chancen, die maßgebliche Technologie des 21. Jahrhunderts federführend voranzutreiben.

Für eine zielgerichtete und effiziente Förderung der hiesigen KI-Industrie fehlt es daher aus Unternehmersicht auch nach der Veröffentlichung des Weißbuchs noch an konkreten Besserungen und innovativen Konzepten, mit denen die richtigen Akteure erreicht werden und Entwicklungshemmnisse effektiv behoben werden. 

Dezentrale Ansprechpartner in der Förderung

Öffentliche Förderprogramme sind durchsetzt von einer unübersichtlichen Anzahl an Fördertöpfen, deren Ziele und Beantragungsmechanismen undurchsichtig und dadurch insbesondere für Start-ups schwer zugänglich sind. Hier könnten dezentrale Ansprechpartner in einzelnen Mitgliedstaaten oder an Innovationszentren helfen. In neuen und schnelllebigen Forschungsfeldern empfiehlt es sich zudem, Hürden der Förderung am Anfang möglichst klein zu halten, aber im Gegenzug rigoros laufend auf Erfolgsfaktoren zu überprüfen. 

Unternehmertum an Universitäten und Schulen fördern

Das Weißbuch identifiziert darüber hinaus richtigerweise KI-Studiengänge, die einer besonderen Förderung bedürfen. Dabei bleibt Unternehmertum aber weitestgehend außen vor – ein Problem. An europäischen Universitäten bilden wir bereits heute, wenn auch nicht genug, technisch versierte Köpfe aus. Es fehlt jedoch an unternehmerischem Geist und Expertise. Die Übersetzung von Forschungsergebnissen in konkrete Anwendungen erfordert Branchenwissen, Zugang zu großen Datensätzen und Geschäftssinn. Dazu braucht es Netzwerke zu Investoren und Industriepartnern, Führungsstärke und viel Know-how an der Schnittstelle von technologischer Realisierbarkeit und Produktpotenzial am Markt. Helfen würde Unternehmertum als breit gelehrte Disziplin in Schulen und an Universitäten sowie die gezielte Förderung von Projekten an der Schnittstelle von Forschung und Wirtschaft.

Investitionsumfeld Europa stärken

Im internationalen Talentwettbewerb im KI-Bereich macht sich die EU derzeit zu wenig Gedanken über die Fachkräfte, die bereits heute fertig ausgebildet sind. Dazu gehören sowohl europäische Fachkräfte, die bessere Bedingungen und Angebote außerhalb von Europa finden, aber auch ausländische Fachkräfte, für die Europa zum jetzigen Zeitpunkt noch keine attraktive Destination darstellt. Für Gründer bleibt in diesem Zusammenhang der europäische Markt insbesondere im Bereitstellen von Wagniskapital hinter dem kalifornischen Vorbild zurück. Schnell wachsende Start-ups sind zumeist immer noch von amerikanischen – immer öfter auch asiatischen – Investoren abhängig. Hier braucht es ein Umdenken in der Anlagekultur und eine sinnvolle Förderung eines dynamischen Investitionsumfeldes, beispielsweise durch die gezielte Lockerung von Anlagebeschränkungen institutioneller Investoren.

Diese Herausforderungen im Angesicht der Schnelllebigkeit von Innovationen und technischen Durchbrüchen sind groß und der gesamte Prozess der KI-Förderung wird von der EU einen Balanceakt abverlangen. Aber die Forderungen nach einem stärkeren, an der Wettbewerbsfähigkeit orientierten Fokus ist im Interesse aller: Wie der andauernde Kampf mit Internetgiganten wie Google und Facebook zeigt, ist es rückwirkend bedeutend schwerer, gegenüber mächtigen externen Marktführern eigene Standards durchzusetzen. Wenn das im Weißbuch skizzierte Potenzial der Künstlichen Intelligenz ausgeschöpft und nach europäischen Vorstellungen geformt werden soll, müssen wir sicherstellen, dass die führenden KI-Unternehmen aus den europäischen Reihen kommen.

Rasmus Rothe ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des KI-Bundesverbands. Als Gründer und CTO von Merantix, einem Venture-Studio für Künstliche Intelligenz in Berlin, baut Rothe Start-ups auf, die KI als Basistechnologie nutzen.

Heute ab 11 Uhr diskutiert er in einem Webinar der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland, des Humboldt-Instituts für Internet und Gesellschaft und des KI-Bundesverbands über das Weißbuch. 

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