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Standpunkt

Öffnet die Ökosysteme!

Andy Yen, Gründer und CEO von Proton
Andy Yen, Gründer und CEO von Proton Foto: Proton

Die Selbstbevorzugung ihrer eigenen Dienste hat Big Tech groß gemacht. Bei Regulierungsversuchen wie dem Digital Markets Act in Europa sollte man deshalb lieber diese verbieten, als mit großen Gesten wie dem Zerschlagen von Unternehmen zu drohen, meint Proton-Chef Andy Yen.

von Andy Yen

veröffentlicht am 31.01.2022

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„Big Tech“ steht weltweit auf dem Prüfstand. In Südkorea, den USA und anderswo stellen die Gesetzgeber grundlegende Fragen darüber, wie einige wenige Unternehmen so groß geworden sind. In Europa sind die Behörden zu dem Schluss gekommen, dass die Antwort in wettbewerbswidrigen Praktiken liegt und haben mit dem Digital Markets Act (DMA) konkrete Vorschläge für eine Neuordnung des Marktes vorgelegt.

Die Staats- und Regierungschefs der EU sind sich darüber im Klaren, dass Big Tech die digitale Wirtschaft vorsätzlich zu Gunsten ihrer Produkte manipuliert hat. Im Dezember unternahmen die Europaabgeordneten einen ehrgeizigen Schritt und verabschiedeten Klauseln, die es den Konzernen verbieten, ihre eigenen Kernanwendungen wie Suche, E-Mail und Browser selbst zu bevorzugen. Der DMA packt endlich das Problem an, nicht nur die Symptome, und hat somit das Potenzial, der Goldstandard für die Regulierung der Technologiebranche zu werden.

Es geht nicht (nur) um Wettbewerb

Während sich die Debatten zwischen dem Parlament, der Kommission und dem Rat im Januar, Februar und März intensivieren, ist es jedoch wichtig, dass sich die Gesetzgeber nicht erneut auf allgemeine Begriffe wie Wettbewerb fixieren. Stattdessen sollten sie sich auf etwas Präziseres konzentrieren: Geschlossene Ökosysteme und dafür sorgen, dass der DMA Bestimmungen enthält, die das Problem direkt angehen, etwa durch ein Verbot der Selbstbevorzugung eigener Kerndiensten.

Der Begriff „geschlossenes Ökosystem“ wird oft nur unzureichend definiert, ist aber der Schlüssel zum Verständnis, wie „Big Tech“ so groß geworden ist. Ein geschlossenes Ökosystem ist ein Netzwerk von Diensten, bei dem ein Unternehmen die vollständige Kontrolle über alle Komponenten (Hardware, Software, Inhalte und Einstellungen) hat und sie bewusst voneinander abhängig macht.

Apple und Google bauen Mauern

Ein Beispiel dafür ist das iPhone von Apple, ein physisches Gerät, das natürlich mit mehreren Funktionen ausgestattet ist. Eine davon ist das Betriebssystem, das zum Leben erwacht, wenn Sie Ihr Telefon einschalten. Gemeint ist damit iOS, die Apple-eigene mobile Software.

Aber Apples Kontrolle über das Ökosystem endet nicht bei der Software. Auf iOS sind mehrere Apple-Apps vorinstalliert und als Standard festgelegt. Apple kontrolliert auch den Zugang zu externen Apps über den App Store, der das eigene Abrechnungssystem für Zahlungen benötigt und Gebühren für alle Käufe erhebt, die nicht von Apple stammen.

Google verfolgt eine ähnliche Strategie und besteht darauf, dass auf allen Android-Telefonen Dienste wie Gmail, Chrome und die Broswer automatisch als Standard festgelegt sind. Es stimmt zwar, dass Google seinen Nutzern mehr Auswahlmöglichkeiten beim Herunterladen von Apps bietet, aber es ist schwer, andere wichtige Unterschiede zwischen den beiden Tech-Giganten zu erkennen. Beide Unternehmen wissen, dass 95 Prozent der Nutzer ihre Standardeinstellungen nie ändern. Das bedeutet, dass sie diese in geschlossenen Ökosysteme einsperren und von der Anwendung anderer Optionen abhalten können, solange sie ihre eigenen Apps als Standard festlegen.

Dieses Phänomen wird auch als Walled Garden bezeichnet. Doch unabhängig von der Ausdrucksweise ist das Ziel klar: Big Tech will die Kunden in ihre geschlossenen Ökosysteme einschließen und die Konkurrenz fernhalten.

Man muss nicht weit gehen, um Beweise zu finden. Apple-Führungskräfte haben zugegeben, dass eine Kompatibilität von iMessage mit Android-Geräten „einfach dazu dienen würde, ein Hindernis für iPhone-Familien zu beseitigen, um ihren Kindern Android-Telefone zu geben“. Ein weiteres Zitat? „Die Kunden dazu zu bringen, unsere Stores (iTunes, App und iBookstore) zu nutzen, ist eines der besten Dinge, die wir tun können, um die Leute an das Ökosystem zu binden.“ Selbst Steve Jobs sagte, er wolle „alle unsere Produkte miteinander verknüpfen, um die Kunden noch stärker an unser Ökosystem zu binden.“ Es zeigt sich, dass die Einschränkung von Wahlmöglichkeiten ein guter Weg ist, um 83 Milliarden US-Dollar in einem Quartal zu verdienen.

„Wachstum durch Verschanzung“ als Strategie

Deshalb ist es so wichtig, sich mit geschlossenen Ökosystemen zu befassen. Der Grund, warum Apple und Google so groß geworden sind, ist nicht, dass ihre Produkte magische Eigenschaften besitzen. Der Grund ist, dass sie es für jeden nahezu unmöglich gemacht haben, ein Smartphone zu benutzen, ohne in einen „Walled Garden“ hineingezogen zu werden. Sie haben strategisch ein Geschäftsmodell kultiviert, bei dem man, wenn man ein Android-Gerät haben will, ein Google-Konto braucht. Wer Apps für sein iPhone haben will, muss den App Store nutzen. Und solange man in ihrem geschlossenen Ökosystem gefangen ist, können Google und Apple immer wieder neue Standarddienste einführen, weil sie wissen, dass sie sich durchsetzen werden.

Das ist kein Wachstum durch Wettbewerb. Es ist Wachstum durch Verschanzung, und es hängt von spezifischen Taktiken wie der Selbstbevorzugung von Standard-Apps ab. Solange diese wettbewerbsfeindlichen Praktiken nicht verboten sind, werden Apple und Google nur noch mächtiger werden. Sie werden auch weiterhin andere wettbewerbswidrige Praktiken anwenden können, wie zum Beispiel die Erhebung von Verkaufsgebühren in Höhe von 30 Prozent von den Entwicklern und die Einschränkung ihrer Kommunikation mit den Kunden.

Chirurgische Zange statt Zerschlagungs-Hammer

An dieser Stelle kommt der DMA ins Spiel. Die Lösung für das geschlossene Ökosystem muss nicht darin bestehen, Big Tech zu zerschlagen. Stattdessen sollten die politischen Entscheidungsträger eine chirurgische Zange verwenden, um geschlossene Ökosysteme an einigen entscheidenden Stellen zu öffnen.

Die Begrenzung der Selbstbevorzugung von Standard-Apps ist ein guter Anfang, und es ist fantastisch, dass Klauseln, die sich damit befassen, nun in den Entwurfstext aufgenommen wurden. Es ist jedoch wichtig, dass diese Klausel bei den Trilog-Debatten in den kommenden Monaten nicht fallen gelassen wird. Kerndienste der Plattformen, wie E-Mail und Browser, dürfen nicht als Standardeinstellung vorinstalliert werden. Stattdessen könnten den Nutzern Präferenzmenüs für Funktionen wie E-Mail angezeigt werden. Ebenso sollten App-Stores mehrere Zahlungssysteme anbieten, wobei Sideloading – das Herunterladen von Apps außerhalb eines App-Stores – allgemein erlaubt sein sollte.

Maßnahmen wie diese würden die Ökosysteme von Big Tech erheblich öffnen und eine größere Auswahl und mehr Wettbewerb ermöglichen. Der von den Abgeordneten im Dezember angenommene Text greift viele dieser Punkte auf. Es ist wichtig, dass sie nicht verwässert werden. Wenn die Gesetzgeber das Thema durch das Prisma der Ökosysteme betrachten, wird deutlich, dass der Weg zum Wettbewerb gar nicht so schwierig ist.

Andy Yen ist Gründer und CEO von Proton, dem Datenschutz-Start-up hinter ProtonMail und ProtonVPN.

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