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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Ohne Zeitenwende verlieren wir die Zukunft

Gründer von Cleverly und Initiator der Initiative digitaler Bildungsanbieter
Gründer von Cleverly und Initiator der Initiative digitaler Bildungsanbieter Foto: Cleverly

Die Digitalisierung des Bildungswesens geht noch immer viel zu bürokratisch und träge vonstatten. Dabei bräuchte es auch auf diesem Gebiet dringend eine Zeitenwende, schreibt Ed-Tech-Gründer Fredrik Harkort. 2023 sollten alle Beteiligten an einen Tisch geholt werden.

von Fredrik Harkort

veröffentlicht am 03.01.2023

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Der Begriff der „Zeitenwende“ hat sich, dem Bundeskanzler sei Dank, im vergangenen Jahr großer Popularität erfreut. Und so vehement sie in außen- und sicherheitspolitischen Feldern 2022 beschworen wurde, so klar muss man konstatieren: Im Bereich der Kinder- und Jugendbildung wäre eine Zeitenwende längst überfällig – aber wir sehen sie nirgendwo am Horizont.

Digitale Bildung und Klimapolitik eint die lahme Geschwindigkeit

Sicher, es tut sich etwas. Aber in einer Schwerfälligkeit, die sich sonst nur mit der Klimapolitik vergleichen lässt, und mit einem Mangel an Koordination, den man sich in anderen Politikfeldern nie erlauben würde. Da geben rund 1.000 Lehrkräfte ihre Tablets als Form des Protests zurück, weil sie für ihren Dienst unbrauchbar sind. Da warten, je nach Bundesland, noch zweistellige Millionenbeträge vom Digitalpakt Schule darauf, abgerufen zu werden – und das nicht erst seit Kurzem, sondern seit mehreren Jahren. Der Digitalpakt wurde 2019 aufgesetzt. Sprechen Sie mal mit Lehrer:innen, die „nebenbei“ zu ihrem eigentlichen pädagogischen Job Förderanträge schreiben oder die IT-Probleme der Kinder klären. Sprechen Sie mit den Eltern, die gar nicht wissen, was ihnen mehr Sorge bereiten soll: die bestehenden Corona-Lernrückstände ihrer Kinder oder der akute Lehrkräftemangel.

Das alles wird auf dem Rücken von Lehrer:innen, Eltern und vor allem von Schüler:innen ausgetragen. Denn bei allem, was wir in Bildungsfragen diskutieren, sollte Schnelligkeit ein entscheidendes Kriterium sein: Für unsere Kinder ist jede Woche, jeder Monat entscheidend, in dem Entscheidungen in ihrem Interesse und in dem ihrer Zukunft getroffen werden. Und für diese Entscheidungen ist es jetzt dringend an der Zeit.

2023 muss es eine Zeitenwende in der Bildung geben!

Deshalb wird es 2023 Zeit für eine Zeitenwende, indem wir…

Erstens: Politik, Verwaltung, Schulen, Verbände und alle an Schule und Bildungspolitik Beteiligten an einen Tisch holen. Nur so werden wir es schaffen, gute Lösungen zu finden, die auf alle Ebenen gelebt und verfolgt werden.

Zweitens: Nachhaltige Förderstrukturen für digitale Lehr- und Lerninhalte am Vormittag aufbauen. Der Digitalpakt Schule kann nur ein Startschuss gewesen sein für die Folgethemen, die nun angepackt werden müssen. Denn neben der Beschaffung von digitalen Geräten müssen auch die Infrastruktur und die digitalen Inhalte angepasst werden. Hierfür braucht es zukünftig einerseits klare Regelungen in den Kompetenzen und den Prozessen (wer darf was bestellen?), aber auch die Autonomie der Schulen, passgenaue Lösungen selbst anzuschaffen. Kurzum: Es braucht einen klaren Rahmen, in dem Schulen agieren können, mit einem erhöhten Pro-Kopf-Budget, um zu den Standards anderer Länder aufschließen zu können.

Drittens: Einen einfacheren, kostengünstigeren Zugang zu Lernhilfe am Nachmittag aufbauen. Haben Sie schon einmal vom Programm „Bildung und Teilhabe“ gehört? Nein? So geht es vielen in Deutschland, selbst denen, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse Anspruch auf die Unterstützung hätten. Doch selbst wer davon weiß, kann an der Komplexität und dem bürokratischen Aufwand scheitern, der mit der Beantragung einhergeht. Die Förderung der Nachhilfe muss einfacher, umfassender und auch ohne Bezug zu einem bestimmten Schulfach möglich sein, um die Kinder ganzheitlich zu unterstützen.

Geschwindigkeit bei der digitalen Bildung für Lehrkräfte und Kinder

Neben diesen drei großen Feldern liegt auch in vielen anderen Bildungsbereichen einiges im Argen, ohne Zweifel. Unsere Gesellschaft ist als Ganzes darauf angewiesen, dass wir es allen Kindern ermöglichen, sich weiterzuentwickeln und Kompetenzen zu erlernen, mit denen sie in Zukunft eigenständig leben und arbeiten können. Wir dürfen daher keine Zeit verlieren und müssen schnell auch die Kompetenzen dort stärken, wo sie gebraucht werden – an den Schulen. Dafür braucht es Fortbildungen für Lehrer:innen, aber auch für Kinder, die durch die gegenwärtigen Lehrpläne nur unzureichend auf die Welt in zehn Jahren vorbereitet werden.

Wohin die Reise gehen müsste, hat beispielsweise bereits 2018 das Future-Skills-Framework des Stifterverbands und von McKinsey gezeigt. Doch um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, müssen wir endlich auch auf bestehende Lösungen zurückgreifen und nicht in 16 Bundesländern an eigenen Produkten basteln lassen. Denn sonst wird aus der Zeitenwende, die die Bildung so dringend nötig hat, nur ein Zeitenwendchen. Wenn überhaupt.

Fredrik Harkort, Jahrgang 1979, ist Initiator von iddb, der gemeinsamen Initiative der deutschen digitalen Bildungsanbieter. Mit seiner Frau hat er das Ed-Tech-Unternehmen Cleverly gegründet, das Kinder mit Nachhilfe und Coaching unterstützt.

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