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SPRIND: Wir brauchen eine Innovations-Pipeline

Digitalexpertin Verena Pausder
Digitalexpertin Verena Pausder Foto: Patrycia Lukas

Die SPRIND hat zwar großes Potenzial, doch das nutzt sie im Moment kaum – denn schwierige Voraussetzungen verhindern, dass die Agentur wirklich unternehmerisch tätig werden kann. Doch mit der Umsetzung einiger Maßnahmen könnte die SPRIND bald für echte Innovationsförderung in Deutschland sorgen, schreibt Verena Pausder.

von Verena Pausder

veröffentlicht am 02.09.2021

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Die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) macht gerade keine großen Sprünge – das ist schade, denn das Potential ist riesig. 2018 wurde die Agentur von der Bundesregierung beschlossen, seit Ende 2019 fördert die SPRIND mit Sitz in Leipzig disruptive Innovationen. Die Themen sind vielversprechend: So wurden bereits Unternehmungen zur klinischen Erprobung eines Alzheimer-Wirkstoffs, zur Entfernung von Mikroplastik aus Wasser und zur Entwicklung von analogem Rechnen auf einem Chip gefördert. Doch SPRIND-Chef Rafael Laguna de la Vera und auch die Bundeskanzlerin klagen über die schwierigen Voraussetzungen, mit denen die SPRIND gestartet ist: zu wenig Risikobereitschaft, zu viel Bürokratie und zu wenig Beinfreiheit.

Darüber hinaus hat die SPRIND mit rund 100 Millionen Euro pro Jahr im Vergleich zum amerikanischen Vorbild DARPA, die mit 3,5 Milliarden US-Dollar im Jahr ausgestattet ist, ein eher bescheidenes Budget. Als Agentur wirklich unternehmerisch zu handeln ist für die SPRIND schwer, wenn wegen Vergabe- und Beihilferecht viel Zeit und Ressourcen auf komplexe Ausschreibungen und Rechtskonstrukte verwendet werden müssen. Ein Umstand, der bei der parallel gegründeten Cyberagentur in Halle dazu führte, dass das Führungspersonal hingeschmissen hat.

So heben SPRIND-Labs das Innovationspotenzial der Unis

Neben diesen praktischen Problemen gibt es auch politische Hürden: So herrscht ein Konkurrenzkampf zwischen klassischer Forschungsförderung, zum Beispiel an Universitäten, und der neuen Forschungsfinanzierung der SPRIND. Statt diesem Konflikt weiter Raum zu geben, könnte man genau hier ansetzen und die Universitäten ins Boot holen: Die zentrale SPRIND in Leipzig würde ergänzt durch dezentrale SPRIND-Labs an ausgewählten Universitäten im ganzen Land. Durch diese würde die klassische Trennung zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung aufgebrochen und eine Innovations-Pipeline für die SPRIND entstehen. Vorbild für die SPRIND-Labs ist der Y-Combinator im Silicon Valley, der Start-up-Accelerator, aus dem Tech-Giganten wie Stripe, Airbnb oder Dropbox hervorgingen und dessen Alumni-Unternehmen eine Bewertung von über 300 Milliarden US-Dollar haben.

Als Unternehmerin schaue ich zuerst auf die Hebel, die wir schnell umlegen können. Für mich ist der größte Hebel das ungenutzte Potenzial der Universitäts-Ausgründungen: Damit sich Gründungen wie des aus der Technischen Universität München (TUM) hervorgegangenen Start-ups Celonis noch oft in diesem Land wiederholen. Starten könnte man mit zehn Universitäten, an die wir SPRIND-Labs andocken. Post-Docs oder Professor:innen können sich bei den Labs mit ihrer und ihre Geschäftsidee bewerben. Dafür führen wir in der nächsten Legislaturperiode das Hochschullehrer-Privileg wieder ein, welches sicherstellt, dass die Rechte für Neuentwicklungen bei den Gründer:innen und nicht bei der Hochschule liegen.

Startkapital für Moonshot-Ideen absichern

Erfolgreiche Bewerbungen bekämen in der ersten Phase 100.000 Euro Startkapital, ohne dafür Anteile abgeben zu müssen, sowie Zugang zu Büroflächen und Unterstützung in der Weiterentwicklung ihrer Idee. Nach sechs Monaten gäbe es einen Demo Day, bei dem Risikokapitalgeber eingeladen werden, um Teams und Produkte kennenzulernen und zu investieren. Für die SPRIND-Lab-Teams gäbe es in dieser Phase standardisierte Verträge, damit sichergestellt wird, dass die Neu-Unternehmer:innen marktgerechte und faire Konditionen bekommen und möglichst wenig Zeit für die erste Finanzierungsrunde verloren geht. Im ersten Jahr könnten mit diesem Programm 100 Teams gefördert werden; im nächsten Jahr könnten es dann schon 300 Teams sein und weitere Labs eröffnet werden. Zusätzlich würde es ein „Mobile Lab“ geben, welches an kleine Hochschulen und Universitäten gehen könnte, die sich nicht für ein eigenes Lab qualifizieren, aber dennoch Gründungspotenzial mitbringen.

SPRIND Late-Stage-Fonds könnte auch in Wachstumsphase greifen

Nach der Anfangsfinanzierung in den SPRIND-Labs gibt es dann am Markt genug Kapital für die Finanzierung der ersten Finanzierungsrunden. Diese spielen sich in der Größenordnung von 500.000 Euro bis 50 Millionen Euro ab. Danach wird die Finanzierungsluft in Deutschland dünn. Für Finanzierungsrunden mit Investitionssummen über 50 Millionen Euro, die gerade bei disruptiven Innovationen notwendig werden können, käme SPRIND mit einem Late-Stage-Fonds wieder ins Spiel, der nach dem Vorbild des EIF (European Investment Fund) oder Deeptech-Future-Fonds des High-Tech-Gründerfonds privates Geld in gleicher Größenordnung matchen dürfte.

Wichtig wäre dabei, dass der SPRIND Late-Stage-Fonds anders als der Deeptech-Future-Fonds auch in Unternehmen ohne positive Cashflows investieren dürfte, da viele Innovationsunternehmen in dieser Phase noch nicht profitabel sind. Und damit ein Late-Stage-Fonds Wirkung erzielen kann und große Summen in vielversprechende Innovationen fließen, braucht er ein Volumen von mindestens 100 Milliarden Euro. Die gute Nachricht ist, dass im Corona-Rettungsfonds noch mindestens 85 Milliarden bereits genehmigt aber nicht abgerufen wurden und wahrscheinlich auch nicht mehr werden. Dieses Geld könnte also über die KfW verwaltet und ausgeschüttet werden und in Zukunft große Finanzierungsrunden in diesem Land möglich machen. So verstaatlichen wir nicht weiter nur die Verluste, sondern beteiligen die Bürger:innen an den Chancen der Zukunft.

Damit Innovationen in Europa bleiben: eine eigene Tech-Börse

Damit wir in Europa aber nicht nur das Sprungbrett bauen, von dem vielversprechende, innovative Unternehmen dann ins außereuropäische Ausland abspringen, braucht es die Gründung einer europäischen Tech-Börse analog der NASDAQ in den USA. Denn wenn wir wollen, dass Innovationen auch nach der Anfangsförderung in den SPRIND-Labs und einem signifikanten Investment des SPRIND-Later-Stage-Fonds in Europa bleiben, braucht es einen europäischen Exit-Kanal. Nur dann stellen wir sicher, dass Know-how, Talent, Patente, Arbeitsplätze und unternehmerische Kreativität hierbleiben und wir sie nicht leichtfertig verkaufen. Dabei ist wichtig, dass die Unternehmen auch schon mit einer Marktkapitalisierung von 200 bis 300 Millionen Euro „public“ gehen können und nicht erst eine Milliardenbewertung erreichen müssen. Sonst droht wieder die Gefahr einer Finanzierungslücke.

Die SPRIND hat echtes Moonshot-Potential

Die Liste der Potentiale rund um die SPRIND ist lang und die Chancen sind groß: Von Überlegungen, sie mit der Cyberagentur zu verschmelzen, über die Vergabe von deutlich mehr Kapital bis hin zu mehr politischem Handlungsspielraum. Mit Rafael Laguna de la Vera hat sie einen erfahrenen Investor und Gründer an der Spitze, der sich bei diesen Themen gut auskennt. Fangen wir also jetzt mit echter Innovationsförderung „made in Germany“ an. Wir werden nicht alle Hindernisse der SPRIND auf einmal beheben können, aber statt nur über die Probleme zu diskutieren, sollten wir mit konkreten Änderungen und Erweiterungen starten. Ein Vorschlag liegt hiermit auf dem Tisch.

Verena Pauser ist Gründerin des Unternehmens Fox & Sheep, das digitale Spiele für Kinder entwickelt. Außerdem ist sie an der ada Learning GmbH beteiligt. Sie gründete den Verein Digitale Bildung für alle e.V. sowie die Initiative Start-up Teens mit und ist zudem Mitglied im Innovation Council von Digital-Staatsministerin Dorothee Bär.

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