Digitalisierung & KI

Standpunkt

Stadtplattformen: Chance für den stationären Handel

Ole Behrens-Carlsson
Ole Behrens-Carlsson, CEO der Nortal AG Foto: Nortal AG

Die Coronapandemie hat die Innenstädte leergefegt, das Einkaufen hat sich ins Netz verlegt. Doch es gibt noch eine Chance für den stationären Handel, schreiben Ole Behrens-Carlsson und Hendrik Lume von der Nortal AG. Mit digitalen Plattformen könnten die Innenstädte wiederbelebt werden.

von Ole Behrens-Carlsson

veröffentlicht am 09.06.2021

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Die Pandemie trieb die Deutschen verstärkt zur Nutzung von Einkaufsmöglichkeiten im Internet. Aktuell ist nicht absehbar, dass der Onlinehandel-Boom mit Ende der Coronakrise vorbei sein wird. Der beschleunigte Wandel des Einkaufverhaltens fordert die lokale Wirtschaft in besonderem Maße heraus. Eine deutschlandweite Nortal-Studie ergab: 59,9 Prozent der Befragten finden, dass der Einzelhandel, die Gastronomie und Kulturstätten ihrer Stadt nur schlecht im Internet sichtbar sind. Es stellt sich die Frage, wie sich das Leben in Städten insgesamt verändern wird, wenn dem stationären Einzelhandel die Kundschaft fernbleibt. Ein vielversprechender Ansatz für lokale Initiativen ist die Bündelung regionaler Angebote auf einer digitalen Plattform.

Stadtplattformen als Innovationswerkzeug

Verfügen solche Plattformen über eine User-Basis sowie ein technologisches Gerüst, können sie als Innovationswerkzeug neuartige Technologien und Geschäftsmodelle im lokalen Kontext erproben. Anders als marktfremde Anbietende, müssen lokale Akteure nicht erst in Marketingkampagnen investieren, sondern können innovative Ideen an bestehenden Nutzern erproben.

Digitale Lösungen zu etablieren, ist eine Herausforderung, die Städte nicht allein lösen können. Städtische Plattformen, die in ihrer Innovationskraft, Qualität und Bedienbarkeit mit den Angeboten internationaler Tech-Unternehmen konkurrieren wollen, brauchen fachliche und finanzielle Ressourcen. Moderne IT-Architekturen bergen hier Synergiepotenziale für städteübergreifende Kooperationen. Eine gemeinsame technologische Basis mit einem Grundstock an nützlichen Funktionen kann von jeder Stadt individuell angepasst und nachgenutzt werden.

Radikale User-Zentrierung als Erfolgsfaktor

Digitale Innovationen entstehen, um das spezifische Problem einer definierten Zielgruppe zu lösen. Stadt-Plattformen werden oft andersherum konzipiert. Dadurch werden viele Plattformen als unnötig oder kommerziell wahrgenommen. Erfolgsentscheidend ist es aber, dass sie eine Masse wiederkehrender Nutzer erreichen und Relevanz im Alltag gewinnen. Städtische Plattformen dürfen nicht von den Bedürfnissen der Initiierenden aus konzipiert werden. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, welche relevanten Bedürfnisse vor Ort durch sie besser gelöst werden können als durch bestehende Angebote.

Um unter zahlreichen Anwendungen zu bestehen, ist eine radikale Zentrierung auf die Nutzenden unerlässlich. Digitale Angebote eint die Herausforderung, dass sie zunächst „erlernt“ werden müssen. Erst wenn der Lernprozess abgeschlossen ist und die einfache Bedienbarkeit und ein zeitgemäßes Design gegeben sind, ist ein Mehrwert spürbar. In Estland hat sich deutlich gezeigt, dass es sich lohnt, auf User-zentriertes Design zu setzen: Bringt ein digitaler Service den Nutzenden Zeit-, Kosten- und Stressersparnisse, wird er bei der Bevölkerung sehr wahrscheinlich auf großes Interesse stoßen. 

Zusammenarbeit und Vertrauen als Fundament

Auch die Konstellation und das strategische Zusammenspiel der Initiierenden und Betreibenden mit lokalen Akteuren entscheiden über den Erfolg digitaler Initiativen. Dieser Kreis sollte auf eine steuerbare Kerngruppe vertrauenswürdiger Akteure beschränkt werden, die über ausreichend Ressourcen verfügen, um ein Projekt dieser Größenordnung langfristig voranzutreiben – Eigenschaften die man eher in der Wirtschaft als in der öffentlichen Verwaltung antrifft.

Eine Kombination aus öffentlicher Unterstützung und Mitwirkung der lokalen Verwaltung sowie gut vernetzter Akteure, wie ortsansässiger Unternehmen, Banken und Verbände sind essenziell, um das Vertrauen potenzieller Nutzer:innen und regionaler Unternehmen für zukünftige Partnerschaften zu gewinnen.

Fazit: Gesellschaftliche und technologische Entwicklungen gepaart mit den dramatischen Auswirkungen der Coronakrise werden den Einzelhandel verändern. Obwohl die Digitalisierung diese Entwicklungen mitverursacht, bietet sie zugleich Chancen für die Stärkung der digitalen Reife innerhalb der lokalen Wirtschaft. Digitale Plattformen sind ein geeignetes Mittel, um diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Sie können die Sichtbarkeit von lokalen Unternehmen in der digitalen Welt verbessern und das Leben in der Stadt vereinfachen.

Ole Behrens-Carlsson ist CEO der Nortal AG, ein IT-Beratungsunternehmen mit estnischen Wurzeln. Seit 20 Jahren begleitet er Projekte im Bereich der öffentlichen Auftraggeber und des Gesundheitswesens. Co-Autor Hendrik Lume arbeitet als Senior Consultant bei der Nortal AG.

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