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Von Frankreich lernen? Warum Deutschland eine europäische Start-up-Vision braucht

Torben Rabe, Deutschlandchef von Qonto
Torben Rabe, Deutschlandchef von Qonto Foto: Qonto

Die Regierung geht mit ihrer Start-up-Strategie in die richtige Richtung. Dennoch kann sie sich noch einiges von Ländern wie Frankreich, Italien oder Estland abgucken, meint Torben Rabe, der für Deutschland zuständige Country Manager bei Qonto. Unterm Strich braucht es aber eine gesamteuropäische Start-up-Vision, ist er überzeugt, und nicht nur einzelne erfolgreiche Start-up-Nationen.

von Torben Rabe

veröffentlicht am 12.07.2022

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Der französische Präsident Emmanuel Macron hat ein klares Ziel: 100 französische Einhörner soll es bis 2030 geben. Unser Nachbarland ist ambitioniert – Macron will aus Frankreich einen Start-up-Hub machen. Sein bisheriger Einsatz ist von Erfolg gekrönt. Gut für Macron, denn er hat sich daran messen lassen, mindestens 25 „licornes françaises“ (dt. „französische Einhörner“) innerhalb einer Legislaturperiode ins Leben zu rufen. Anfang 2022 konnte er stolz die Planübererfüllung verkünden: Drei Jahre vor Ablauf der selbst gesetzten Frist standen bereits 25 Einhörner auf der französischen Weide. Der Präsident zelebrierte den Erfolg stilecht – im Steve-Jobs-Rollkragenpulli mit einer persönlichen Ansprache auf Twitter.

Solch großer Gesten bedient sich die Bundesregierung (noch) nicht, aber zumindest versucht sie derzeit, sich an Frankreich ein Beispiel zu nehmen. Mit dem gerade publik gewordenen Entwurf für die Start-up-Strategie will auch die deutsche Regierung die richtigen Anreize für mehr Wachstum setzen. Von einer Wagniskapitalquote für Rentenversicherungen über die Vereinfachung der Mitarbeitendenbeteiligung bis hin zu mehr staatlichen Aufträgen für Start-ups – Deutschland will in Zukunft vieles besser machen. Sichtbar wird aber auch, was nach wie vor fehlt: Die richtigen Rahmenbedingungen und die Vision. Hier kann Deutschland durchaus vom Nachbarland lernen.

Was sich verbessern muss

Im Digital Riser Report der ESCP Business School wird deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen in Deutschland erheblich verbessern müssen. Laut Report liegt unser Land unter den G7 auf dem vorletzten Platz (vor Japan). In den G20 landen wir ebenfalls auf dem drittletzten Platz. Besonders sticht hervor, dass Risikokapital hierzulande nur relativ schwer verfügbar ist. An dieser Stelle kann die Start-up-Strategie besonders wirksam sein – denn sie hat das Potential, die Verfügbarkeit von Venture Capital in Deutschland massiv zu erhöhen.

Allerdings besteht nicht nur Aufholbedarf bei den finanziellen Rahmenbedingungen, es gibt auch grundlegende kulturelle Herausforderungen. In Deutschland ist unternehmerisches Risiko oft mit einer gewissen Scheu verbunden. Auch Innovationen und unternehmerischem Denken begegnet die Bevölkerung eher mit Vorsicht. Die Konsequenz: Gründer:innen mit wirklich innovativen Ideen, haben es schwerer, Kapital, digitale Kompetenz sowie passende Rahmenbedingungen für eine Gründung zu finden. Laut dem Digital Riser Report konnten sich europäische Länder wie Frankreich oder auch Italien in diesem Bereich deutlich verbessern; sie konnten ihre Rahmenbedingungen ausbauen und so im Ranking klettern. Welche Maßnahmen aber waren es, die in diesen Ländern zum Erfolg führten?

Die französische Regierung setzt neben den visionären Ansagen des Staatsoberhauptes auf konkrete Förderung. La French Tech zum Beispiel, bringt staatliche Institutionen und das Start-up-Ökosystem zusammen. Dazu kommen regulatorische Programme wie „TECH.GOUV“, durch die Regierungsinvestitionen in Start-ups unternommen werden, oder die öffentliche Investitionsbank Bpifrance. Nicht zuletzt unterstützt die Initiative Business France die internationale Expansion französischer Unternehmen.

Schnelle Erfolge sind möglich

Italien geht noch andere Wege und hat mit dem Italian Startup Act (ISA) einen rechtlichen Rahmen für Visum- und Steueranreize geschaffen – zu dessen Erfolg mehr als 12.500 innovative Start-up-Gründungen gezählt werden können. So hat es Italien geschafft, durch handfeste Verbesserungen aufzuholen und im Ranking des Digital Riser Reports vom letzten Platz unter den G7 auf den zweiten Platz aufzusteigen – innerhalb nur eines Jahres. Es gibt in Europa also durchaus erprobte Erfolgsmodelle, die Deutschland für sich nutzen kann.

Werden wir also konkret: Wo sollte Deutschland anpacken?

  1. Gründen im Minutentakt: In Estland dauert die Gründung eines Unternehmens 18 Minuten – ein Weltrekord. In Deutschland hat sich der bürokratische Hürdenlauf zwar verbessert, aber von solchen Zahlen sind wir hier noch weit entfernt. Mit dem „Gesetz zur Umsetzung der Digitalisierungsrichtlinie“ (DiRUG) wurde bereits der richtige Weg eingeschlagen. Analoge Prozesse, wie zum Beispiel der Notarbesuch, sind nun zumindest für einige Rechtsformen digital durchführbar. Weit genug geht das jedoch nicht. Denn Ziel muss ein vollständig digitaler Gründungsprozess sein. Diesen aktuell noch weitgehend analogen Prozess neu zu denken, wurde in Deutschland bislang versäumt.
  2. Fachkräfte für Europa begeistern: Alle Industrien klagen über den Mangel an qualifizierten Mitarbeitenden. Längst liefern sich die Firmen eine Schlacht um die besten Benefits und besten Gehälter – zumindest die, die es sich leisten können. Für Start-ups ist es oft schwer, da mitzuhalten. Was hier helfen kann, sind attraktive ESOP-Regelungen und Tech-Visas. Doch auch die Vereinheitlichung des europäischen Arbeitsmarktes könnte sich zu einem echten Mehrwert entwickeln. „Work from anywhere“ ist ohnehin in vielen Unternehmen schon Realität. Kolleg:innen arbeiten von Tallinn, Paris und Berlin aus zusammen. Die Regulierung in Europa muss hier nachziehen.
  3. Finanzierungen größer denken: Für Start-ups in der Frühphase gab es in den letzten Jahren schon viele Verbesserungen. Nun ist es an der Zeit, auch an weiter fortgeschrittene Start-ups (Scale-ups) und deren Finanzierung zu denken. Verhindert werden muss, dass erfolgreiche deutsche Unternehmen den Weg an die New Yorker Börse suchen, weil sie in Deutschland keine passende Finanzierung finden (beispielsweise die finanziellen Mittel in den USA die europäischen schlicht übertreffen). Ebenso sollte verhindert werden, dass nicht-EU- und nicht-Deutschland-Investoren erfolgreiche deutsche Scale-ups aufkaufen und so Wertschöpfung extrahieren.

Die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland sind jedoch nur eine Seite der Medaille. Die andere: Wir brauchen eine europäische Vision. Denn ein europäisches Ökosystem ist viel mehr als die Summe seiner Teile. Am Ende wird es die enge Zusammenarbeit der verschiedenen EU-Länder sein, die zum europäischen Erfolg führt. Denn dem Wachstum eines deutschen oder französischen Start-ups, das nur im Heimatmarkt aktiv ist, ist eine natürliche Grenze gesetzt. Der Binnenmarkt der EU muss deshalb auch für Scale-ups attraktiv werden und so gute Finanzierungsbedingungen bieten, dass Unternehmen eine Abwanderung nicht mehr in Betracht ziehen.

Warum also nicht einen europäischen Nasdaq wagen? Oder einen europäischen Pensionsfonds, der die Möglichkeit hat, in Unternehmen zu investieren – so wie in Kanada der Fall? Ideen gibt es reichlich und die Start-up-Strategie der Bundesregierung hat erste gute Ansätze. Bei der Umsetzung dieser Vorhaben wird es dann wichtig sein, die nationale Perspektive hinter sich zu lassen und europäisch zu denken. Für Deutschland, Frankreich und Europa.

Torben Rabe leitet seit 2020 das Deutschlandgeschäft von Qonto, einem 2016 gegründeten französischen Unternehmen, das Finanzmanagement für KMU, Gründer:innen und Selbstständige anbietet. 

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