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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Weniger Arbeit, mehr Leistung

Martina Van Hettinga, Partner von I-Potentials
Martina Van Hettinga, Partner von I-Potentials Foto: Annette Koroll

Der Fachkräftemangel lässt Rufe nach längeren Arbeitszeiten laut werden. Doch das ist der falsche Weg, schreibt Martina Van Hettinga von I-Potentials. Stattdessen sollen Unternehmen ihren Mitarbeitenden mehr Flexibilität gewähren, damit deren Kreativität gefördert wird und sie seltener krankheitsbedingt ausfallen.

von Martina Van Hettinga

veröffentlicht am 22.09.2022

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In Zeiten des sich verschärfenden Fachkräftemangels werden die Rufe nach einer 42-Stunden-Woche lauter. Die Fürsprecher aus Politik und Wirtschaft stützen sich dabei auf die längst überholte Vorstellung, dass mehr Wertschöpfung mit der Länge der Arbeitszeit einhergeht. Das mag im Zeitalter der Fließbandarbeit gegolten haben – der Fordismus lässt grüßen –, doch Digitalisierung und Automatisierung haben erstens die Art und Weise, wie wir arbeiten, flexibilisiert und zweitens das Anforderungsprofil an viele Tätigkeiten um 180 Grad gedreht.

Eine längere Arbeitszeit ist in vielen Fällen daher kontraproduktiv, sie führt zu Stress, sinkender Produktivität, krankheitsbedingten Arbeitsausfällen und sie verwehrt einem Großteil gut ausgebildeter Fachkräfte den Zugang zum Arbeitsmarkt. Statt mehr Arbeitszeit einzufordern, sollten sich Unternehmer:innen im digitalen Zeitalter flexibilisieren, um produktiver, innovativer und schlussendlich diverser zu werden – und volkswirtschaftlich betrachtet auch für mehr Arbeitskräfte zu sorgen.

Quantität ist nicht gleich Qualität

Wer früh im Büro sitzt und lange Überstunden macht, galt nach unserer traditionellen Logik oftmals als tüchtige Arbeitskraft. Eine wenig durchdachte Annahme, wenn wir bedenken, dass die Produktivität nicht proportional mit der abgearbeiteten Zeit ansteigt und diverse Studien bestätigen, dass wir nur einen Teil der Zeit am Arbeitsplatz konsequent und konzentriert arbeiten. So sinkt laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin die Effizienz ab der siebten Stunde deutlich. Eine Umfrage unter 2.000 britischen Büroangestellten ergab zudem, dass die Mehrheit lediglich drei Stunden täglich produktiv arbeitet.

US-amerikanische Tech-Firmen wie Netflix maximierten vor Jahren bereits radikal das Level an Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen, um Innovation, Effizienz und Produktivität zu stärken. Alleine die Tatsache, dass sich jemand im Büro aufhält, bedeutet noch lange nicht, dass sie oder er Mehrwert für sein Unternehmen, dessen Kund:innen und für letztendlich unsere Gesellschaft generiert.

Zumal die Digitalisierung, der Einsatz von künstlicher Intelligenz und automatisierte Arbeitsabläufe für komplett neue Anforderungen sorgen. Die repetitive Fließbandarbeit übernehmen Maschinen. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft arbeiten rund 15 Millionen Menschen hierzulande am Schreibtisch. Und wer 30 Stunden wöchentlich arbeitet, nutzt laut einer Metaanalyse der Uni Bielefeld die freie Zeit häufiger für gesundheitsbewusstes Verhalten wie Sport und gesunde Ernährung. Dadurch verbessert sich die kognitive Leistungsfähigkeit, die Schlafqualität und das mentale Wohlbefinden.

Höhere Arbeitszeit führt zu mehr krankheitsbedingten Ausfällen

Diese Ergebnisse bestätigt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Beschäftigte mit einem kürzeren Tag sind demnach nicht nur motivierter, sondern fallen auch seltener krankheitsbedingt aus – leiden beispielsweise seltener an Rückenschmerzen oder Herzbeschwerden. In Zeiten, in denen ein großer Teil der manuellen Tätigkeiten automatisiert ablaufen, müssen wir Arbeit ganz neu denken.

2020 beruhten 17,1 Prozent der krankheitsbedingten Arbeitsausfälle auf psychischen Erkrankungen (Statista). Nur das Muskel-Skelett-System sorgte noch öfter dafür, dass Menschen nicht arbeiten konnten (21,2 Prozent) – gut möglich, dass auch dort die eigentlichen Ursachen oft Verspannung durch Stress und Überbelastung sind. Längere wöchentliche Arbeitszeiten werden perspektivisch – ganz gleich ob Büroarbeit oder körperliche Tätigkeit – daher zu noch mehr Arbeitsausfällen führen. In der Summe dann letztlich zu weniger Arbeitszeit – dafür aber zu einer höheren Belastung des ohnehin schon durch Personalmangel überlasteten Gesundheitssystems.

Kreativität als wichtiger Treiber

Und das in einer Zeit, in der wir kreative und produktive Menschen mehr denn je benötigen, um im Innovationszeitalter Schritt halten zu können. Kreativität gilt heutzutage als ein zentraler Treiber des modernen Wirtschaftssystems. Um die neuen komplexen Herausforderungen und Krisen unserer Volkswirtschaft zu meistern und uns trotz der schwer vorhersehbaren Entwicklungen zukunftsfähig aufzustellen, müssen Unternehmen, offener, agiler und flexibler auf die äußeren Bedingungen reagieren und kreative Lösungsansätze fernab des üblichen Handlungsrahmens entwickeln.

Doch Kreativität lässt sich nicht mit dem Motto „Zuckerbrot und Peitsche“ erzwingen. Im Gegenteil: In Pausen, so schreibt der US-amerikanische Psychologe Roger E. Beaty 2020, aktivieren wir unser Ruhestandsnetzwerk im Gehirn, unsere Gedanken schweifen ab – und genau dann entstehen bahnbrechende, neue Ideen. Statt nach längerer Arbeitszeit zu rufen, sollten wir daher viel eher Lösungen finden, um Zuwanderung strukturiert zu fördern.

Flexibilität statt längerer Arbeitszeiten gegen Fachkräftemangel

Zudem haben inzwischen etliche Studien gezeigt, dass diverse Teams mehr Innovation hervorbringen. Der Schlüssel für mehr Diversität entlang der gesamten Hierarchie liegt wiederum in einer Flexibilisierung der Arbeit, um Beruf und Familie zu vereinen. Bis dato verringert sich beispielsweise der Anteil von Frauen, je höher die Management-Ebene – „Leaky Pipeline“ heißt dieses Phänomen.

Angesichts des drastischen Fachkräftemangels, der sich noch verschärfen wird, geht es also vielmehr darum kürzere „Fokuszeiten“ effizienter zu nutzen und darauf zu setzen, dass Digitalisierung, Automatisierung und technologischer Fortschritt weitere Routineaufgaben übernehmen. Die Digitalisierung unserer Arbeitswelt und der dringende Bedarf nach kreativen Ideen für Fortschritt und Innovation sind ironischerweise daher der wesentliche Grund, eine 30-Stunden-Woche gegenüber einer 42-Stunden-Woche zu präferieren und zumindest für deutlich mehr Flexibilität im Arbeitskontext hierzulande zu sorgen.

Martina van Hettinga ist geschäftsführende Gesellschafterin bei der auf die Digitalwirtschaft spezialisierten Unternehmensberatung I-Potentials. Als Unternehmerin, Investorin und Beirätin hat sie zahlreiche digitale Start-ups und KMU mit aufgebaut.

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