Standpunkt Wenn das Internet zu schnell vergisst

Das individuelle Recht auf Vergessen im Netz ist ein vieldiskutiertes Thema. Doch was passiert eigentlich mit dem kollektiven Gedächtnis? Es geht verloren, wenn Informationen nur noch überschrieben, nicht mehr gespeichert werden, schreibt HPI-Chef Christoph Meinel. Die Lösung ist simpel, sie lautet: Awareness.

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Ob die Menschheit im 22. Jahrhundert noch viel von der Menschheit im 21. Jahrhundert weiß, ist noch ganz unklar. Eine These, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint. Schließlich kämpfen aktuell mehr Menschen für das Vergessen ihrer Historie im Internet als gegen das Vergessen im Internet. Prominente, Politiker, Unternehmer und ganz normale Privatpersonen sorgen sich mit zunehmender Unterstützung der Rechtsprechung um ihr „Recht auf Vergessen“, wie es der österreichische Rechtswissenschaftler und IT-Berater Viktor Mayer-Schönberger nennt.

Noch am 27. November hat das Bundesverfassungsgericht das Persönlichkeitsrecht (Recht auf Vergessen) gegenüber der Presse- und Informationsfreiheit gestärkt. Presseunternehmen müssen künftig dafür sorgen, dass Inhalte gegebenenfalls ein digitales Verfallsdatum erhalten, damit Suchmaschinen diese Inhalte nach längerer Zeit nicht mehr anzeigen. Im konkreten Fall hatte ein Straftäter verlangt, nicht mehr mit seiner 37 Jahre vergangenen Tat im Internet verbunden zu werden.

Heute wird Wissen nicht neu gedruckt, sondern überschrieben

Doch wie steht es um das Internet selbst, welches mit seiner immer weiter steigenden Bedeutung einen immer größeren Teil unseres Lebens abbildet und in dem wir immer mehr Informationen speichern? Private Kommunikation ist vom schriftlichen Brief zur E-Mail-Textnachricht geworden. Zeitungsartikel sind zu Webseiteninhalten, Archive zu Datenbanken geworden und die uns umgebenden Gegenstände aller Art werden Teil des Internet of Things. Ganze Unternehmen existieren praktisch nur noch in den App-Stores.

Zunächst sieht das alles danach aus, dass die explodierende Vielfalt an immer mehr Informationen, an Texten, Fotos, Videos, Blogs, und Websites einfach an die Nachwelt weitergeben werden könnten. Bei genauerem Hinschauen jedoch wird schnell klar, dass all diese Informationen im Digitalen anders aufbewahrt und weiterentwickelt werden. Im Analogen wurde ein neuer Wissensstand nicht einfach überschrieben, sondern neu gedruckt, die alte Version wurde damit automatisch zu einem Archiv des Vergangenen. Im Digitalen dagegen wird die ältere Version meist durch die neue Version ersetzt. Die Informationen auf einer Website werden einfach überschrieben und ständig neuen Informationsständen angepasst.

Während sich bis vor rund zwei Jahrzehnten in öffentlichen Stellen wie privaten Haushalten automatisch eine Art kollektives Gedächtnis bildete, überschreiben wir zunehmend dieses historisches Gedächtnis mit Präsenzwissen. Wir wissen, wie die Facebook- oder Amazon-Websites heute aussehen, vermutlich am heutigen Tag zuletzt aktualisiert. Wir haben jedoch keine Vorstellung und können auch nicht ohne weiteres „nachschlagen“, wie diese Website vor fünf Wochen oder gar drei Jahren aussah.

Niemand weiß, was aus den Anbietern der Onlinespeicher wird

In gleicher Weise wie Privatleute, Unternehmen und Staaten ihre Social-Media-Einträge und Webseiten überschreiben, überschreiben wir ständig unser privates Gedächtnis zur Musik, zu Bildern, Spielen, Medien, Apps und praktisch allem, was digital vorhanden ist. Einerseits werden neue Daten geradezu exzessiv produziert, da deren Kreation kaum etwas kostet. Ein Foto oder neun, es macht keinen Unterschied. Drei Seiten Tagebuch oder 300, es macht keinen Unterschied. Doch andererseits werden diese Informationen weniger selbstverständlich archiviert als dies bisher der Fall war.

Fotoalben oder Aufzeichnungen fielen früher oftmals ganz haptisch den Erben in die Hände, waren zugänglich, relativ lange haltbar und gewannen mit der Zeit einen eigenen Wert. Wer heute jedoch seine Daten teilweise in Apps, teilweise auf Speicherkarten und teilweise in einem Social Media Account verteilt, der riskiert durchaus, sie zu verlieren oder für die Nachwelt verschlossen zu hinterlassen, weil kein Erbe das Passwort kennt.

Die Lösung ist simpel, sie lautet: Awareness

Außerdem kann niemand sagen, wie lange Medienträger ihre Lesbarkeit erhalten oder was aus den Anbietern der Onlinespeicher wird. Hacker können in Sekunden Millionen von Daten für immer vernichten, und auch Unternehmen können innerhalb kürzester Zeit schlicht verschwinden. StudiVZ ist ein bekanntes Beispiel dafür, wie ein Netzwerk mit 6,5 Millionen Nutzerprofilen nach einem Insolvenzverfahren brachliegt und vermutlich werden die verbliebenen privaten Informationen einfach irgendwann gelöscht. Ein Besuch im eigenen alten Profil ist tatsächlich wie eine Reise in die Vergangenheit, doch zur Erinnerung: Diese Vergangenheit ist erst rund 10 Jahre alt und kaum jemand erinnert sich mehr daran, dass hier noch viele Erinnerungsbilder und Textbeiträge vorhanden sind.

Jedoch ist dieses Problem des Internets keineswegs unlösbar. Die Lösung ist sogar simpel, sie lautet: Awareness. Bei Enzyklopädien ist diese Awareness bereits länger vorhanden, da es sich um professionelles Wissensmanagement handelt. So speichert Wikipedia den Bearbeitungsverlauf seiner Beiträge. Frühere Irrtümer, Veränderungen, alles wird gespeichert. Die sogenannte Wayback-Machine sammelt wie ein Archiv alte Website-Versionen, um zu zeigen wie beispielsweise Apple oder Amazon vor einem Jahrzehnt aussahen. Natürlich braucht es noch Mechanismen, um archivierungswürdige wesentliche Veränderung von unwesentlichen zu unterscheiden.

Aber auch privat müssen wir eine Awareness entwickeln und überlegen, was wir wie und wo speichern und uns bewusst werden, dass die Halbwertszeiten der digitalen Welt kürzer sind als die der analogen. Ob Urlaubsbilder oder Gesundheitsdaten, wir müssen Daten sinnvoll und sicher abspeichern, damit nicht ein einziger Fehler zu einem Totalverlust führt. Dazu gehört auch, sich des Wandels der Speichermedien bewusst zu sein. 

Es sind viele einfache Überlegungen und Vorkehrungen, die den Unterschied zwischen kollektivem Vergessen und kollektivem Erinnern ausmachen. Genauso sollte man sich Gedanken machen, ob und wem man derzeit passwortgeschützte Informationen vielleicht vererben will. Die Erben müssten schließlich irgendwann das Passwort erhalten.

Christoph Meinel ist Direktor und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts (HPI).

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