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Digitalisierung & KI

Standpunkte Wie ChatGPT & Co. die Rechtsberatung verändern

Oliver Belitz, Associate bei Bird & Bird
Oliver Belitz, Associate bei Bird & Bird Foto: Bird & Bird

Mit dem Aufkommen von generativen KI-Tools wie ChatGPT erfährt Legal Tech eine Transformation. Vor dem praktischen Einsatz stehen jedoch noch einige Hürden, schreibt Oliver Belitz von der Anwaltssozietät Bird & Bird.

von Oliver Belitz

veröffentlicht am 16.10.2023

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Im November 2022 begann ein neues Kapitel in der Geschichte der technologischen Innovation. ChatGPT und die zugrundeliegende Technologie der generativen KI traten ins Rampenlicht. Kaum ein Tag vergeht seither, an dem die Medien nicht über neue Anwendungen oder revolutionäre Folgen dieser Entwicklung berichten. Die Rechtsberatung, die traditionell von komplexen intellektuellen Tätigkeiten geprägt ist, könnte ein ideales Einsatzfeld für diese Technologie sein. Denn es sind genau diese Aufgaben, bei denen generative KI-Tools brillieren.

Textgenerierende KI-Tools wie ChatGPT basieren auf Large Language Models (LLMs). Durch Training mit großen Datenmengen haben sie die Fähigkeit erlangt, menschenähnliche Texte in natürlichen Konversationen zu erzeugen. Während analytische KI, die uns schon seit vielen Jahren begleitet, Datenmuster analysiert und daraus Schlussfolgerungen zieht, werden generative KI-Modelle darauf trainiert, neue Inhalte zu erzeugen, die Menschen weiterverwenden können.

Trotz ihrer beeindruckenden Fähigkeiten haben die Modelle jedoch Grenzen: Ein systemimmanentes Merkmal von LLMs ist das „Token-Limit“, also die maximale Länge der Konversation (und damit auch der Nutzereingabe). Ein weiteres Limit ist der „Knowledge Cutoff“. Das Wissen von ChatGPT endet beispielsweise seit einem kürzlichen Update im Januar 2022, ChatGPT hat somit keine Informationen über Ereignisse nach diesem Zeitpunkt. Ebenso kämpfen LLMs mit Halluzinationen. Die KI produziert nämlich manchmal Informationen, die ungenau oder schlicht falsch sind.

Generative KI als nächste Evolutionsstufe von „Legal Tech“

„Legal Tech“ steht für den Einsatz neuer Technologien in der Rechtsberatung, um diese effizienter zu gestalten. Inzwischen hat Legal Tech einen beeindruckenden Weg zurückgelegt. Anfangs bestand der technologische Fortschritt hauptsächlich aus Datenbanken und Suchwerkzeugen, die Rechtsanwälten dabei halfen, Gesetzestexte und Urteile schneller zu durchsuchen.

Im Laufe der Zeit wurden die Technologien immer ausgefeilter. Lösungen für Expertensysteme, regelbasierte Dokumentenautomatisierung und die Suche in großen Dokumentenmengen kamen hinzu. Einige dieser Innovationen nutzten bereits analytische KI-Techniken. Mit dem Aufkommen der generativen KI erfährt Legal Tech nun eine weitere Transformation, denn nun entsteht die Möglichkeit, sich maßgeschneiderte, individuelle juristische Inhalte erstellen zu lassen.

Anwendungsfälle für die Nutzung generativer KI in der Rechtsberatung

Die Anwendungsfälle für generative KI in der Rechtsberatung sind vielfältig. Möglich sind beispielsweise:

Smarte Vertragserstellung: Generative KI kann sowohl dabei unterstützen, Verträge zu erstellen als auch diese zu überarbeiten. Ist die Technologie mit der unternehmenseigenen Vertragsdatenbank verknüpft, lassen sich sogar Verträge generieren, die dem individuellen Stil entsprechen.

Smarte Vertragsdatenbanken: Für Unternehmen mit umfangreichen digitalen Vertragsarchiven kann die derzeit verfügbare Stichwortsuche unbefriedigend sein. Generative KI mit entsprechender Datenbankanbindung kann eine intuitivere Oberfläche schaffen, über die Mitarbeiter der Rechtsabteilung gezielt Verträge mit bestimmten Eigenschaften abrufen können („Zeige mir alle Verträge mit einer Laufzeit bis 2026, die deutschem Recht unterliegen“).

Vertragsanalyse: Generative KI bietet einen erheblichen Vorteil gegenüber bisherigen analytischen KI-Methoden, wenn Fachkräfte Verträge analysieren wollen. Tools mit hoher Sprachkompetenz wie ChatGPT erkennen und identifizieren gewünschte Klauseln, ohne sie vorher aufwändig trainieren zu müssen.

Prognose von Prozessausgängen: In Zukunft könnten generative KI-Tools dabei helfen, den Ausgang von Rechtsstreitigkeiten auf Basis früherer Urteile und detaillierter Fallbeschreibungen vorherzusagen. Derzeit ist dies aufgrund zu geringer Token-Limits und fehlendem Zugang zu exklusiven juristischen Datenbanken noch nicht realisierbar. Diese Hürden sollten in absehbarer Zeit überwunden sein.

Die spezifischen Fähigkeiten und Grenzen eines KI-Tools sind immer entscheidend für seine Anwendungsfälle. Rechtsanwälte sollten daher zunächst ein Verständnis für die Technologie entwickeln, bevor sie sich mit potenziellen Anwendungsfällen befassen. Ein umgekehrter Ansatz kann leicht zu Frustration führen – nämlich, wenn die angestrebten Ziele mit dem gewählten Tool nicht erreicht werden können.

Besondere rechtliche Anforderungen bei Rechtsanwälten

Neben den allgemeinen rechtlichen Erwägungen, denen sich jeder gewerbliche Nutzer von generativen KI-Tools stellen muss – wie Fragen des Urheberrechts, des Datenschutzes oder der (zukünftigen) KI-Regulierung –, stehen Rechtsanwälte vor einer besonderen Herausforderung. Ihre berufsrechtlich normierte Verschwiegenheitspflicht hält sie an, mandatsbezogene Informationen vertraulich zu behandeln. Ein Verstoß kann strafrechtlich geahndet werden.

Der Einsatz generativer KI-Tools wie ChatGPT von OpenAI kann nun dazu führen, dass solche mandatsbezogenen Informationen unbeabsichtigt an Dritte weitergegeben werden. Da einige Anbieter je nach gewähltem Tool in der Lage sind, die vom Nutzer eingegebenen Prompts einzusehen, besteht hier ein erhebliches Risiko.

Um dieses Dilemma zu überwinden, haben Rechtsanwälte grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Erstens können sie individuelle vertragliche Vereinbarungen mit den Anbietern von KI-Tools treffen, die besondere berufsrechtliche Verpflichtungen enthalten (vertragliche Lösung). Zweitens können sie das KI-Tool technisch so einsetzen, dass der Anbieter überhaupt keinen Zugriff auf die vom Nutzer eingegebenen Prompts hat (technische Lösung). Da sich viele, insbesondere sehr große Anbieter der vertraglichen Lösung verschließen, bleibt oft nur die technische Lösung.

Ausblick

Die Legal-Tech-Landschaft befindet sich derzeit im Umbruch. Während Rechtsanwälte noch vergeblich nach schlüsselfertigen Lösungen suchen, die sich nahtlos in ihren Arbeitsalltag integrieren lassen, zeichnen sich am Horizont bereits neue Möglichkeiten ab. Der kommende technische Fortschritt – etwa höhere Token-Limits und die Integration von juristischen Datenbanken – wird neue und leicht umsetzbare Anwendungsfälle ermöglichen.

Es ist daher weniger eine Frage des "Ob" als vielmehr des "Wie", welchen Einfluss generative KI auf die Branche haben wird. Die Technologie ist prädestiniert, eine zentrale Rolle in der Rechtsberatung der Zukunft zu spielen. Rechtsanwälte sollten jetzt die Initiative ergreifen und die Weichen für eine innovative und zukunftsorientierte Beratungspraxis stellen.

Oliver Belitz berät als Associate bei der internationalen Anwaltskanzlei Bird & Bird Unternehmen zu allen rechtlichen Aspekten der Informationstechnologie. Er beschäftigt sich dabei insbesondere mit rechtlichen Herausforderungen neuer Technologien wie (generativer) Künstlicher Intelligenz, Gaming und Metaverse.

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