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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Wie DAOs die Zivilgesellschaft verändern

Julia Pfeiffer (links) und Sarah Johanna Theurer (rechts)
Julia Pfeiffer (links) und Sarah Johanna Theurer (rechts) Foto: Goethe-Institut

Das Interesse an DAOs, einer neuen Art von Organisationsform auf der Blockchain, ist in den letzten Jahren stark gestiegen. DAOs können die Bildung einer neuen zivilgesellschaftlichen Struktur unterstützen, glauben Sarah Johanna Theurer und Julia Pfeiffer vom Haus der Kunst München. Die zeitgenössische Kunst und ihre Institutionen könnten sich als ideales Labor erweisen, um neue Organisationsformen wie DAOs zu erproben.

von Julia Pfeiffer und Sarah Johanna Theurer

veröffentlicht am 21.01.2022

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DAOs, Decentralised Autonomous Organisations (zu deutsch: dezentrale autonome Organisationen) sind Gruppierungen von Menschen, die die praktische Verwaltung ihrer Gruppe an Algorithmen delegieren. Jede Aktion und jede Entscheidung, die innerhalb solcher Organisationen getroffen wird, wird mithilfe einer Blockchain aufgezeichnet und ist für jedes ihrer Mitglieder zugänglich und nachvollziehbar. Die Blockchain bildet die technische Infrastruktur des Web3, eine weitere Entwicklungsstufe des Internets, in dem die zentral organisierten Plattformen durch dezentral organisierte Interessengemeinschaften ersetzt werden könnten. Individuen können mehreren DAOs beitreten und diese auch wieder verlassen. Der Beitritt zu einer DAO erfolgt in der Regel über den Erwerb der Token dieser DAO. Der/die Token-Besitzer:in ist dann Mitglied des jeweiligen DAO. Niemand – keine juristische Person – muss (und kann) dazu eine Erlaubnis erteilen. Geregelt wird der Zugang, genauso wie die Konsensbildung aller Mitglieder und die Einhaltung des Code of Conduct, der vertraglich festgehaltenen Bedingungen, automatisch von Smart Contracts. Diese überprüfen sich selbst und müssen von keinem der Vertragspartner:innen oder gar einer dritten Instanz kontrolliert werden.

Großes Potenzial auch für den sozialen Sektor

Es gibt DAOs für Investitionen, DAOs für den Aufbau neuer Produkte, DAOs für soziale Kontakte und DAOs als künstlerische Projekte. Führende DAOs, wie beispielsweise das Investment-Konzept Compound oder die auf Networking spezialisierte DAO Friends With Benefits, haben große Kapitalmengen von mehreren Millionen US-Dollar in Kryptowährungen. Durch ihre besonderen technischen Merkmale und ihre wachsende Popularität, werden DAOs insbesondere einen sozialen Sektor umgestalten, der gemeinhin als Zivilgesellschaft bezeichnet wird.

Oft werden Kooperativen oder Kollektive als analoge Vorläufer der DAOs genannt. Im Gegensatz zu ihren Vorläufern aber bieten die DAOs einen Raum für Menschen, die sich nicht kennen und aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen kommen. Sie können mit Hilfe der automatisierten Strukturen über nationalstaatliche Grenzen hinweg miteinander arbeiten und eine Wertegemeinschaft in Form eines DAOs gründen. Was im Web2 die globale Gruppierung auf sozialen Netzwerken war, wird im Web3 zu der Gründung von multiplen dezentralen Organisationen, mit eigenen Finanzierungsmodellen. Der Umweg über die zentral verwalteten Plattformen und Anbieter wird nicht mehr gebraucht, da ein DAO an sich eine eigene Plattform mit je eigenen „Spielregeln“ bildet. Globale digitale Vermögenswerte, Widerstand gegen Zensur und automatisierte Aktionen werden auch die Arbeitsweisen von analogen Organisationen verändern.

Um Fachkräfte für ein bestimmtes Ziel zu gewinnen, werden in der Marktwirtschaft meist traditionelle Unternehmensformen genutzt. Unternehmen folgen in der Regel hierarchischen Strukturen und Arbeitskräfte erhalten durch marktwirtschaftlich festgesetzte Löhne einen Anreiz, dort zu arbeiten. In DAOs hingegen werden die Unternehmenswerte dezentral geschaffen und gesteuert. Arbeitnehmer:innen, Nutzer:innen und andere Interessengruppen haben Eigentumsrechte an der DAO und an dem was durch sie entsteht.

Zwischen Genossenschaft und Unternehmen

Zur Zeit werden DAOs vor allem als dezentrale Investmentfirmen genutzt – das bedeutet, viele Menschen schließen sich zusammen, sammeln eine große Summe an Kryptogeld an, und investieren diese gemeinsam. DAOs unterscheiden sich aber dennoch von etablierten Anlageformen, zum Beispiel durch die Möglichkeit der Fraktionierung des Eigentums. Die radikale Transparenz der Blockchain-Transaktionen macht zudem für jedes Mitglied einer DAO sichtbar, wer wie daran beteiligt ist – von Tantiemenzahlungen über Honorare bis zur Übertrag des Eigentums in andere Kryptowährungen.

DAOs weisen viele Eigenschaften von Genossenschaften auf, agieren aber oft wie Unternehmen. Sie sind eine digitale Hybridform dieser beiden traditionellen Organisationsformen. Die grundlegende Infrastruktur von DAOs ist noch im Entwicklungsstadium. Aufgrund ihrer Fluidität, Mitgliederfluktuation und ihres technischen Aufbaus müssen sie oft mit sehr großer Komplexität umgehen. Der Versuch, die Werte der jeweiligen Organisation automatisiert und durch Code auszuführen, suggeriert, dass implizites Wissen vollständig in einem Software-Protokoll ausgedrückt werden kann. Oft ist die Komplexität sozialer Strukturen allerdings nicht 1:1 in Code abzubilden. Die Entwicklung von sicheren Werkzeugen und Regeln für die Gründung, Kommunikation, Zusammenarbeit und Transaktionen innerhalb und zwischen einzelnen DAOs weist derzeit eindeutige Schwachstellen auf, die noch nicht behoben sind.

Die Kunstwelt als Blockchain-Labor

Die primäre Domäne von multi-organisatorischen Netzen ist jedoch weder der private noch der öffentliche Sektor, zumindest nicht in der traditionellen Form. Die zeitgenössische Kunst und ihre Institutionen könnten sich als ideales Labor erweisen, um neue Organisationsformen wie DAOs zu erproben. Denn die vorherrschenden Diskurse sind stark techno-deterministisch: Sie sehen die Technologie, in diesem Fall die Blockchain, als den wichtigsten Motor für sozialen Wandel. Die Komplexität sozialer Organisation wird dabei tendenziell ignoriert. Wenn Diskurs bildende Institutionen einen Raum für eine solche Auseinandersetzung schaffen, dann kann die Kultur die technische Infrastruktur bestimmen, und nicht umgekehrt. DAOs können so belastbare und wandelbare Systeme für skalierbare Interdependenz und gemeinschaftliches Arbeiten werden.

Sarah Johanna Theurer ist Kuratorin am Haus der Kunst München. 

Sie forscht zu techno-sozialen Theorien, die sich mit prozessorientierten künstlerischen Praktiken wie Sound und anderen fluiden Medien befassen. Sie schreibt regelmäßig für internationale Kunstmagazine, moderiert die Radiosendung „Portals“ auf Cashmere Radio Berlin und arbeitet als Dramaturgin mit der Theatergruppe The Agency an einer neuen Produktion. 

Julia Pfeiffer ist Mitgründerin von ThinkTech. Eine NPO, die sich mit den Auswirkungen von Technologien auf die Gesellschaft beschäftigt. Sie ist Masterstudentin in Robotics, Cognition and Intelligence an der TU München und als Projektassistenz am Haus der Kunst tätig.

Zusammen haben sie das Symposium „Radical Friends: DAO Summit for Decentralisation of Power and Resources in the Artworld“ organisiert. „Radical Friends“ untersucht, wie Macht und Ressourcen im Kunst- und Kulturbereich mithilfe digitaler Technologien anders verteilt werden. Zum Livestream des Symposiums, das am morgigen Samstag als Kooperation des Hauses der Kunst und des Goethe-Instituts stattfindet (Anmeldung nötig).

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