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Wie Europas Smart Cities klimaneutral werden

Maria Vassolakou, ehemalige Vizebürgermeisterin Wiens
Maria Vassolakou, ehemalige Vizebürgermeisterin Wiens Foto: Urban Transformation Consulting

Europas Städte werden nur dann zu klimaneutralen Smart Cities, wenn sie auf Bottom-up-Initiativen setzen, schreiben die drei Mitglieder des Mission Boards der Europäischen Kommission für die Städte Mission, Maria Vassilakou, Barbara Lenz und Martin Russ. Klimaneutralität werde zum Synonym für das Management von Innovations-Ökosystemen.

von Maria Vassilakou

veröffentlicht am 22.06.2021

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Die Europäische Kommission hat im Jahr 2020 fünf Missionen formuliert, um die großen Herausforderungen unserer Zeit – vom Kampf gegen den Krebs bis zur Klimakrise – zu adressieren. Eine davon ist die „Städte Mission“, deren Ziel es ist, dass bereits im Jahr 2030 in ganz Europa 100 Städte und Stadtteile klimaneutral sind.

Bereits der Titel der Mission „100 klimaneutrale Städte bis 2030 für und von den Bürger:innen“ verrät die zentrale Rolle, die den Bürger:innen hier zukommt. Tatsächlich lässt sich die Vision von klimaneutralen Städten nur unter breitester aktiver Beteiligung aller Teile einer Stadtgesellschaft in die Wirklichkeit „übersetzen“. Schließlich kann Klimaneutralität weder von oben verordnet werden, noch lässt sie sich alleine über technische Lösungen erreichen. Es gilt jede und jeden von uns zu inspirieren, zum Handeln zu motivieren und Bottom-up-Initiativen zu unterstützen.

Mit vielen kleinen Projekten hin zur großen Veränderung

Es geht um eine Collage aus tausenden kleinen und mittelgroßen Projekten, die gemeinsam ein großes Bild ergeben – mehr noch, sich zu einem systemischen Transformationsprozess mit messbaren Ergebnissen zusammenfügen lassen. Hier steckt eine besondere Herausforderung für die meisten Städte, zugleich aber auch eine großartige Chance. Wie kann es gelingen, ganz unterschiedliche Lösungsansätze zuzulassen, ohne dass Widersprüche beginnen, den Prozess zu zerreiben?

Der gewählte Weg der vielen Lösungen adressiert eines der großen Mankos der Innovationspolitik der letzten Jahre. Allen guten Intentionen zum Trotz müssen wir heute ein „Transformationsversagen“ anerkennen, weil es bislang nur unzureichend gelungen ist, Wege hin zur Klimaneutralität – die am Papier vielfach existieren – in die Praxis umzusetzen. Mehr Einblick in das, was Forschung für die Bürger:innen leisten kann und echte Teilhabe an den Umsetzungen, soll die Menschen auf diese Reise mitnehmen. Vieles wird sich auf dem Weg wandeln: Das Verhältnis der Stadtverwaltungen zu ihren Bürger:innen, die Art wie Wertschöpfungsketten in Städten funktionieren und wie Ressourcen fließen und das Verständnis eines erfüllten, nachhaltigen Lebens in der Stadt.

Die Herausforderungen verlangen eine neue Art von Commitment

Eine derartige Transformation in so kurzer Zeit ist wagemutig, aber realistisch. Und angesichts der drohenden Folgen der Klimakrise notwendig. In neun Jahren effektive Wirkungen zu erzielen und Lösungen auch transferier- und skalierbar zu machen, erscheint fast unmöglich. Es wird notwendig sein, verschiedenste städtische und europäische Institutionen und deren Handlungen in Einklang zu bringen. Es wird neue Formen der Finanzierung brauchen, weil städtische Kassen in den allermeisten Fällen diese nicht allein werden tragen können. Dabei muss gesehen werden, dass die Kosten der Inaktivität deutlich höher ausfallen werden als jene der proaktiven Gestaltung.

Mit den angestrebten hundert Städten alleine ist die Transformation auch nicht geschafft. In diesen Städten entsteht das Portfolio an Maßnahmen, die schließlich alle EU-Städte zu ihrer neuen lokalen Collage fügen können. Das Koordinationsinstrument der Mission sind sogenannte „Climate City Contracts“, in denen die gemeinsamen Aktivitäten über Politik- und Verwaltungsebenen, die Kooperationen mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft festgeschrieben werden.

Die Städte-Mission braucht „Public-Plural-Partnerships“

Schon die Interessensbekundung, mit der sich Städte in der ersten Phase der Mission bewerben, soll in einem kollaborativen Prozess mit den Bürger:innen gemeinsam entstehen. Jene Strukturen, die dafür geschaffen werden, jene Erfahrungen, die aus diesem Prozess gewonnen werden, bilden das Fundament der Mission in der Zukunft. Doch wie soll man sich das genau vorstellen? Ein Blick in die Praxis jener Städte, die traditionell mit offenen Co-Design-Prozessen arbeiten, lässt den Weg erkennen.

Die Stadt Amsterdam hat mit „Amsterdam Smart City“ eine Agentur eigens dafür geschaffen, um gemeinsame lokale Lösungen für komplexe urbane Fragen zu realisieren. Eine institutionalisierte Innovationsplattform ist für die Stadt ein zentrales Instrument, um aus einzelnen Aktionen einen Transformationsplan zu machen, an dessen Ende messbare Erfolge stehen. Die Stadt Groningen ist noch einen Schritt weiter: Sie hat eine eigene Energiestrategie entwickelt, die aus 130 lokalen Aktionsplänen besteht – einen für jede „Nachbarschaft“. Der Ansatz, einen Klimavertrag für die gesamte Stadt in 130 lokale Klimaverträge zu übersetzen, war wichtig, um die Bürger:innen zu mobilisieren und Gold wert, um neue Handlungspotentiale für lokale Communities zu ermöglichen. In Wien sind „Grätzl-Oasen“ (Grätzl ist gleichbedeutend mit Kiez) entstanden, die als erste sichtbare Zeichen der Transformation in vielen Straßen und Gassen der Stadt erblühen. Die Grätzl-Oase ist so zu einer selbstverständlichen Bottom-up-Möglichkeit geworden, um ganze Straßenzüge zu transformieren.

Mit einer Vision schaffen wir es

Das gemeinsame Meistern dieser Herausforderungen ist der größte Benefit, den die Mission der 100 klimaneutralen Städte mit sich bringt: mit offenen Strukturen umzugehen, eigene Instrumente weiterzuentwickeln, ein neues Mindset für städtische Verwaltungen zu etablieren und in ein neues Verständnis von Urbanität und Demokratie einzutreten. Klimaneutralität wird zum Synonym für das Management von Innovations-Ökosystemen.

 Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommele nicht Leute zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre den Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer“, so die berühmte Parabel von Antoine de Saint-Exupéry dafür, dass es im Leben eine Vision braucht, um die ganz großen Ziele zu erreichen. Daher: Wenn wir uns wirklich ALLE daranmachen, zur städtischen Klimaneutralität beizutragen, können wir die Mission erreichen.

Maria Vassilakou, Barbara Lenz und Martin Russ sind Mitglieder des Mission Boards der Europäischen Kommission für die Städte Mission. Maria Vassilakou war Vizebürgermeisterin der Stadt Wien und berät heute Städte bei Veränderungsprozessen. Barbara Lenz war Leiterin des DLR Instituts für Verkehrsforschung und ist Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Martin Russ ist Geschäftsführer der Austriatech und bereitet den Weg für neue Mobilitätslösungen in Österreich.

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