Standpunkt „Efficiency First“ als Grundpfeiler der Energieunion

Priorität für die Energieeffizienz – ist das nur ein leerer Slogan? Nein, meinen Jan Rosenow und Andreas Jahn vom Regulatory Assistance Project, einem Think-Tank zu Regulierungsfragen. Sie sehen großes Potenzial und raten dazu, den Efficiency-First-Ansatz stärker im europäischen Regulierungsrahmen zu verankern. Es sei wichtig, die messbaren Erfolge fortzuführen und auszubauen.

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Die deutsche Bundesregierung hat sich „Efficiency First“ auf die Fahnen geschrieben und auch der Koalitionsvertrag der neuen Regierung macht sich dieses Prinzip zu eigen. Andere EU‑Mitgliedsstaaten sind hier offensichtlich noch skeptisch. Laut einem durchgesickerten Dokument des Rates der Europäischen Union widersetzen sich einige Mitgliedsländer den Beschlüssen der Kommission und des Parlaments, den Grundsatz „Efficiency First“ als eine Säule des „Clean Energy for All Europeans“-Pakets aufzunehmen.


Womöglich nahmen die Regierungschefs an, dass das Prinzip ein bloßer „Slogan“ ist, oder, falls es doch mehr als ein netter Spruch ist, dass die Mitgliedstaaten Maßnahmen ergreifen müssen, die nicht kosteneffektiv sind.


Entsprechend sollte Deutschland den Ratsmitgliedern darlegen, dass Efficiency First nicht nur ein explizites Ziel der Energieunion sein muss, sondern ein notwendiges Prinzip ist, dessen Umsetzung in Deutschland auf der Agenda steht. Denn Efficiency First ist ein innovativer Ansatz für die Energiepolitik, der privaten Verbrauchern und Unternehmen jährlich Milliarden Euro an Energiekosten spart, die Energiesicherheit verbessert und ein wesentlicher Baustein zur Erreichung der angestrebten CO2-Reduzierung ist.


Was genau ist also Efficiency First?


Efficiency First ist die Disziplin, politische Empfehlungen und Investitionsentscheidungen vor einem einfachen Hintergrund zu bewerten: Können wir den Verbrauchern gleichwertige Energievorteile und -zuverlässigkeit zu geringeren Kosten und geringeren Umweltauswirkungen bereitstellen, indem wir ihnen helfen, Energie zu sparen, anstatt mehr zu bezahlen und mehr zu verbrauchen?


Efficiency First stellt Energieeinsparungen nicht über alle anderen Energieinvestitionen. Das Prinzip verlangt lediglich, Energieeffizienz explizit zu berücksichtigen, bevor Investitionen in kostspielige angebotsseitige Infrastruktur und Brennstoffe getätigt werden. Entsprechend soll Energieeffizienz dann priorisiert werden, wenn sich herausstellt, dass Energieeinsparungen auf Kundenseite kostengünstiger sind.


Dies ist unerlässlich, um für alle Europäer eine saubere Energieversorgung zu erreichen. Efficiency First nutzt das große Potenzial der Bürger, zur Energiewende beizutragen und von ihr zu profitieren. Denn auch die Verbraucher wollen Teil der Transformation sein.


Auf den ersten Blick entspricht dies dem gesunden Menschenverstand. Selbstverständlich sollte die Politik die verbraucherseitige Energieeffizienz priorisieren, wenn Energieeinsparungen oder eine zeitliche Verschiebung des Energiebezugs einen höheren Wert haben als herkömmliche, das heißt angebotsseitige Optionen.


Leider geschieht dies nicht automatisch. Auf der Nachfrageseite gibt es zahlreiche Hürden für eine volkswirtschaftlich optimale Lösung. Auf der Angebotsseite existieren Geschäftsmodelle, die Energieeffizienz oftmals ignorieren, gestützt durch traditionelle Strukturen und Politikausrichtung. Auf Nachfragerseite führen kürzere Abschreibungszeiten zu höheren individuellen Kosten, die gepaart mit Informationsdefiziten und individuellen Präferenzen zu einem systematischen Verfehlen der volkswirtschaftlich optimalen Lösungen führen, was nur durch lenkende Eingriffe behoben werden kann.


Die internationalen Ziele von Paris


Energieeffizienz ist elementar für das Erreichen der ambitionierten CO2-Reduktionsziele im Pariser Klimaabkommen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) kann – zusätzlich zu den geplanten nationalen Emissionsminderungen – die Hälfte der weltweiten CO2-Reduktion kostengünstig durch Energieeffizienzmaßnahmen erzielt werden. Für Europa schätzt die IEA, dass 76 Prozent der zusätzlichen Emissionsminderungen bis 2030 kostenoptimal durch Erhöhung der Energieeffizienz erreicht werden können.


Es ist leicht zu erkennen, warum ein verschwenderischer Verbrauch von fossilen Brennstoffen mit ihren unwillkommenen Emissionen und steigenden Energiesicherheitskosten zu vermeiden ist. Zudem ist es jedoch auch wichtig, die effiziente Nutzung erneuerbarer Ressourcen zu maximieren, wenn wir eine schnelle und kosteneffiziente Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft anstreben. Die Verschwendung wertvoller erneuerbarer Ressourcen für den ineffizienten Endverbrauch ist wirtschaftlich wenig sinnvoll und verlangsamt die Dekarbonisierung.


Selbst wenn die Kosten irrelevant wären, bleibt als Herausforderung das Flächenangebot für Wind- und Solarstrom, das nötig ist, um fossil betriebene Kraftwerke zu ersetzen, eine wachsende Flotte von Elektrofahrzeugen aufzuladen und kohlenstoffarme Wärme zu liefern. Ein System mit einem hohen Anteil Erneuerbarer Energien kann nicht ohne umfassende Fortschritte bei den Ressourcen für Energieeffizienz und Lastmanagement erreicht werden.


Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (Irena) hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der die synergetischen Effekte von Energieeffizienz und Erneuerbaren Energien systematisch untersucht wurden. Die Schlussfolgerung ist, dass eine höhere Durchdringung von Erneuerbaren Energien erreichbar ist, wenn sie mit Energieeffizienz gekoppelt wird, was zudem zu erheblich niedrigeren Kosten des Energiesystems und einer schnelleren Dekarbonisierung führt. Efficiency First zielt darauf ab, diese Interaktionen optimal zu nutzen.


Jenseits des Slogans


Es gibt bereits gute Beispiele für nachfrageseitige Lösungen, die eingesetzt wurden, um kostspielige angebotsseitige Investitionen zu vermeiden, anzupassen oder aufzuschieben. In vielen Fällen wurde dies durch regulatorische Änderungen möglich.


Entsprechende Regulierungen würden Netzbetreiber dazu zwingen, alle kosteneffektiven Optionen sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite konsequent zu bewerten. Darüber hinaus sollten die Margen der Betreiber an Leistungskriterien gebunden sein, nicht an Investitionsvolumen oder Energiemengen.


Die EU kann und muss hier eine wichtige Rolle spielen. Dieses Jahr wird der europäische Politikrahmen für Energieeffizienz für die Zeit nach 2020 neu bestimmt. Dazu gehört eine neue Energieeffizienzdirektive, die Gebäuderichtlinie, die Initiative zur Strommarktgestaltung und die Governance-Regulierung.


Die Initiative zur Strommarktgestaltung muss Energieeffizienz zu einem grundlegenden Prinzip machen, wenn es bei der Entscheidungsfindung der Kommission, der Mitgliedstaaten, der nationalen Regulierungsbehörden, der europäischen Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (Acer) und bei den Planungen der europäischen Übertragungsnetzbetreiber für Gas und Strom (Entso-E und Entso-G) um Investitionen und Regulierung im Energiebinnenmarkt geht.


Um die Einführung von Energieeffizienz voranzutreiben und sicherzustellen, dass sie als Ressource für das Energiesystem verfügbar ist, hat Artikel 7 der Energieeffizienzrichtlinie einen wesentlichen Beitrag zur Einführung von Energieeffizienzverpflichtungen in Europa geleistet. Das muss über das Jahr 2020 hinaus erhalten und gestärkt werden.


Angesichts dessen sollte Energieeffizienz in allen nationalen Plänen und in der Berichterstattung über die Energieunion eine viel größere Rolle spielen. Diese Pläne sollten Projektionen für den Energiebedarf für 2030 und 2050 in Einklang mit den Energieeffizienzzielen bringen. Die nationalen Regierungen sollten entsprechend eine transparente und vergleichende Bewertung potenzieller angebots- und nachfrageseitiger Investitionen vornehmen. Um diese Bemühungen zu unterstützen, muss die Governance-Verordnung einen klaren Rahmen dafür bieten, wie nationale Energie- und Klimapläne dem Grundsatz „Efficiency First“ folgen sollten.


Efficiency First ist kein Slogan, die Umsetzung ist vielmehr ein notwendiger Prozess. Aus diesem Grund empfehlen wir die Entwicklung und Etablierung eines offiziellen Prozesses in der EU, um die Richtlinien und Praktiken zu identifizieren, bei denen Effizienz heute ignoriert oder unterbewertet wird. So können die Bereiche bestimmt werden, in denen großer Handlungsbedarf besteht. Entsprechend ist das Efficiency-First-Prinzip der Schlüssel, um Effizienzpotenziale zu erschließen und den europäischen Verbrauchern nachhaltige Einsparungen zu ermöglichen.


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