Standpunkt Ein Ausstieg aus der Welt des Georg Klingenberg

Mit der Abschaltung des Kraftwerks Klingenberg steigt Berlin aus der Braunkohle aus. Aber aus Berlin eine klimaneutrale Großstadt zu machen, braucht einen Komplettumbau des Energiesystems schreiben die Senatorinnen Regine Günther und Ramona Pop.

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Wenn in dieser Woche die Braunkohleverstromung im Heizkraftwerk Klingenberg abgeschaltet wird, ist dies ein bedeutender Tag für die Berliner Energie- und Klimapolitik. Es ist das Ende der großtechnischen Nutzung des klimaschädlichsten fossilen Energieträgers in Berlin. Damit geht die Hauptstadt einen großen Schritt auf dem Weg zum Kohleausstieg. Dieser Kohleausstieg ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, bis zur Mitte dieses Jahrhunderts klimaneutral zu werden. Die Stadt stellt sich damit ihrer Verpflichtung, die mit dem Klimaschutzabkommen von Paris übernommen wurde.


Das Heizkraftwerk Klingenberg ist aber nicht nur wegen des aktuellen Braunkohleausstiegs ein interessanter Reflektionspunkt für die Berliner Energiepolitik. Es erhält vor allem wegen seines Namensgebers Georg Klingenberg hohe Symbolkraft und verdeutlicht den Facettenreichtum der vor uns liegenden Aufgaben. Klingenberg war Kraftwerksplaner, ein Visionär der damaligen Stromwirtschaft und ist quasi der Vater der großtechnischen Braunkohleverstromung. Der Standort des von Georg Klingenberg konzipierten Kraftwerks ist darüber hinaus der Endpunkt einer 132 Kilometer langen Hochspannungsleitung. Ab 1918 wurde das Berliner Stromnetz erstmals aus dem weit entfernten größten Braunkohlekraftwerk der Welt in Zschornewitz bei Bitterfeld beliefert. Auch dies war ein Projekt Klingenbergs, der als AEG-Vorstand ein Verbundsystem aus großen (Braunkohle-) Kraftwerken forcierte. Genau dieses Energiesystem wollen und müssen wir nun gut 100 Jahre später ersetzen. Die Zukunft gehört Wind und Sonne als den sauberen Energiequellen des 21. Jahrhunderts, innovativen Strom- und Wärmenetzen sowie intelligenten Anwendungs- und Speichertechnologien.


Von Klingenberg lernen – für ein neues Energiesystem


Und so verdeutlicht ein Rückblick auf die Welt des Georg Klingenberg auch die vor uns liegenden Aufgaben der Energiewende für Berlin. Es wird nicht mit der Abschaltung der Berliner Kohlekraftwerke getan sein. Eine intensive Zusammenarbeit mit unserem Nachbarland Brandenburg ist angeraten, um den Braunkohleausstieg auch in den Regionen voranzubringen, aus denen wir einen wesentlichen Teil unseres Stroms beziehen. Ein Braunkohleausstieg, der den Anforderungen einer ambitionierten Klimaschutzpolitik genügt, der aber auch berechenbar für die Beschäftigten, Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Unternehmen der Region Berlin-Brandenburg ist und sich so vollzieht, dass die Anpassung des Stromsystems insgesamt gelingt. Denn nur wenn wir den Kohleausstieg ohne Strukturbrüche bei uns bewältigen, kann er auch Vorbild sein. Und ein Vorbild soll und muss dieses Großprojekt der Energiewende werden.


Jetzt ist die Steinkohle dran


Die gleichen Anforderungen gelten aber auch für den Ausstieg aus der Steinkohleverstromung in Berlin. Wir werden die verbleibenden Kohlekraftwerke in Berlin schnellstmöglich vom Netz nehmen. Aber auch hier müssen wir das Gesamtsystem im Blick behalten: Es geht nicht nur darum, die Kohle-Heizkraftwerke abzuschalten, sondern die Frage zu klären, wie wir das größte Fernwärmesystem Europas westlich von Moskau umgestalten. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass auch Erdgas-Heizkraftwerke klimaschädliche Gase ausstoßen. Als Brückentechnologie können sie allenfalls für eine Kraftwerksgeneration zur Fernwärmeversorgung beitragen. Deshalb werden wir einen Prozess initiieren, der die Umgestaltung der Fernwärmeversorgung und deren Alternativen von allen Seiten beleuchtet sowie Entwicklungsperspektiven aufzeigt. Denn ohne dass wir relativ bald eine fundierte Vision für ein smartes und CO2-neutrales Wärmenetz in Berlin haben, werden wir die verbleibenden Stufen des Kohleausstiegs nicht schnell und zukunftssicher genug angehen können.


Und noch eine Analogie ist wichtig: Im Jahr 1915 übernahm die Stadt Berlin ihr Energieversorgungsunternehmen vollständig von der AEG Klingenbergs – die spätere Bewag entstand. In den 20 Jahren danach wurde die Bewag zu einem technisch vorbildlichen, modernen Unternehmen. Die damaligen Pionierleistungen der Bewag ist  uns ein Ansporn: Auch unser Stadtwerk, im Eigentum der Stadtgesellschaft, soll ein wichtiger Baustein der Berliner Energiewende im 21. Jahrhundert werden.


Die Autorinnen sind Teil der Berliner Landesregierung an. die parteilose Regine Günther ist Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz.  Ramona Pop, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe und gehört den Grünen an.

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