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Energie & Klima

Standpunkt

Blauen Wasserstoff anzuerkennen zeugt von Realitätssinn

Carsten Rolle, Geschäftsführer Weltenergierat – Deutschland
Carsten Rolle, Geschäftsführer Weltenergierat – Deutschland

Der Schwerpunkt der nationalen Wasserstoffstrategie liegt zurecht auf internationaler Kooperation und Importen, meint Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierats Deutschland. Dass andere Länder den Wasserstoff aus Erdgas erzeugen, zumindest vorübergehend, müsse Deutschland in Kauf nehmen.

von Carsten Rolle

veröffentlicht am 27.05.2020

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Es ist fast vollbracht. Nach einem halben Jahr intensiver Diskussion unter den Ressorts wird in Kürze die nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung verabschiedet werden. Inhaltlich steht sie, letzte Governance-Details werden nun wohl hoffentlich bald geklärt sein. Die Strategie analysiert systematisch und klug die Ausgangslage, „identifiziert wichtige“ Fragestellungen, gibt Orientierung und listet eine Reihe von notwendigen Maßnahmen auf. Zusammen mit den Strategien von Japan (2018), Südkorea (2019) und den Niederlanden (April 2020) gehört sie damit zu den umfassendsten und konkretesten Wasserstoffstrategien, die von Regierungen bislang vorgelegt wurden.

Auf der Angebotsseite liegt der Schwerpunkt auf internationaler Kooperation und dem Import von Wasserstoff beziehungsweise wasserstoffbasierter Produkte, wofür wir im Weltenergierat frühzeitig geworben haben. Denn nur so können Erneuerbare Energien langfristig gespeichert, importiert und in allen Sektoren genutzt werden. Der Aufbau nationaler Elektrolysekapazitäten erscheint mit geplanten drei bis fünf Gigawatt bis 2030 überschaubar – allein die Niederlande planen drei bis vier GW in dieser Zeit.

Angesichts der Akzeptanzprobleme neuer Windparks hierzulande ist es aber richtig, den Schwerpunkt in der Kooperation mit europäischen Nachbarstaaten zu suchen, gerade für mehr Offshore-Wind-Kapazitäten (bis zu weiteren fünf GW), aber auch für die Solarpotenziale im wirtschaftlich angeschlagenen Süden Europas. Außerhalb Europas sollte sich die Suche nicht nur auf Entwicklungsländer fokussieren, sondern breiter gemeinsame klimapolitische und wirtschaftliche Interessen in den Blick nehmen, um schrittweise einen globalen Markt für Wasserstoff zu etablieren. Dabei anfangs auch die Präferenzen anderer Länder für blauen oder türkisen Wasserstoff anzuerkennen, zeugt von Realitätssinn

Nachfrageseitig wird die Strategie vor allem beim Einsatz von Wasserstoff in der Industrie vergleichsweise konkret, wo mit Contracts for Difference auch Betriebskostennachteile beim Einsatz von grünem Wasserstoff in Stahl- und Chemieindustrie ausgeglichen werden sollen – ein vielversprechender Ansatz. Die genannten Bedarfe sind allerdings sehr konservativ geschätzt und wohl nur dann mit anspruchsvollen klimapolitischen Zielen vereinbar, wenn zusätzlich zum Wasserstoff auch CCUS Technologien doch noch zum Einsatz kommen sollten.

Im Verkehrssektor bleibt die Strategie dagegen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Zwar werden Luft- und Seeverkehr als Absatzfelder genannt und sogar Quoten erwogen. Im dominierenden Straßenverkehr beschränkt sich die Strategie aber auf Brennstoffzellenantriebe und schließt eine Förderung von wasserstoffbasierten synthetischen Kraftstoffen de facto aus. Damit kann die vergleichsweise hohe Zahlungsbereitschaft des Straßenverkehrs nicht für den Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft genutzt werden. Der Markthochlauf hängt damit zukünftig stärker als nötig an der Finanzierungsbereitschaft des Finanzministers.

War es das jetzt für diese Legislaturperiode beim Thema Wasserstoff? Hoffentlich nicht! Unter deutscher Ratspräsidentschaft muss dieses Jahr eine europäische Strategie erarbeitet werden, denn Fragen der gemeinsamen Planung, Regulierung und Finanzierung von Wasserstoffinfrastrukturen, von Beimischungsstandards, beihilferechtlichen Voraussetzungen von Förderinstrumenten, der Zertifizierung von Wasserstoff und eine Umstellung der Energiebesteuerung auf CO2 können nicht national unterschiedlich entschieden werden.

Was internationale Kooperationen angeht, ist es richtig, über gemeinsame Projekte innerhalb Europas ebenso voranzugehen wie über bilaterale Partnerschaften außerhalb der EU. Internationale Kooperation benötigen wir aber mindestens ebenso auch mit Industrieländern auf der Nachfrageseite, wenn es um offene Fragen des Aufbaus von Logistikketten für Wasserstoff und seine Derivate geht oder um Themen wie Standards oder Quotenlösungen für bestimmte Anwendungsfelder. Hier liegt ein blinder Fleck der Strategie, dem wir uns auch im Weltenergierat stärker zuwenden wollen.

Auch in Deutschland können wir jetzt nicht zwei Jahre mit konkreten Umsetzungsschritten warten, sondern müssen die laufende Legislaturperiode aktiv nutzen. Die aktuellen Diskussionen um eine Absenkung der Abgabenlast bei den Stromkosten – ob bei den Netzentgelten oder der EEG-Umlage – machen Hoffnung, dass es die Regierung mit ihrer Wasserstoffstrategie wirklich ernst meint. Und angesichts der Stärken der deutschen Industrie bei dieser Technologie könnte hier gezeigt werden, wie Industrie- und Klimapolitik mit internationaler Kooperation auch in Krisenzeiten erfolgreich zusammengehen können. Wir müssen es nun einfach tun!

Dr. Carsten Rolle ist Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik beim Industrieverband BDI und Geschäftsführer der deutschen Sektion des Weltenergierats.


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