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Energie & Klima

Standpunkt

Bundesnetzagentur mit neuem Präsidenten: Die Weichen auf Modernisierung im Netz stellen

Thomas König, Chief Operating Officer Netze, Eon
Thomas König, Chief Operating Officer Netze, Eon Foto: Eon

Miteinander, nicht gegeneinander: Thomas König, bei Eon Chief Operating Officer für die Stromnetze, plädiert in seinem Standpunkt für mehr Tempo und mehr Unterstützung beim Verteilnetzausbau. Denn die Gefahr sei groß, dass er dem Ausbau der erneuerbaren Energien hinterherhinke. Der neue Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller müsse darauf achten, nicht weiterhin die kurzfristige Kosteneffizienz in den Mittelpunkt der Regulierung zu stellen.

von Thomas König

veröffentlicht am 08.04.2022

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Der brutale Überfall auf die Ukraine führt uns schmerzhaft vor Augen, wie fragil Frieden und Demokratie in Europa sind. Die schrecklichen Geschehnisse verdeutlichen: Sichere und bezahlbare Energie ist nicht selbstverständlich. Schlimmstenfalls könnten im Energiesektor Versorgungsengpässe mit schweren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen drohen.

Es wird wichtiger denn je, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren. Deutschland und die EU wollen dafür den Ausbau Erneuerbarer Energien weiter vorantreiben und fördern. Welcher Kraftakt dahinter steckt, verdeutlicht folgender Vergleich: Allein um die bisherigen Klimaziele der neuen Bundesregierung zu erreichen, müssten wir in Deutschland nur im Bereich Photovoltaik jeden Tag 30 Fußballfelder mit Solaranlagen bebauen. Ab sofort. Sieben Tage die Woche, bis 2030! 

Netzausbau ist Schlüssel zur Klimaneutralität

Neben der Erzeugung aus erneuerbaren Energiequellen kommt leistungsstarken und intelligenten Energienetzen eine Schlüsselrolle zu: Sie sorgen dafür, dass saubere Energie auch dort ankommt, wo sie benötigt wird. Bei der Diskussion um die Zukunft der Energieversorgung fristet das Netz im Vergleich zu Windrädern und Solaranlagen aber immer noch ein Schattendasein in der Politik und Öffentlichkeit. Für jede erneuerbare Energieanlage, Wärmepumpe und jedes Elektroauto muss das Netz vorausschauend mitgedacht und ausgebaut werden. Denn was ist ein Mobiltelefon ohne Empfang oder ein Auto ohne Straße? 

Investieren wir nicht kontinuierlich und ausreichend in intelligente Stromnetze, kommt es zu Netzengpässen. Erneuerbare-Energien-Anlagen müssen abgeregelt werden – das kostet viel Geld und verschwendet Energie, auf die wir jetzt noch mehr angewiesen sind als vorher. Allein im letzten Jahr haben die deutschen Stromkunden über eine Milliarde Euro dafür bezahlt, dass grüne Energie nicht genutzt werden konnte. Nur, wenn jede Kilowattstunde grüner Strom auch bei den Verbrauchern ankommt, können wir unsere Klimaschutzziele erreichen und die Strompreise bleiben bezahlbar. 

Der vorausschauende Ausbau und die Pflege unserer Energieinfrastruktur bedeutet einen enormen finanziellen Kraftakt – laut DenaLeitstudie vom letzten Oktober sind dafür rund 70 bis 80 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 und bis zu 180 Milliarden Euro bis 2050 für die deutschen Stromverteilnetze notwendig. Klar ist auch: Ein „Kaputtsparen“ der Netze wird am Ende volkswirtschaftlich deutlich teurer. 

BNetzA hatte zu lange kurzfristige Kosteneffizienz im Blick 

Durch das Urteil des Europäischen Gerichtshof von 2021, in dem festgestellt wurde, dass Teile der Netzregulierung nicht direkt durch die Politik vorgegeben werden dürfen, wächst die Aufgabenstellung der Bundesnetzagentur und damit auch ihre Verantwortung für das Gelingen der Energiewende. Dies müssen wir als Chance begreifen, um endlich die klimapolitischen Ziele unseres Landes mit der Regulierung zu verbinden. Der Wechsel an der Spitze der Bundesnetzagentur sollte dafür ein Zeichen setzen. Anfang März hat diedeutsche Bundesregierung Klaus Müller, vormals Vorstandsvorsitzender des Verbraucherzentrale Bundesverband, zum neuen Präsidenten der Bundesnetzagentur ernannt. Er löst damit Jochen Homann ab.

Wir wurden gefragt, ob es mit dem „Verbraucherschützer“ Müller nun ungemütlich für uns als Netzbetreiber wird. An dieser Frage stören mich zwei Aspekte: Erstens, vorrauschauenderNetzausbau ist Verbraucherschutz. Und zweitens: Wir brauchen kein Gegeneinander von Energiewirtschaft versus Bundesnetzagentur. Wir haben zwar unterschiedliche Rollen, tragen aber die gleiche Verantwortung.

Die Bundesnetzagentur hat allerdings ihren Schwerpunkt zu lange auf kurzfristige Kosteneffizienz gelegt. Anstrengungen von Netzbetreibern über das Minimum des Netzausbaus hinaus waren kaum möglich. Das hat auch historische Gründe: Als die Anreizregulierung entstand, steckte die Energiewende gerade mal in ihren Kinderschuhen. 

Das Ziel, kurzfristig die Netzentgelte so gering wie möglich zu halten, ist langfristig gesehen ein Trugschluss. Wir dürfen jetzt nicht auf kurze Sicht fahren, sondern sollten unsere Netze vorausschauend ausbauen. Wenn wir heute nicht ausreichend in Klimaschutz investieren, müssen nachfolgende Generationen unsere Zeche zahlen. 

Wir erwarten, dass unter der Führung des neuen Präsidenten, Klaus Müller, jetzt die Weichen für Modernisierung und Wachstum im Netz gestellt werden. Klimaschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Das heißt, auch die Bundesnetzagentur ist auf das Erreichen der Klimaschutzziele zu verpflichten und sollte diese bei ihren Entscheidungen berücksichtigen. Das Ziel der Regulierungsbehörde sollte es sein, langfristig den Klimaschutz für die Gesellschaft so kosteneffizient wie möglich zu gestalten. 

Bundesnetzagentur als Gestalterin der Energiewende 

Die Bundesnetzagentur muss sinnbildlich zur Gestalterin der Energiewende werden. Sie muss die erforderlichen Investitionen in den Netzausbau anreizen, die zur Erfüllung der neuen Anforderungen an die Verteilnetzbetreiber gebraucht werden. Dazu gehören auch Investitionsbedingungen, die im europäischen Vergleich wettbewerbsfähig sind. Vorausschauender Netzausbau muss im Verteilnetz ohne regulatorische Nachteile möglich werden, um schneller ausbauen zu können. Nur so wird eine synchrone Integration von Erneuerbaren und neuen Verbrauchern wie Elektromobilität oder Wärmepumpen in das Netz ermöglicht. Heute haben Erneuerbare-Energien-Anlagen zwei bis fünf Jahre Planungs und Genehmigungszeiten, bei Hochspannungsleitungen auf der 110 Kilovolt (kV)-Ebene sind es acht bis zwölf Jahre. Es ist offensichtlich, dass ein solches System „zweier Geschwindigkeiten“ nicht lange gutgehen kann. 

Deutschland muss wieder zum Vorreiter der Energiewende werden. Wir dürfen beim Ausbau der Erneuerbaren und der Energienetze nicht weiter hinterherhinken. Wenn die Tesla-Gigafactory in Brandenburg nach etwas mehr als zwei Jahren eröffnet werden kann, dann darf die Planungs- und Genehmigungszeit einer 110 kV-Leitung nicht bis zu zwölf Jahre dauern. Wir brauchen jetzt einen engen Schulterschluss von Wirtschaft, Politik und Regulierung. Eine sichere, bezahlbare und klimaneutrale Energieversorgung gelingt uns nur miteinander, nicht gegeneinander.

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