Chile will Wasserstoff-Know-how aus Deutschland

Kann Chile zum Lieferanten grünen Wasserstoffs für Deutschland werden? Zunächst interessiert sich das Land für deutsche Technologie und Expertise, wie sein Energieminister deutlich macht. Er glaubt, dass chilenischer Wasserstoff trotz großer Transportentfernungen international wettbewerbsfähig wird.

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Nordafrika, der Nahe Osten und Australien gelten als potenzielle Lieferanten grünen Wasserstoffs für Deutschland. Eine konkrete Absprache zum Bau einer Elektrolyseanlage als Keimzelle einer lokalen Wasserstoffindustrie gibt es jedoch erst mit Marokko. Bisher ist ungewiss, wo genau die riesigen Importmengen dieses Energieträgers herkommen sollen, die Deutschland nach Plänen der Bundesregierung bei der Dekarbonisierung insbesondere seiner Industrie einsetzen soll. In der vergangenen Woche hat sich ein weiterer möglicher Lieferant präsentiert: Chile.

Der chilenische Energieminister Juan Carlos Jobet warb in einem Webinar mit deutschen Managern um Technologieinvestitionen aus Deutschland zum Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft. Chile sei bereits dabei, sein Energiesystem unter Beteiligung internationaler Energieunternehmen und Finanzinvestoren auf Erneuerbare umzustellen, sagte Jobet. Für eine Wasserstoffwirtschaft aber brauche das Land nun „Ingenieurleistung und Technologie von Unternehmen, wie sie heute hier anwesend sind“. Er versprach: „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“

Sein Ministerium werde demnächst eine nationale Wasserstoffstrategie vorlegen, sagte Jobet während der Veranstaltung. Organisiert hatte das Webinar die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die Chile unter anderem bei der Entwicklung einer Wasserstoff-Regulierung berät und die 2019 begonnene Deutsch-chilenische Energiepartnerschaft koordiniert.

Deutscher Botschafter: „Chile kann Schlüsselpartner sein“

Der deutsche Botschafter in Chile sieht gute Voraussetzungen für eine wachsende Wasserstoffkooperation: „Chile kann ein Schlüsselpartner bei der Produktion grünen Wasserstoffs sein“, sagte Christian Hellbach. „Wir wollen, dass deutsche Unternehmen Teil dieser Erfolgsgeschichte sind.“ Chile habe sich wie Deutschland einer nachhaltigen Wirtschaft verschrieben und steige aus der Kohleverstromung aus.

Nach Jobets Worten unterstützt die chilenische Regierung derzeit 15 Wasserstoffprojekte und baut Kooperationen auch mit Japan, Australien und Großbritannien auf. An einem Projekt in Patagonien sei ein deutsches Unternehmen beteiligt, das synthetische Kraftstoffe nach Deutschland exportieren wolle. Nähere Angaben dazu machte der Minister nicht. In einem weiteren Vorhaben geht es um Wasserstoff für Brennstoffzellen-Gabelstapler des US-amerikanischen Handelsriesen Wallmart. Ziel eines dritten Projekts: Wasserstoff für Fahrzeuge des wichtigsten chilenischen Wirtschaftssektors, des Kupfer-Bergbaus.

Während des Webinars hörten Jobet knapp 100 Teilnehmer zu, darunter Unternehmensvertreter aus der deutschen Solarbranche, aus dem Energie-Großanlagenbau, aus der Stahlindustrie sowie eines Herstellers von Transporttechnik für Wasserstoff.

70 Prozent Erneuerbare bis 2030

Jobet warb mit Standortvorteilen seines Landes und versuchte, möglichen Zweifeln an dessen Stabilität nach teils gewalttätigen Protesten gegen die Regierung im vergangenen Jahr vorzubeugen. Bei Straßenunruhen in der Hauptstadt Santiago und anderen Städten waren mehrere Menschen getötet worden. Die Regierung versuche seitdem, soziale Härten zu lindern, sagte Jobet. Der liberalkonservative Politiker und Harvard-Absolvent bekleidet den Posten des Energieministers in der Regierung von Präsident Sebastián Piñera seit Juni 2019.

In seiner Argumentation entwarf Jobet ein ehrgeiziges Erneuerbaren-Szenario. Von 49 Prozent Erneuerbaren-Anteil an der Stromversorgung will das Land sich bis 2030 auf 70 Prozent steigern. Tatsächlich hat es weit bessere Voraussetzungen für den Erneuerbaren-Ausbau als Deutschland: viel Platz, intensive Sonneneinstrahlung für Photovoltaik im Norden und starke Winde für Windkraftwerke im Süden. Im vergangenen Jahr gingen drei Kohlekraftwerke vom Netz, spätestens 2040 soll das letzte schließen. Die chilenische Kohlekommission wird von der GIZ beraten. 

Derzeit sind Jobet zufolge Wind-, Solar-, Wasserkraft und Übertragungsnetzprojekte im Wert von 23 Milliarden US-Dollar in Entwicklung. Dazu zählt das geplante Solarkraftwerk Cerro Dominador nach dem Concentrated-Solar-Power-Prinzip (CSP) in der Atacama-Wüste. Mit einer Kapazität von 110 Megawatt soll es das größte seiner Art in Lateinamerika werden.

Heizen und Kochen mit Holz

Eine Hürde für den Erneuerbaren-Ausbau sind die großen Entfernungen, über die das Übertragungsnetz ausgebaut werden muss. Im Süden muss zudem viel in moderne Wärmetechnik investiert werden. Dort wird vielerorts mit Holz geheizt und gekocht, was zu hoher Umweltbelastung und zu Atemwegserkrankungen führt.

Beim weiteren Umbau des Energiesystems soll nun Wasserstoff eine Hauptrolle erhalten, den Chile selbst nutzen, aber nach Jobets Worten auch per Schiff weltweit exportieren will. In die inländische Wasserstoff-Forschung und Entwicklung sollen Erlöse aus dem zunehmenden Lithium-Export Chiles fließen

Der Energieminister stützt seine optimistischen Prognosen auf Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey, die Chile eine im internationalen Vergleich besonders drastische Kostensenkung bei der grünen Stromerzeugung prophezeit. Strom wird nach Jobets Interpretation so billig werden, dass chilenischer Wasserstoff trotz vergleichsweise hoher Transportkosten auf dem asiatischen, amerikanischen und europäischen Markt konkurrieren kann. Bis 2050, so Jobet, könne sein Land einen Weltmarkanteil von fünf Prozent erreichen.

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