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Energie & Klima

Standpunkt

Christian Stolte

Bereichsleiter Klimaneutrale Gebäude, Deutsche Energie-Agentur (Dena)
Bereichsleiter Klimaneutrale Gebäude, Deutsche Energie-Agentur (Dena) Foto: Dena

Ist allein die unmittelbare Emissionsminderung die entscheidende Größe bei der Gestaltung der Energiewende im Gebäudebereich? Nein, meint Christian Stolte, Bereichsleiter der Dena. Er schlägt vor, aufgrund der vielfachen Vorteile, das Thema Energieeffizienz umfassend anzugehen und stellt Umsetzungsforderungen an die neue Bundesregierung.

von Christian Stolte

veröffentlicht am 12.01.2022

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Gerade in Zeiten vor und nach einer neuen Regierungsbildung wird viel und zum Teil kontrovers diskutiert, da wesentliche Richtungsentscheidungen anstehen. Einige der aktuellen Diskussionsstränge um die Energieeffizienz lassen dabei hellhörig werden und befürchten, dass die Bedeutung der Energieeffizienz ins Hintertreffen gerät.

Dadurch würden dringend notwendige Beiträge für Klimaschutz und Energiewende im Gebäudebereich ungenutzt bleiben. Kürzlich sprach sich etwa die Bauministerkonferenz dafür aus, das Gebäudeenergiegesetz (GEG) grundsätzlich zu überarbeiten mit dem Ziel, die Treibhausgas-Emissionen als zentrale Steuerungs- und Zielgröße zu etablieren und eine „einseitige Ausrichtung an der Gebäudedämmung“ zu beenden.

Woran sich diese Beobachtung der Einseitigkeit allerdings festmacht, ist schwer nachvollziehbar. Teile der Immobilienwirtschaft argumentieren sogar, aus den Anforderungen an die Gebäudehülle erwachse ein Hemmnis für den Klimaschutz. Auch der Koalitionsvertrag bleibt bei der Energieeffizienz verglichen mit den erneuerbaren Energien oft etwas vage: Neubauförderung solle sich auf Emissionen fokussieren, recht detaillierte Vorgaben gibt es für Heizungen und Solaranlagen, qualitative oder quantitative Effizienzziele finden sich hingegen nicht explizit im Vertragswerk.

So werden erst die nächsten Wochen und Monate zeigen, wie stark die Energieeffizienz bei der Maßnahmengestaltung Berücksichtigung findet. Klar ist: eine Energiewende im Gebäudebereich ist ohne starke Energieeffizienz zum Scheitern verurteilt. Drei Gründe sind maßgeblich:

I. Systemtransformation benötigt Energieeffizienz

Die Dena-Leitstudie Aufbruch Klimaneutralität zeigt: Wir brauchen einen breiten Mix! Erneuerbare Energien, Effizienz bei Gebäuden und Industrie sowie einen Hochlauf treibhausgasneutraler Brenn- und Kraftstoffe sind dabei die Schlüsselstellen. All dies ist mit massiven Herausforderungen verbunden: Laut Koalitionsvertrag soll sich die erneuerbare Stromerzeugung von derzeit rund 250 Terawattstunden bis 2030 auf mindestens 544 TWh mehr als verdoppeln und die Netze beschleunigt ausgebaut werden.

Auf Verbraucherseite müssen Wärmepumpen ein wahres Wachstumsfeuerwerk entfachen. Ein internationaler Markt für treibhausgasneutrale Brenn- und Kraftstoffe muss entstehen. Für all dies ist Entschlossenheit auf der einen und Akzeptanz auf der anderen Seite notwendig. Die erhebliche Nachfrage nach grünen Energieträgern und Technologien wird sich auch in der Preisgestaltung niederschlagen. Um Nachfrage, Preise und den weiteren Ausbau der Anlagen im machbaren Rahmen zu halten, ist eine Reduzierung des Verbrauchs unabdingbar – durch Energieeffizienz.

Gelingt es beispielsweise im Gebäudebereich, die jährliche Sanierungsrate stetig bis auf 1,9 Prozent zu erhöhen, so würde der Strombedarf auch angesichts einer wachsenden Zahl von Wärmepumpen im Gebäudebereich bis zum Jahr 2045 um plus 29 TWh auf 304 TWh steigen. Gelingt hingegen nur eine geringere Steigerung auf 1,4 Prozent, wären sogar plus 66 TWh erneuerbarer Strom (oder größere Mengen anderer treibhausgasneutraler Brennstoffe) notwendig – mit entsprechend größerem Druck auf Verfügbarkeit, Verteilung und Finanzierbarkeit. Auch das Ziel des Koalitionsvertrages, den Anteil der Erneuerbaren beim Strom bis 2030 auf 80 Prozent zu steigern, wird am Ende nur mit Erfolgen bei der Energieeffizienz erreichbar sein.

II. Energieeffizienz steigert Marktfähigkeit

Investitionen in bessere Effizienzstandards an der Gebäudehülle, aber auch in die Anlagentechnik bewirken, dass sich die Verbräuche und damit die permanent laufenden Betriebskosten verlässlich reduzieren. Dies mindert nicht nur die Kosten und die Abhängigkeit von Energiepreisentwicklungen, sondern steigert somit auch die Berechenbarkeit der zukünftigen geringeren Zahlungen.

Der steigende CO2-Preis wird diesen Effekt zusätzlich noch verstärken. Auch die im Koalitionsvertrag vorgesehenen Ansätze zur Teilwarmmiete und die an Effizienzklassen orientierte Aufteilung des CO2-Preises profitieren von mehr Energieeffizienz. Grund dafür ist, dass Effizienz das Kostenrisiko auf beiden Seiten reduziert.

Abgeleitet aus Top-Down-Analysen des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland wird hin und wieder argumentiert, dass energetische Sanierungen insgesamt nur einen deutlich geringeren Einspareffekt als erwartet erbringen würden. Diese Argumentation trifft jedoch nachweislich für die konkreten einzelnen energetischen Sanierungen nicht zu. Die Dena hat in über 400 realisierten Gebäuden die Verbräuche nach Sanierungen über mehrere Jahre erfasst und den Einspareffekt beziffert: Die errechnete prozentuale Einsparung konnte auch in etwa erreicht werden. Bei den begleiteten sanierten Gebäuden lag sie im Durchschnitt bei knapp 75 Prozent Endenergieeinsparung. Energieeffizienz zahlt sich aus!

III. Energieeffizienz ist ein volkswirtschaftlicher Treiber

Die meisten der Effizienzmaßnahmen in Gebäuden werden von lokalen Planenden und dem örtlichen Handwerk umgesetzt. Die eingesetzten Produkte sind überwiegend regional oder aus heimischer Produktion. Somit ist Energieeffizienz auch ein Treiber der Wertschöpfung vor Ort und stärkt regionale Strukturen. Gleichzeitig bewirken Anforderungen an Energieeffizienzstandards Innovationsimpulse bei den eingesetzten Produkten und Technologien.

Dass es mit Blick auf die Klimaneutralität auch um die Verfügbarkeit von Fachkräften geht, trifft hierbei nicht nur auf den Gebäudesektor zu. Vor dieser Herausforderung stehen von der Erzeugung bis zum Verbrauch alle Sektoren gleichermaßen. Auch hierfür müssen neue Lösungen entstehen. Die Serielle Sanierung gehört auch dazu. Eine technologieoffene Planung und Umsetzung kann zudem Flexibilität und Spielraum schaffen. Energieeffizienz stärkt die Wertschöpfung!

Fazit: Mit Effizienz vorangehen

Entgegen mancher Stimmen aus der Branche wäre es daher der falsche Pfad, jetzt ausschließlich auf die Treibhausgasminderung zu fokussieren. Es muss vielmehr bei allen Instrumenten darauf geachtet werden, dass Energieeffizienz eine gleichberechtigte Säule des Klimaschutzes bleibt.

Das bedeutet erstens: Das neue GEG muss in seiner Zielarchitektur neben den im Zentrum stehenden Emissionsminderungen auch weiterhin ambitionierte Anforderungen an die Effizienz der Gebäudehülle enthalten.

Zweitens: Die Förderung muss weiter so ausgestaltet sein, dass Effizienzmaßnahmen ebenso attraktiv angereizt werden wie der Einsatz von Erneuerbaren Energien.

Drittens: Effizienz muss auch bei technischen Anlagen und den leitungsgebundenen Energieträgern berücksichtigt werden. Auch für eine erfolgreiche Dekarbonisierung der Fernwärme ist die Gebäudeeffizienz und die Effizienz des Gesamtsystems entscheidende Stellschraube.

-        Viertens: Märkte und Geschäftsmodelle für Energieeffizienz müssen intensiv entwickelt und vorangetrieben werden. Serielles Sanieren ist ein gutes Beispiel dafür. Energiedienstleistungen können zunehmend zu Effizienzdienstleistungen werden, wie das Energiesparcontracting zeigt.

Und schließlich: Eine neue Gebäudestrategie Klimaneutralität und der Roadmap-Prozess Energieeffizienz 2045 des Wirtschafts- und Klimaschutzministeriums sind für diese anstehenden Diskussionen wichtige Formate.

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