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Energie & Klima

Standpunkt

Das Ende der Status-Quo-Bewahrer

Felix Staeritz, Gründer und CEO, FoundersLane
Felix Staeritz, Gründer und CEO, FoundersLane

Der Veränderungsdruck auf Unternehmen durch den Klimaschutz ist allgegenwärtig, argumentiert Felix Staeritz, Experte für Innovation in Großunternehmen, in seinem Standpunkt. Geschäftsmodelle seien gefährdet. Er rät zu digitalen Plattformen und Kooperationen mit Gründern. Die Großen von heute hätten auch Wettbewerbsvorteile, müssten sie aber konsequent nutzen.

von Felix Staeritz

veröffentlicht am 15.02.2021

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„Das haben wir immer so gemacht!“ Wer anno 2021 immer noch das Unternehmer-Mantra eines Mittelständlers aus den Neunzigerjahren Jahren runterbetet, wird sein blaues Wunder erleben. Ohne den Mittelständlern zu nahe treten zu wollen, denn unter ihnen gab es auch damals viele innovative Köpfe: Der Klimawandel stellt die Wirtschaft aktuell quasi auf den Kopf – und damit auch Unternehmertum. Es wird ernst! Die gute Nachricht vorweg: Die neue grüne Wirtschaftswelt bietet auch Opportunitäten.

Wer gedacht hat, die Sustainable Development Goals, kurz SDGs, der Vereinten Nationen würden als schön ausformulierte Ziele das eigene Wirtschaften nicht tangieren, sieht sich getäuscht. Unternehmen müssen ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Im Januar bekannten sich sechs führende Wirtschaftsprüfungsgesellschaften dazu, Klimarisiken von Unternehmen sauber in Finanzberichten zu reflektieren, laut TagesspiegelBackground verbunden mit „erheblichen Auswirkungen“. Kein größeres Unternehmen könne sich fortan um Klimatransparenz drücken. Das Umweltbundesamt bläst ins gleiche Horn: Unternehmen sollten umfassend und öffentlich zu Klimarisiken berichten. Für UBA-Präsident Dirk Messner gehört Klimamanagement als „ein Baustein des Nachhaltigkeitsmanagements und der Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle in jede Unternehmensstruktur“.

Damit nicht genug: Ende Januar forderte Larry Fink, CEO des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, in seinem jährlichen Brief an die Konzerne, dass diese ihre Geschäftsmodelle an eine klimaneutrale Wirtschaft anpassen. Andernfalls würden das Geschäft und die Bewertung leiden. Die Klimaneutralität mache einen Wandel der gesamten Wirtschaft erforderlich.

Neue Anreize für Mitarbeiter sind notwendig

Augen zu und durch, das funktioniert aktuell nicht mehr. Die Kapitalmärkte preisen die Zukunftsfähigkeit der Geschäftsmodelle längst ein – priorisieren diese sogar gegenüber rückwirkenden harten betriebswirtschaftlichen Kennziffern wie Umsatz und Profit. Fink schreibt von einer „massiven Kapitalumschichtung“. Kein Wunder, dass „Ökowerte“ laut den Analysten von Scope seit fünf Jahren eine konstant solide Entwicklung hinlegen und den Gesamtmarkt schlagen.

Die großen europäischen Konzerne dürfen nun nicht den Fehler begehen, die Herausforderung halbherzig anzugehen. Damit der Aufbau neuer digitaler Plattformen gelingt, müssen Unternehmen zudem eine komplett neue Anreizstruktur implementieren, durch die sie den echten Erfolg einzelner Mitarbeiter messen und belohnen können. Dabei geht es nicht so sehr darum, kurzfristige Verkaufsabschlüsse zu incentivieren, sondern darum, den Beitrag eines jeden Einzelnen zum Aufbau eines profitablen Geschäftsmodells für Klimaneutralität zu belohnen.

Zudem müssen Manager und Gründer*innen Unternehmertum komplett neu, nicht mehr in Schubladen, denken. Start-ups stoßen angesichts erforderlicher Ressourcen wie Netzwerken, Kapital und Expertise in klimarelevanten Bereichen an ihre Grenzen; Konzernen fehlt die Erfahrung, durch agile Methoden rasch und ohne empirisch belastbares Datenmaterial digitale Plattformen ins Rollen zu bringen. Es ist daher Zeit, dass Gründer, Politik und NGOs und Konzerne kollaborieren. Die Zeit der Alleingänge ist vorbei.

Die aktuelle Situation bedroht schließlich nicht nur viele Kerngeschäfte bestehender Unternehmen, sondern eröffnet auch immense unternehmerische Opportunitäten in neuen klimaneutralen oder ressourcenschonenden Bereichen. Entscheidend für Konzernmanager ist daher die Frage, wie sie ihre Unternehmenswerte, auf denen ihr aktuell zwar profitables, aber keineswegs zukunftsträchtiges Geschäftsmodell beruht, nutzen können, um eben diese neuen Geschäftsmodelle aufzubauen.

Digitale Plattformen essenziell für mehr Effizienz

Just an dieser Stelle kommen digitale Plattformen ins Spiel. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) hat im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie die Brücke von Einsparpotenzial durch mehr Ressourceneffizienz und Digitalisierung geschlagen. Zehn Milliarden Euro könnte das produzierende Gewerbe hierzulande durch Effizienzsteigerungen einsparen, verbunden mit sinkendem Verbrauch kostbarer Ressourcen – in vielen Fällen sorgen genau dafür digitale Plattformen.

Wohlgemerkt fokussiert sich das IW-Gutachten ausschließlich auf das produzierende Gewerbe – die Digitalisierung und das damit verbundene Einsparpotenzial von Ressourcen betreffen aber unseren gesamten Lebens- und Arbeitsalltag. Laut einer Bitkom-Studie beeinflusst die Digitalisierung 50 Prozent der Faktoren für einen erfolgreichen Klimaschutz.

Plattformen beruhen wiederum nicht nur auf technologischen Aspekten, sondern vor allem auch auf dem möglichst frühzeitigen Erreichen einer kritischen Masse. Im Energiesektor, in der Mobilitätswelt oder auch in der städtischen Infrastruktur haben Konzerne aufgrund ihrer vorhandenen Expertise, ihrer Reputation und dem bereits existierenden Vertrauen nicht unerhebliche Wettbewerbsvorteile gegenüber jungen Unternehmen.

Sie müssen sich nur endlich trauen, mit voller Kraft, nicht auf Sparflamme, die Weichen gen digitale Zukunft zu stellen. Wer nach den erneuten Wachrüttlern zum Jahresauftakt die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt hat, für den dürfte es alsbald tatsächlich zu spät sein. Spätestens, wenn die Anleger endgültig abgewandert sind.

Felix Staeritz ist Gründer und CEO des Corporate Venture Builders FoundersLane sowie Mitglied des Board of Digital Leaders des Weltwirtschaftsforums. Jüngst veröffentlichte er als Co-Autor  „FightbackNow” ein Buch zum Thema Innovation und Neuorganisation von Unternehmen vor dem Hintergrund des Klimaschutzes.

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